Das Meer steht kopf wie die postfaktische Welt: „Barents (Mare Incognitum)“ Foto: Victor S. Brigola

Medien- und Netzkunst erscheint als natürliche Ausdrucksform der digitalen Gegenwart, kann die Erwartungen aber nicht immer einlösen. Einige der jungen Künstler, die im Rahmen des Filmwinters im Kunstbezirk im Sieglehaus ausstellen, bewegen sich dicht am Puls der Zeit.

Stuttgart - Wie ein Messestand sieht der Auftritt von „Megacorp.“ aus, einer Art Firmendach, unter dem sich Hunderte weitere versammeln. Der Konzern freilich ist ein fiktives Kunstprodukt, die anderen Unternehmen dagegen real existierende Scheinfirmen von Internet-Betrügern. Sogar einen aufwendig gedruckten Business-Report bieten die investigativen österreichischen Netzkünstler Linda Kronman und Andreas Zingerle an.

Die Arbeit im Kunstbezirk passt zum diesjährigen Filmwinter-Motto, „Mut zur Lüge“, das Festival feiert dreist sein 300. Jubiläum – eine Null ist schnell hinzugeschummelt. Die Film- und Medienkunstinitiative Wand 5, die den Filmwinter veranstaltet, hatte ihren Slogan längst gefunden, als Donald Trump begann, postfaktische Behauptungen als Staatsräson zu verkaufen. „Es freut uns ­natürlich, wenn wir einen Nerv treffen“, sagt Marcus Kohlbach, Programmkoordinator für Medien- und Netzkunst. „Aber in diesem Fall war das extrem. Wir hatten Sorge, dass es so aussieht, als hätten wir uns an das Thema drangehängt und waren kurz davor, das Motto noch zu ändern.“

Zum Glück ist es dazu nicht gekommen, denn nun ist der Filmwinter so aktuell wie selten in einer Zeit, in der Populisten in sozialen Netzwerken Unsinn verbreiten. Wie leicht das geht, hat Wand 5 in einem Selbstversuch gezeigt: Die munter gestreute Behauptung, neben dem Fitz unterm Tagblattturm, dem neuen Hauptveranstaltungsort des Filmwinters, entstünde ein Film- und Medienhaus, „hat für Verwirrung in der Szene gesorgt“, sagt Kohlbach und grinst.

Es gibt viele Ebenen der Täuschung

Wie weit die Täuschungskultur fort­geschritten ist, demonstriert im Kunstbezirk der Italiener Emilio Vavarello mit seiner Klanginstallation „Do You Like Cyber“: Die verzerrt weit über Kopfhöhe murmelnden Stimmen, die ein Gespräch zu führen scheinen, gehören sogenannten Bots, Computerprogrammen, die Dialog nur simulieren. „Die stammen von einer Website, die Seitensprünge vermittelt hat“, sagt der eigens angereiste Vavarello. „Sie wurde gehackt und ihr Inhalt ins Netz gestellt. Es hat sich gezeigt, dass 69 der Bots nicht mit Kunden, sondern miteinander gesprochen haben.“

Um autonome, sich verselbstständigende Technologie geht es da und um gleich drei Ebenen der Täuschung: „Die Kunden haben ihre Partner betrogen, die Firma die Kunden, weil statt Frauen Bots in der Leitung waren, und die Bots die Firma, indem sie nicht mit den Kunden sprachen, sondern miteinander.“ Bei der Partnervermittlung erscheint das noch harmlos – anders als am Finanzmarkt, wo längst Bots Menschen abgelöst haben und in Sekundenbruchteilen Millionendeals tätigen.

Der zunehmenden Uniformität globalisierter Städte widmet sich der Schweizer Marc Lee. Mittels VR-Brille versetzt er die Besucher in eine urbane Landschaft aus weißen Fassaden, die er in Echtzeit mit realem Material aus sozialen Medien tapeziert. So illustriert er, wie austauschbar die reale Welt geworden ist und wie wenig originell letztlich die Flut der digitalen Inhalte.

Analoge Assoziationen an Menschen, die auf Smartphones starren

Der Chinese Yan Zhou nähert sich der digitalen Versuchung mit analogen Mitteln. Er lässt sie in „Dream“ zwischen den Farbstreifen auf einem alten Röhrenfernseher lauern zu Fahrstuhlmusik, die zunehmend von weißem Rauschen überlagert wird. Zhou bezieht sich auf den postapokalyptischen Film „Videodrome“ (1983), in dem Menschen von Fernsehern kontrolliert werden – und weckt Assoziationen an Menschen von heute, die gebannt auf Smartphones starren. Das ­Gefangensein in medialen Bildern thematisiert auch der russische Medienkünstler Mikhail Basov in „Out Of Autofocus“: Möwen streifen übers Wasser, aber verschwommen. Als das Motiv endlich scharf wird, ist ein einziger Vogel zu sehen – und nun im Bild gefangen. Er versucht zu entkommen, stößt an allen vier Seiten an den Rahmen. Ein ­Gefühl durchaus vergleichbar mit dem all derer, die schon einmal versucht haben, Bilder von sich aus dem Internet zu tilgen.

Wie mediale Motive menschliche Vorstellungen prägen, führt der Kanadier David Clark vor in seiner Netzkunst-Arbeit „The End: Death In Seven Colours“. Um den Umgang mit dem Tod geht es da, exemplarisch beleuchtet an Prominenten wie Sigmund Freud, Jim Morrison und Prinzessin Diana. Virtuos mischt Clark Dokumentarisches und Fiktives, stellt überraschende Kontexte her mit Ausschnitten aus Spielfilmen („Casablanca­“) und TV-Serien („Mad Men“). In einer Szene aus „Star Trek“ etwa liegt auf Freuds Couch der humanoide Roboter Data mit der existenziellen Krise aller Androiden: Er mag wie ein Mensch wirken, wird aber nie voll als solcher anerkannt .

Die Medienkunst spielt mit den Sinnen, sie eröffnet neue Perspektiven und bricht Vorstellungsmuster auf. Auf sehr zeitgenössische Weise tun das die überwiegend jungen Künstler, die in der kleinen, feinen Schau beim Filmwinter ihre Arbeiten präsentieren. Dabei spielt reale Körperlichkeit durchaus noch eine wichtige Rolle. Wer die Video­installation „Barents (Mare Incognitum)“ des Norwegers HC Giljes anschaut, dem wird schnell ganz anders: Seine Kamera dreht sich um den Horizont und mit ihr die schwarzen Fluten und der helle Himmel – genau nach dem Bewegungsmuster, das bei Menschen die Seekrankheit auslöst. Bald steht im Bild alles kopf, so wie die gegenwärtige Welt, in der die Lüge es zu ungeahnter Popularität und Wirkung gebracht hat.

Bis zum 29. 1. im Kunstbezirk, Gustav-Siegle-Haus. Informationen im Netz unter: www.filmwinter.de.