Institutseröffnung in den 30ern in der Seestraße Foto: MPI/Akademia Wissenschaftliches Korrespondenzbüro

Vor 100 Jahren geht das Max-Planck-Institut an den Start. In den 30ern zieht es von Berlin nach Stuttgart. Früher forschte man über Metalle, heute befassen sich mehr als 600 Mitarbeiter im „Cyber Valley“ mit Intelligenten Systemen.

Stuttgart/Tübingen - Ohne die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre wäre das ehemalige Max-Planck-Institut für Metallforschung (MPI-MF) und seine Nachfolgeeinrichtung, das MPI für Intelligente Systeme, vermutlich noch immer in Berlin ansässig. Stattdessen sind es die beiden Standorte Stuttgart-Büsnau und Tübingen, die heute gemeinsam, wie es in der Selbstbeschreibung des Instituts heißt, eine der führenden Wissenschaftseinrichtungen für Künstliche Intelligenz in Europa bilden. Zwischen der Metallwissenschaft der Weimarer Republik und der Forschung an selbstlernenden Systemen im 21. Jahrhundert liegen 100 Jahre Forschung, die freilich nicht immer nur friedlichen Zwecken diente.

 

In Berlin geht dem Institut das Geld aus

In Berlin-Dahlem geht es für die Wissenschaftler Anfang der 30er Jahre nicht mehr weiter. Dem Kaiser-Wilhelm-Institut für Metallforschung (KWI), der Vorgängereinrichtung des späteren gleichnamigen Max-Planck-Instituts, geht das Geld aus. „Die Lage“, erklärt der Geschichtswissenschaftler Thomas Prüfer, „spitzt sich zu, als die Unterstützung durch die Industrie auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1932 zusammenbricht.“ Der Historiker vom Kölner Geschichtsbüro Reder, Roeseling & Prüfer hat anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums die Geschichte des MPI für Metallforschung und seiner Nachfolgeeinrichtung aufgearbeitet. Gegründet worden war das Kaiser-Wilhelm-Institut bereits 1921 in Neubabelsberg bei Potsdam. Die Pläne für eine solche Einrichtung zur Erforschung von Nichteisenmetallen entstanden während des Ersten Weltkriegs, als der „Bedarf für Roh- und Ersatzstoffe für die Rüstungsproduktion“ groß war.

Neue Finanziers findet man in Stuttgart

Auf der Suche nach neuen Finanziers werden die Wissenschaftler in Württemberg fündig: „Das international angesehene Institut passte perfekt zur Technischen Hochschule in Stuttgart und den Forschungsinteressen der dortigen Metallindustrie“, sagt Prüfer. „Für beide Seiten war die Übersiedlung des KWI für Metallforschung nach Stuttgart ein Glücksfall.“ Neun Tage bevor Hitler Reichskanzler wird, sind die Verhandlungen in trockenen Tüchern. Ein Institutsgebäude entsteht in der Seestraße in Stuttgart-Nord – doch von freier Forschung kann natürlich schon bald keine Rede mehr sein.

Der 1934 angetretene geschäftsführende Direktor Werner Köster wirbt gegenüber den Machthabern bald „mit der Expertise auf wehrwirtschaftlich relevanten Gebieten“ – eine Selbstmobilisierung im Sinne der Aufrüstung des Reiches, die „typisch ist für die deutsche Wissenschaft während der NS-Zeit“, betont der Historiker. Besonders Brisant: Die Verstrickungen des Kaiser-Wilhelm-Instituts während des Nationalsozialismus werden auch nach der Neugründung und Umbenennung 1949 in Max-Planck-Institut für Metallforschung (MPI-MF) noch lange Zeit verschwiegen.

“Grundlagenforschung“ oder Zusammenarbeit mit NS-Diktatur?

Die Sprachregelung: Man habe Grundlagenforschung ohne Vorgaben betrieben. Erst Anfang der 2000er Jahre kommt im Rahmen eines internen Forschungsprogramms Licht ins Dunkel der Vergangenheit.

In der jungen Bundesrepublik verschiebt sich indes der Forschungsschwerpunkt des Instituts. Nach dem Wiederaufbau der zerstörten Laboratorien in der Seestraße wird 1958 eine Abteilung für Sondermetalle gegründet, die das MPI-MF zu einem der Pioniere der Kernreaktorforschung macht. „Eine zentrale Rolle innerhalb des Wandels von der Metall- zu einer umfassenderen Materialforschung spielt dann das Pulvermetallurgische Laboratorium“, erklärt Prüfer. Aus ihm heraus entsteht 1968 der neue Forschungscampus in Büsnau.

Digitale Zeit bricht an: Das Institut orientiert sich neu

Weil im digitalen Zeitalter die Wissenschaft in riesigen Schritten voranschreitet, erscheint es den führenden Köpfen des Instituts im neuen Jahrhundert immer dringlicher, die bestehende materialwissenschaftliche Forschung mit computerwissenschaftlichen und neurobiologischen Ansätzen zu verbinden. Vor zehn Jahren wird das MPI-ML deshalb offiziell umbenannt in Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme. Mit Tübingen wird nicht nur ein zweiter Standort gegründet. Auch die Forschungsschwerpunkte verschieben sich hin zu selbstlernenden, autonomen Systemen, zu Maschinellem Lernen, Maschinellem Sehen, Mikro- und Nanorobotik und der Haptischen Intelligenz. Die Gründung des Forschungskonsortiums „Cyber Valley“, rund um die beiden MPI-Standorte mit seinen heute 614 Mitarbeitern macht die Region Stuttgart-Tübingen schließlich „zu einem der führenden Zentren der internationalen KI-Forschung“.

Festakt im Neuen Schloss

Das MPI-IS feiert am Donnerstag, 30. September, im Neuen Schloss in Stuttgart mit einem Festakt sein zehn- und hundertjähriges Doppeljubiläum. Die Liveveranstaltung wird über die Internetseite von 10.30 Uhr an auf https://anniversary.is.mpg.de übertragen.