Maria Geringer war 29 Jahre lang Mesnerin in der Holzgerlinger Mauritiuskirche. Am Sonntag wurde sie nun aus ihrem Dienst verabschiedet. Ihr halbes Leben arbeitete sie in dem Gotteshaus, das für sie mehr war als nur ein Arbeitsplatz.
Holzgerlingen - Wenn Maria Geringer den Gottesdienst vorbereitet, kommt sie früh in die Kirche. Sie schließt die Tür zur Holzgerlinger Mauritiuskirche auf, alles ist still, die Räume sind noch kalt. Sie setzt sich in eine der leeren Bänke, betrachtet die bunten Kirchenfenster für einige Minuten und kommt zur Ruhe. Dann beginnt sie ihre Arbeit.
29 Jahre lang war die Mauritiuskirche für die Mesnerin mehr als nur ein Arbeitsplatz: Wenn sie von „ihrer Kirche“ spricht, dann legt sie ihre Hände aufs Herz und sie lächelt. In all den Jahren hat sie eine tiefe Verbindung zu dem Gotteshaus aufgebaut. Doch nun muss sie sich verabschieden: Am Sonntag war der letzte Arbeitstag der Mesnerin.
Mit langen To-do-Listen in die Weihen des Mesnerinnen-Amts eingeführt
1989 kommt Maria Geringer von Kirgisien zusammen mit ihrer Familie nach Holzgerlingen, 1993 tritt sie ihren Beruf als Mesnerin in der Mauritiuskirche an. Damals – mit drei Kindern – ist sie froh um die Arbeit. Zuvor war sie über den Frauenkreis zur Kirchgängerin geworden, sie kann sich noch ganz genau erinnern, wo sie damals auf der Kirchenbank Platz genommen hatte, um den Predigten des Pfarrers zu lauschen. Als die damalige Mesnerin in den Ruhestand ging, fragte Pfarrer Friedhelm Götz Maria Geringer, ob sie die Stelle übernehmen würde. Sie sagte zu und machte sich mit den Abläufen der Kirche vertraut. Ihre Vorgängerin überließ ihr detaillierte Listen mit Aufgaben, die sie zu erfüllen hatte: „Vor dem Gottesdienst in die Sakristei gehen und nach dem Pfarrer schauen“, steht da beispielsweise. Pfarrer Traugott Meßner lacht und sagt: „Das macht sie bis heute.“
Die Schaltzentrale in der Kirche kann die Mesnerin blind bedienen
„Ich wollte immer, dass sich die Leute willkommen fühlen“, erzählt Maria Geringer. Und auch Pfarrer Meßner weiß: „Wenn man sonntags in die Kirche kommt und es warm ist, dann weiß man, dass Frau Geringer da ist.“ Das gehört für die Mesnerin dazu: Bei niedrigen Temperaturen kam sie stets früh in die Kirche und drehte die Heizung auf, sodass niemand frieren musste. „Das ist wichtig“, sagt sie und nickt bedeutend. Während der Gottesdienste nahm sie dann im hinteren Teil der Kirche Platz, dort wo sich ihre Schaltzentrale befindet. Dutzende leuchtende Knöpfe für Licht, Heizung, Glocken und Mikrofon kann sie mittlerweile blind bedienen. Da ist es kein Wunder, dass sie auch auf einen Blick sieht, wenn etwas nicht stimmt. Von ihrer Kirchenbank aus überblickt sie während der Gottesdienste den gesamten Raum, ihren prüfenden Augen entgeht kein Detail.
Neben ihr auf der Kirchenbank sitzt ihre treue Begleiterin, die „arme Kirchenmaus“: Ein Plüschtier, das sie zur Hand hat, falls Kinder vorbeikommen. In der Ecke neben der Schaltzentrale lagert sie ihre Hausschuhe, in die sie schlüpft, sobald der letzte Kirchgänger die Räume verlassen hat. Das macht Sinn: Die Mauritiuskirche beschreibt sie als „ihr Haus“, als einen Ort, den sie so sehr schätzt wie ihre eigenen vier Wände. Vielleicht noch etwas mehr.
„Ich kämpfe wie eine Löwin“
Mit 37 Jahren hat sie ihre Arbeit als Mesnerin begonnen und sagt: „Ich bin in diesem Haus alt geworden.“ Ihre Aufgaben hat sie immer gerne erfüllt, die Wertschätzung für die Mauritiuskirche stand dabei an oberster Stelle. Was sie von sich selbst erwartete, erwartete sie allerdings auch von anderen: Wer ihre Kirche nicht mit der gleichen Sorgfalt und Demut behandelte wie sie selbst, der konnte beobachten, wie die herzliche und gutmütige Frau streng durchgriff. „Ich kämpfe wie eine Löwin“, sagt sie ohne mit der Wimper zu zucken. Klare Worte fand sie in der Vergangenheit für Hochzeitsgesellschaften, die während Empfängen vor der Kirche über die Stränge schlugen oder gar Müll zurückließen. Auch bei Chorproben passte sie auf ihre Kirche auf und achtete mit Hingabe darauf, dass die Kirche beim Verlassen in ordentlichem Zustand war. Als Mesnerin und damit als „rechte Hand des Pfarrers“ fand nichts statt, ohne dass sie nicht informiert wurde.
Ein echtes Vertrauensverhältnis entwickelte sich so zwischen Pfarrer Traugott Meßner und Maria Geringer. Als er einen Morgengottesdienst an Ostern einführen wollte, wusste er, dass er seine Idee zuerst Maria Geringer „beibringen“ musste. Nach anfänglicher Skepsis stimmte sie allerdings zu. Und nicht nur das: Mittlerweile schwärmt sie von dem Gottesdienst in den frühen Morgenstunden, wenn die Sonne aufgeht und die bunten Kirchenfenster durchflutet.
Maria Geringer wird in Zukunft als Vertretung einspringen
Zumeist zwei Stunden vor dem Gottesdienst sorgte sie dafür, dass alles vorbereitet war: Kerzen anzünden, Abendmahl vorbereiten, Türen aufschließen, Gesangbücher austeilen, all das gehörte zu ihrer Arbeit. Für die kleinsten Kirchenmitglieder wärmte sie im Winter das Taufwasser auf und sorgte mit ihrem Ehemann dafür, dass bei eisigen Temperaturen die Eingänge von Schnee und Glätte befreit waren.
„Mein Mann war immer dabei und hat mitgeholfen“, erzählt sie. Obwohl Feiertage, an denen der Großteil der Bevölkerung frei hat, ihre arbeitsreichsten Tage waren, hat sie ihren Job immer gerne gemacht, sagt die 65-Jährige. Deshalb fällt es ihr umso schwerer, ihren Beruf als Mesnerin abzugeben. Doch ganz aufhören will sie noch nicht: Als Vertretung der neuen Mesnerin, Anne Blessing, hat sie auch weiterhin die Gelegenheit hinter den Kulissen ihrer geliebten Mauritiuskirche zu walten und zu schalten.