Das kann ja heiter werden: Mathias Richling stellt sich die Republik im Jahr 2084 vor. Foto: Büro MR

Mathias Richling hat im Theaterhaus von „2084“ geträumt

Stuttgart - Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, dann stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich.“ So formulierte es George Orwell in seinem dystopischen Roman „1984“. Nun ist 1984 ja schon 33 Jahre her, und man kann von der Gegenwart gewordenen Zukunft halten, was man will – ganz so schlimm ist es noch nicht gekommen. Deshalb setzt Mathias Richling einen Hunderter drauf: „Richling und 2084“ heißt das neue Programm des gebürtigen Waiblingers, das erstmalig am Samstag im Theaterhaus zu sehen war.

Wie die Welt anno 2084 aussehen, ja ob sie überhaupt noch existieren wird, lässt sich angesichts derzeitiger Entwicklungen nicht sagen. Für Richling ist klar: Die Totalüberwachung kommt. Wenn sie nicht schon da ist. Ein großes Auge ziert den Bildschirm im Bühnenhintergrund, überall finden sich durchsichtige Kästen, auf denen Richling sitzt oder sie als Rednerpult nutzt. Transparenz in Politik und Wirtschaft hat man sich ja immer gewünscht. Blöd nur, dass die Gesellschaft offenbar nur von oben nach unten transparent wird. „Der Staat wird uns erzählen, was wir von uns wissen dürfen“, prophezeit der 64-Jährige.

Nicht alles ändert sich in Richlings Zukunft: Deutschland hat eine Immer-noch- Kanzlerin. Etwas klapprig zwar, aber eben noch im Amt. In ihrer Rolle erklärt er, was sich so getan hat: „Wir brauchen jetzt eine gesetzliche Männerquote. Der neue Papst ist homosexuell und verheiratet. Die Zahl der Flüchtlinge steigt dieses Jahr auf 93,6 Millionen – das schaffen wir.“

Mit heiterem Pessimismus

Nach diesen Grüßen aus der Zukunft präsentiert Richling sein obligatorisches Politpanoptikum. Parodierte er im letzten, eher retrospektiven Programm noch hauptsächlich Staatenlenker wie Stoiber und Kohl, deren Taten ja schon Geschichte sind, konzentriert er sich nun erfreulicherweise auf heutige Gestalten: Vom Jamaikaflüchtling Christian Lindner über den Europaradikalen Martin „Chulz“ Schulz bis zu Trump, Putin und Recep Tayyip „Erdogott“. Damit auch jeder versteht, wer gerade vorgeführt wird, zeigt der Bildschirm im Hintergrund das Konterfei der jeweiligen Personen. Weil es bei der Premiere aber noch ein paar Synchronisierungsprobleme gab, verwirrte das eher, war dort dann etwa Franz Beckenbauer abgebildet, während Richling Jogi Löw imitierte.

Richlings heiterem Pessimismus tut das aber keinen Abbruch. Noch immer quirlig und bewusst affektiert lässt er Potentaten jene Visionen aussprechen, denen sie gewiss auch insgeheim nachhängen: Dass etwa der neue Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble in Richling’scher Ausführung von einer Gesellschaft träumt, in der die Leute Kredite aufnehmen müssen, um ihre Steuern zahlen zu können, ist im Zeitalter der neoliberalen Wachstumsideologie ja kein allzu futuristischer Gedanke mehr.

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