Medienverbot für alle unter 16 Jahren? Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich erst jüngst für eine Altersbeschränkung von Social Media stark gemacht. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

In der Politik wird viel über Social-Media-Verbote für Jugendliche unter 16 Jahren diskutiert. Im Kreis Böblingen erleben Pädagogen die Folgen von unkontrolliertem Medienkonsum hautnah.

Wie kann man Kinder und Jugendliche vor den Risiken der sozialen Medien schützen? Das ist eine Frage, über die in der Politik seit geraumer Zeit debattiert wird. Zu einer zufriedenstellenden Lösung ist man noch nicht gekommen. Bildungsministerin Karin Prien (CDU) hat sich erst jüngst für eine Altersbeschränkung von Social Media stark gemacht – ihr Wortlaut: „Wir lassen unsere Kinder doch auch nicht ins Bordell oder in den Schnapsladen.“

 

Die Idee stieß auf viel Kritik. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Stefan Düll, hält das für realitätsfern und auch der Kinderschutzbund lehnt pauschale Social-Media-Verbote für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren ab. Wenn Kinder erst mit 16 Jahren Zugriff zu sozialen Medien erhalten würden, liefen sie erst Recht Gefahr, „unvorbereitet auf eine digitale Welt zu treffen, die den Kinderschutz längst aufgegeben hat“, hatte Sabine Andresen, die Präsidentin des Kinderschutzbundes, unserer Zeitung gesagt.

Jugend abgestumpft durch die sozialen Medien?

Diese Diskussionen sind auch dem Leiter des Böblinger Jugendhauses casa nostra, Torsten Mayer, nicht fremd. Er und seine Kollegen erfahren aus erster Hand, wie sehr Jugendliche von den Sozialen Medien beeinflusst werden. „Also man kann schon sagen, dass die Jugend dadurch abgestumpft ist in den letzten Jahren. Der Respekt hat nachgelassen“, sagt Torsten Mayer.

Das verwundere ihn nicht, in Anbetracht der Tatsache, mit was für Inhalten Jugendliche in Sozialen Medien konfrontiert würden. „Die erfahren so viele brutale Sachen. Ich habe neulich erst gehört, dass über 50 Prozent der Grundschüler schon Videos gesehen haben, in denen Menschen oder Tiere gequält werden. Das ist unfassbar. Wenn ein junger Mensch mit solchen Dingen überschüttet wird, ist es nicht verwunderlich, dass er irgendwann abstumpft.“

Die sozialen Medien haben nicht nur den Alltag Jugendlicher verändert, sondern auch die offene Jugendarbeit. Im casa nostra reagierte man schnell: Ein Raum dort wurde kurzerhand zur Medienwerkstatt umgebaut – ein Angebot, das Jugendlichen den reflektierten Umgang mit Medien näherbringen soll. „Man muss halt mit der Zeit gehen“, sagt Mayer.

Mehr als 25 Prozent aller Zehn- bis 17-Jährigen zeigen riskanten oder krankhaften Medienkonsum

Laut der Studie „Ohne Ende Online?!“ der Krankenkasse DAK und des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigen mehr als 25 Prozent aller Zehn- bis 17-Jährigen einen riskanten oder krankhaften Medienkonsum. Vor der Corona-Pandemie lag die Zahl noch bei 11,4 Prozent – ein Anstieg von 126 Prozent im Zeitraum von 2019 bis 2024. Soziale Isolation und der Verlust von Freizeitinteressen sind nur zwei der Symptome von Mediensucht.

„Manche der Jugendlichen, die zu uns ins Jugendhaus kommen, hängen fast nur am Handy“, sagt Mayers Kollege Besart Kuqi. „Wir versuchen dann gegenzusteuern, sprechen sie an: ‚Hey, was schaust du dir da an?‘ – so kommen wir in Kontakt.“ Zu Hause hingegen werde das oft nicht mehr kontrolliert. „Die Jugendlichen sind dann alleine in ihrem Zimmer, niemand schaut, was sie machen. Wenn es keine Alternativen gibt, keine Hobbys, dann verbringen sie ihre Zeit nur noch am Handy.“

Besart Kuqi kritisiert vor allem die Schnelllebigkeit der Plattformen: „Ich habe einen richtigen Hass auf TikTok entwickelt. In wenigen Sekunden – bam, bam, bam – sollen dort vermeintliche Wahrheiten vermittelt werden. Oft stimmt die Hälfte davon gar nicht, aber trotzdem glauben es viele Jugendliche.“ Gerade durch solche schnelle, oberflächliche Inhalte würden sich Fehlinformationen festigen. „Die sozialen Medien haben meiner Meinung nach viel Schaden angerichtet“, sagt der 37-Jährige. Nicht zuletzt durch falsche Vorbilder, die Jugendliche beeinflussen.

Online-Plattform für Eltern soll Abhilfe schaffen

Auch Jörg Litzenburger, Präventionsbeauftragter des Landkreises Böblingen, machen diese Entwicklungen Sorgen. „Wir überlassen das Zurechtkommen in der digitalen Welt im Prinzip oft den Kindern und Jugendlichen alleine“, sagt er. „Wichtig wäre es meiner Meinung nach zum Beispiel im Bildungsplan ein regelmäßig umgesetztes Fach wie Medienpädagogik zu haben, das sich wirklich mit den sozialen Netzwerken und ihren Auswirkungen auf junge Menschen beschäftigt.“ Aber vor allem Eltern würden eine Schlüsselrolle tragen, sagt der Präventionsbeauftragte des Landkreises – denn niemand ist näher an den Kindern dran als sie.

Ein Anfang ist gemacht: Der Kreis Böblingen stellt allen Eltern von Schulkindern seit Anfang dieses Jahres auf Litzenburgers Initiative hin kostenfrei eine Online-Plattform zur Verfügung, auf der der Medienpädagoge Clemens Beisel Tipps für den Umgang mit digitalen Medien gibt – der sogenannte „Digitale Elternabend“. Oder wie Litzenburger sagt: „Eine Elternschule zum Thema Medien.“ Zunächst wurde die Lizenz vom Landkreis für ein Jahr angekauft, aber schon jetzt stehe fest, dass man verlängere, sagt Litzenburger. Die Nachfrage ist hoch. Ein Hinweis darauf, dass das Thema nach wie vor viele Eltern überfordert. „Wir leben in einer multimedialen Gesellschaft, aber ein Großteil dieser Gesellschaft hat den richtigen Umgang mit diesen Medien nie gelernt“, fasst Litzenburger das Problem zusammen.

Stärkere Regulierung der sozialen Medien

Diskussion
Mitte August veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ein Diskussionspapier, in dem sie die Politik eindringlich dazu auffordert, den Schutz von Kindern und Jugendlichen im Internet durch strengere Regeln für soziale Medien zu verbessern. In dem Papier wird angeregt, zeitnah eine umfassende Schutzstrategie zu entwickeln, die alle sozialen Plattformen sowie Messenger-Dienste umfasst.

Empfehlung
Eine zentrale Empfehlung lautet, dass Kinder unter 13 Jahren keine Social-Media-Konten nutzen sollten – sie seien in diesem Alter psychisch und sozial noch nicht in der Lage, mit solchen Angeboten angemessen umzugehen, erklärte der Informatikexperte Johannes Buchmann bei der Präsentation des Papiers.