Fetsum (links) und Max Herre in Ludwigsburg. Foto: Ines Rudel

Es ist durchaus ein Heimspiel: Max Herre und seine Freunde spielen am Samstagabend alte und neue Lieder im Innenhof des Residenzschlosses in Ludwigsburg. Immer dabei an diesem schönen Sommerabend ist ein kleines bisschen Nostalgie.

Es ist durchaus ein Heimspiel: Max Herre und seine Freunde spielen am Samstagabend alte und neue Lieder im Innenhof des Residenzschlosses in Ludwigsburg. Immer dabei an diesem schönen Sommerabend ist ein kleines bisschen Nostalgie.

Ludwigsburg - Ist es nun „A-N-N-A“, der bedröppelte Regen-Liebe-Song, „1ste Liebe“, die ultimative Stuttgart-Hymne, oder eben „Mit Dir“, das immer noch wunderbare Liebeslied? Jeder der rund 10 000 Gäste hat seinen Favoriten und wahrscheinlich immer auch seine eigene Geschichte zu den Liedern von Max Herre. Genau deshalb und für einen spielfreudigen Auftritt wird Max Herre am Samstagabend im Innenhof des Ludwigsburger Residenzschlosses bejubelt.

Mitgebracht hat der 41-Jährige sein Kahedi-Radio-Orchester, das sind über ein Dutzend versierte Musiker, den alten Wegbegleiter Afrob, seine bezaubernde Frau Joy Denalane, den Rapper Megaloh, Soulsänger Fetsum, die Sängerin Grace und überraschend auch Philipp Poisel, der es von Stuttgart ja nicht weit hat. Nur Pandamasken-Rapper Cro fehlt. Ist wahrscheinlich - ganz der Überflieger - sehr beschäftigt. Und zum Glück kommt der Regen erst am Schluss beim Zugabenteil.

Es ist erstaunlich, wie erfolgreich Max Herre auf einmal wieder ist. Das war eine Zeit lang auch anders, als er sich als Liedermacher versuchte. Woher die plötzliche Popularität? Es gibt kein Musikfernsehen mehr. Dennoch ist das Fernsehen noch wichtig für die Musik. Es gibt eine Beobachtung, dass TV-Sendungen Prominenten zu noch mehr Prominenz verhelfen. Vielleicht ist das auch bei Max Herre der Fall.

An diesem Abend sind alle 0711-Kopfnicker

Max Herre war vergangenes Jahr Juror bei der Casting-Show „The Voice Of Germany“. Sein Schützling Andreas Kümmert gewann die dritte Staffel. Ein Erfolg für den Barden, wahrscheinlich aber ein noch größerer für Max Herre. Zeitgleich veröffentlichte Herre sein Album der Unplugged Kahedi Radio Show, aufgenommen im Funkhaus Berlin für den Musiksender MTV, den es doch noch irgendwie gibt. Es war ein großer Erfolg. Vielleicht auch bei einer Zielgruppe, die zuvor vom Freundeskreis und von der Kolchose noch nie etwas gehört hatte.

So kann man sich erklären, dass die alten Fans, die ganz stolz Kolchose-T-Shirts und Freundeskreis-Turnbeutelchen tragen, mit den eigenen Kindern oder zumindest mit Nichten und Neffen gekommen sind, Weinschorle trinken und sich in Nostalgie suhlen. Da ist es egal, dass Ludwigsburg nicht Stuttgart ist und 07141 als Vorwahl hat.

An diesem Abend sind alle 0711-Kopfnicker. „Hallo Welt!“ ruft Max Herre zu Beginn. „Hallo Deutschland, vom Süden bis in den Norden! Hallo Ludwigsburg! Hallo Stuttgart-City!“

Von Herre versteht man jedes Wort, was bei Fetsum, der zuvor auf der Bühne stand, nicht der Fall ist. Das Konzert im Innenhof des Residenzschlosses hat erst noch etwas von Volksfeststimmung mit Fleischkäswecken, Flammkuchen und Lebkuchenherzen. Und Fetsum intoniert Tracy Chapmans „Talkin‘ Bout A Revolution“.

Der Hip-Hop-Daddy Herre

Dann aber Herre. Er hat es sich auf der Bühne mit seinen Musikern und Gästen gemütlich gemacht. Der DJ thront oben über allen, neben der Uhr, auf der die Zeiger still stehen. Vorne ein altmodischer Teppich, die Bühne ist arrangiert wie ein alter Radio-Funkhaus-Saal. Später wird Max auch etwas von „Oldschool“ sprechsingen. Und er spannt in den gut zwei Stunden Konzert den Bogen von den Freundeskreis-Anfängen bis hin zu seinem Album „Hallo Welt“. Es passt schon ganz gut, dass Herre, der Hip-Hop-Daddy, auf „Hallo Welt“ vor zwei Jahren den Songpoeten Philipp Poisel und Pandarapper Cro mit dabei hatte. Denn Herre vereint sie alle: die Stile, die Songwriter und die Superüberflieger. Das ist Rap, das ist Hip-Hop, das ist Soul, Reggae und noch mehr. Bei manchen Liedern greift Herre zur Gitarre.

Max Herre liebt das Spiel mit den Stilen. Bei all den melancholischen Blicken zurück auf die Anfänge von Hip-Hop ist alles musikalisch aktuell arrangiert. Freundeskreis-Lieder, längst schon Klassiker wie beispielsweise „Esperanto“ oder „Tabula Rasa“, sind selbstverständlich Favoriten des Publikums. Auch Afrobs „Get Up“-Partykracher kommt bestens an. Doch einer der Höhepunkte ist ein jüngeres Lied: „Wolke 7“, zu dem Philipp Poisel auf die Bühne kommt.

Max Herres Set ist voll von Liedern, die hier jeder Wort für Wort mitsingen kann: Der biografische Song „1ste Liebe“, in dem Stuttgart als „die Süße aus dem Süden mit dem Dialekt“ besungen wird. Das Liebeslied „Mit Dir“ natürlich, das er mit seiner Frau Joy Denalane singt. Oder auch „Rap ist“ mit Afrob, „aus dem Schoß der Kolchose“ und Rapper Megaloh. Darin heißt es: „Rap ist Philosophie, Rap ist epische Dichtung“. Und in dem Song „FK 10“: „Zeigt mir, dass ihr Rap noch liebt.“

Herre ist ein Chronist seiner Zeit, einer, der für viele Menschen den Soundtrack zu ihrem Leben geschrieben hat. Zurück ins Jahr 1996, zurück in den Sommerregen zu „A-N-N-A“, das neu arrangiert ist. Manchmal ist es zu viel Klimperklimper. Ach, egal _ und jetzt alle: „Immer wenn es regnet“. Schön, dass er wieder da ist. Oben auf der Bühne vor vielen, vielen Menschen.

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