Warmes, orange-farbenes Licht: Der Sänger und Rapper Max Herre bringt den Süden nach Stuttgart. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Der Rapper Max Herre hat sein neues Album „Athen“ im Beethovensaal vorgestellt und dabei die alten Zeiten gefeiert.

Stuttgart - Griechenland war einmal ein Land, wo Götter und Helden wohnten, heute hausen Tausende geflüchtete Menschen auf Inseln wie Lesbos in Zeltstädten, auf matschigen Pisten in Regen und Wind. Für den Stuttgarter Musiker Max Herre ist dieses Land aber auch ein Sehnsuchtsort, den er auf „Athen“, seinem im November 2019 erschienenen, ersten Album seit sieben Jahren, besingt.

„Fünf km/h auf’m Seitenstreifen /Wie bring´ ich dich dazu wieder einzusteigen /Wir kommen nie bis nach Athen und du wolltest so sehr nach Athen“ – nachdenklich eröffnet Herre mit dem Titelsong des Albums sein Stuttgarter Konzert in der Liederhalle. Mit ihm erwecken sechs Musiker das elegische Stück über eine zerbrochene Beziehung zum Leben. Herre trägt einen beigefarbenen Trenchcoat und sommerlich helle Hosen, die Bühne ist in warmes, orange-farbenes Licht getaucht.

Das ist schönster Eskapismus mit einer wunderbaren Reminiszenz an Pink Floyd in einem langen, psychedelischen Instrumentalteil. Auf einer Leinwand hinter den Musikern sind die steinernen Ränge eines Amphitheaters zu sehen; Fernweh macht sich breit.

Verflossene Lieben

Vor siebenundzwanzig Jahren gründete Max Herre mit anderen Künstlern in Stuttgart seine Posse mit dem Namen Kolchose, mit der Band Freundeskreisgelang ihm wenige Jahre später der Durchbruch mit der legendären Hip-Hop-Romanze „A-N-N-A“. Seitdem war Herre als Intellektueller der deutschen Hip-Hop-Szene bekannt, ein Rapper, der Einflüsse aus Soul, Funk, Reggae, Rock- und Weltmusik mit seinem schleppend-schläfrigen Sprechgesang zu einer eigenständigen Mischung verband, mit weltoffener Attitüde und klug gesetzten Worten wie im Stück „Esperanto“. Von hartkernigem Machogetue war nie auch nur eine Spur in Herres Texten zu finden. Stattdessen schrieb er sich 1998 den alten Ton-Steine-Scherben-Hit „Halt dich an deiner Liebe“ fest“ auf den eigenen Leib; ein Stück über einen einsamen Mann, der über eine verflossene Liebe und das vergangene Leben grübelt, den Tod schon vor Augen.

Wehmut über das Vergangene durchdringt nun auch die Songs von „Athen“, die Herre mit Verve und einer gehörigen Portion Routine in Stuttgart auf die Bühne des gediegenen Beethovensaals bringt. Die Chemie stimmt sofort, nur, dass der Bass in den ersten Songs die Texte überdröhnt, ist schade.

„Athen“ ist ein ruhiges, sehr introspektives Album mit verträumt schlendernden Stücken wie „Lass gehen“, mehr als um Geschichten geht es um musikalische Momentaufnahmen, den Versuch, Stimmungen zu konservieren – der Süden dient als Gefühlslandschaft.

Als Max aus der Kolchose Anna traf

Doch Herre schwelgt nicht nur, er macht auch den Mund auf, wenn es um soziale Probleme geht. Sein Stück „Sans Papiers“ ist eine Liebeserklärung an Gestrandete. „Das ist für all die armen Leute, die grad auf Lesbos ankommen“, ruft er ins Publikum, „Ich bin schockiert, wie aktuell der Song ist“. „Sans Papiers“ wird besonders durch die orientalischen Vokalisen des deutsch-marokkanischen Schauspielers und Sängers Yonii, dessen Part an diesem Abend leider aus der Konserve kommt, wie die des Rappers Trettmann im Stück „Villa auf der Klippe“ oder Dirk von Lowtzows Gesang in „Dunkles Kapitel“.

Herres Vorliebe, andere Künstler in seine Songs mit einzubeziehen, wird im Live-Vortrag zum Problem: Die Konserve kann die echten Stimmen und Charaktere nicht ersetzen. Trotzdem ist es ein starkes Konzert, vor allem, wenn Herre den Rahmen des aktuellen Albums sprengt und Lieder aus seinem Repertoire spielt; das rührende „1992“ etwa über die eigenen Anfänge in „Stuggi“. „FK 10“ und das gereimte Manifest „Rap ist“ begeistern die Leute, zwei lässig federnde Old-School-Nummern, eine Reise mit der Zeitmaschine zurück in die unbeschwerte Jugend, als „Max aus dem Schoße der Kolchose“ Anna, das perfekte Mädchen unterm Vordach traf.

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