Medea in der Inszenierung von Mateja Koležniks. Foto: Thomas Aurin

Extrem verdichtet und ohne Pathos bringt die Regisseurin Mateja Koležnik Franz Grillparzers Trauerspiel „Medea“ auf die Bühne des Schauspiels Stuttgart. Die straffe Inszenierung setzt auf Psychologie und Sprache anstatt auf Effekte. Ein kleines Glanzstück.

Stuttgart - Auf der Bühne des Schauspiels Stuttgart umschließt ein in kaltem Grün gefliestes Treppenhaus einen milchig verglasten Innenturm. Windböen umtosen das kantige, von Raimund Orfeo Voigt entworfene Gebilde, das den Hof von König Kreon in Korinth zeigt. Der antiken Sage nach ersucht Jason, Anführer der Argonauten, hier um Asyl. Nachdem er das kostbare goldene Widder-Vlies von König Aietes erbeutet, und dessen Tochter Medea den Kopf verdreht hatte, zieht Jason jahrelang mit seiner Gattin und den gemeinsamen Kindern umher. Medea, die Barbarenprinzessin, ist aufgrund ihrer Zauberkünste jedoch überall verschrieen. Um Jason zur Flucht vor ihrem tobenden Vater zu verhelfen, hatte sie sogar ihren jüngeren Bruder Apsyrtos getötet. Den zerstückelten Leichnam des Kindes warf sie den Verfolgern zur Ablenkung hin. Eine ebenso grausame wie vielschichtige Geschichte, die seit der Antike von zahlreichen Künstlern immer wieder aufgegriffen und interpretiert worden ist.

Am Freitag hat nun Mateja Koležniks Bearbeitung von Franz Grillparzers „Medea“ Premiere am Schauspiel Stuttgart gefeiert, mit nur 75 Minuten Laufzeit ein gewagt knappes Trauerspiel. Grillparzers 1821 uraufgeführte „Medea“ ist dabei sogar nur ein Teil der großen Dramentrilogie „Das goldene Vlies“, die noch in „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“ den gesamten Komplex der Argonautensage auffächert. Um „Medea“ wirklich begreifen zu können, ist das Wissen um die Vorgeschichte ihrer Liebe zu Jason absolut notwendig, könnte man denken.

Sonderstatus als Barbarin

Die aus Ljubljana stammende Regisseurin Mateja Koležnik beweist mit ihrer extrem verdichteten Grillparzer-Version das Gegenteil. Auf der karg aber beeindruckend kompakt gestalteten Bühne umreißt Koležnik den grundsätzlichen Konflikt um Liebe, Flucht und Verrat in wenigen flotten Zügen. Medeas Amme Gora, zupackend und pragmatisch gespielt von Marietta Meguid, warnt ihre Herrin vor dem Wankelmut ihres Gatten Jason. Gerade ist die Familie in Korinth angekommen, auf Gedeih und Verderb abhängig von der Gastfreundschaft König Kreons. Sylvana Krappatschs drahtig-androgyne Medea wiegt sich entgegen aller Unkenrufe noch in Sicherheit. Doch schnell wird klar, dass ihr in Gestalt von Kreons Tochter Kreusa (mädchenhaft: Katharina Hauter) Unheil droht. Zunächst knüpfen die Frauen Freundschaft; Medea bittet Kreusa sogar um Rat, um den zusehends grimmigeren Jason (bodenständig: Benjamin Pauquet) zu besänftigen. Doch Kreusa, nur oberflächlich naiv und einfältig, schmeichelt sich bei Jason und den Kindern ein, um unmerklich Medeas Platz in der Familie einzunehmen.

Anstatt sich mit den komplizierten Grundlagen der antiken Sage zu beschäftigen, setzt Mateja Koležnik auf die psychologisch-emotionale Ebene des Stoffes. Dabei betont sie besonders zwei Aspekte: Zum einen Medeas Sonderstatus als sogenannte Barbarin, die sich nicht in die vermeintlich zivilisiertere Gesellschaft in Korinth fügt, zum anderen deren Daseinsberechtigung als Ehefrau und Mutter, die ihr Kreon - von Klaus Rodewald als selbstherrlicher Oligarch verkörpert - durch den Entzug des Ehemannes und der gemeinsamen Kinder absprechen will.

Die Frau als zusätzliche Trophäe

In diesen Grundzügen erweist sich der alte Sagenstoff als überzeitlich wirksam. Ohne krampfhafte Modernisierungen öffnet die Inszenierung die Perspektive auf das psychische Leid geflüchteter Menschen, die in der Fremde auf Vorurteile und Ablehnung stoßen, weil man sie als potenzielle Bedrohung der eigenen Kulturauffassung und Moralvorstellung einstuft. Jason kann man als westlichen Imperator deuten, der einst ausgezogen war, um aus einem angeblich wilden Land einen Schatz zu rauben. Medea ist für Jason bloß eine zusätzliche Trophäe, der er aufgrund der Geringschätzung anderer überdrüssig wird. Um sich selbst in die Gesellschaft Korinths integrieren zu können, verstößt Jason seine Frau, ein ungeheuer opportunistischer Akt, mit dem sich Jason auch von der Mitverantwortung für die Gräuel in Medeas Heimat reinwaschen will.

Für Medea sind Jason und die Kinder hingegen zur ihrer einzigen Welt geworden , nachdem sie ihre Familie verraten hat. Die Schuld am Tod von Apsyrtos und Jasons Onkel Pelias setzt ihr zu; in der Stuttgarter Inszenierung gehen die Getöteten als mahnende Schatten im Glaskasten um. Es sind einfache, aber treffende Bilder für Medeas inneren Seelenzustand.

Mord kommt einer Selbstaufgabe gleich

Auch Grillparzers ausgefeilten literarischen Versen verhilft Mateja Koležnik zu zeitloser Strahlkraft. Merklich gestrafft und auf die nötigsten Information reduziert, klingen die alltäglich schnell hinweg gesprochenen Dialoge erstaunlich modern. Doch gerade die Verdichtung verlangt enorme Konzentration vom Publikum. Bei der Premiere funktioniert das gut, ab und zu gibt es fassungslose Lacher, weil manche emotional grausame Wortwechsel in der fast stoisch-trockenen Vortagsweise des Ensembles befremdlich lapidar wirken. Überhaupt bedient sich Mateja Koležnik nur weniger Mittel, um Atmosphäre und Emotionen zu erzeugen. Das Rauschen des Windes am Anfang und ein paar wenige musikalische Einspieler zwischen den Szenen erzeugen Spannung, hauptsächlich geht es aber darum, wie Sprache Gewalt vermittelt. Nachdem sich selbst die Kinder in einem brutalen Gegenüberstellungsakt von der Mutter losgesagt haben, kommt Medea zum Punkt: „Morgen, wenn die Sonne aufgeht, steh ich schon allein.“ Und: „Der Traum ist aus, die Nacht noch lange nicht“. Man begreift, dass Medea die Kinder nicht aus einem gekränkten Besitzanspruch heraus tötet, um Jason so zu bestrafen. Der letzte Mord kommt einer Selbstaufgabe gleich. Dass Mateja Koležnik zusammen mit ihrem starken Ensemble diese harte Tatsache sachlich ohne Pathos und überzogene Gefühlsausbrüche auf die Bühne bringt, ist ein Glanzstück.

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