Sollte er einmal einen Personenschützer brauchen, sagt der Kabarettist Mathias Richling, würde er sich einen Islamisten nehmen. Foto: dpa

Für den Stuttgarter Kabarettisten Mathias Richling kann Satire nicht grenzenlos lustig sein. Wo die Freiheit anderer tangiert werde, müsse die Satire wie auch die Freiheit enden, sagt der 61-Jährige im Interview. Nach den Anschlägen von Paris sieht er die Demokratie in höchster Gefahr.

Stuttgart – Herr Richling, ich kann mir vorstellen, was Sie auf die Frage, was Satire darf, antworten werden.
Ach, Sie beantworten die Fragen selbst? Na gut, wie lautet meine erste Antwort?
Sie werden mit dem großen Kurt Tucholsky antworten, der schon im Jahr 1919 gesagt hat: Satire darf alles.
Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Mit der Satire ist es wie mit der Freiheit. Die Freiheit endet dort, wo die Freiheit anderer Menschen tangiert wird. Und die Satire endet­ dort, wo Hohn und Spott zum Selbstzweck werden.
Dann ist Satire also doch nicht völlig frei?
Satire, wie ich sie verstehe, verteidigt die Schwachen vor der Anmaßung der Mächtigen. Satire ist gut, wenn sie das Versagen der Inhaber von Staatsämtern analysiert und dann Korruption und Missstände offenlegt. Es geht bei der Satire also nicht um Beleidigung von Menschen, sondern um Kritik an ihren Funktionen und ihrem Nicht-Funktionieren. In dieser Hinsicht darf die Satire natürlich alles.
Sie aktualisieren laufend Ihr Programm. Was sagen Sie bei Ihren Auftritten zu den Anschlägen auf „Charlie Hebdo“?
Wenn der Geist, und sei er noch so radikal, ermordet wird wie in Paris, ist die Demokratie in höchster Gefahr. Für Islamophobie besteht allerdings trotzdem kein Anlass. Die Demokratie muss wehrhaft sein, aber das bedeutet nicht, wie schon geschehen, dass die Grundrechte der Bürger so eingeschränkt werden, dass die Terroristen triumphieren können.
Damit Terroristen nicht triumphieren, sagen gerade alle: „Je suis Charlie.“ Sagen Sie das auch? Was sollten wir außer Charlie noch sein?
Ja, das sage ich auch. Aber vor allem sollten wir bei allem, was geschehen ist, wir selbst sein.
Nach den Attentaten habe ich einem Freund in Paris in einer E-Mail mitgeteilt, dass auch wir in Stuttgart für die Franzosen demonstrieren. Seine Antwort lautete: „Danke, aber die waren nur Journalisten.“ Später kam die zweite Mail: „Achtung, das war Humor wie Charlie Hebdo“. Müssen satirische Beiträge als solche gekennzeichnet werden?
Wenn ich einem Journalisten etwas sage, und er druckt es wörtlich ab, klingt es plötzlich ganz anders als das Gesagte. Das gelesene Wort ist ein anderes als das gesprochene Wort. Und das bedeutet, dass satirische Beiträge leider gekennzeichnet werden müssen. Jedenfalls manchmal.
Gibt es Grenzen für die Satire, die es früher nicht gegeben hat? Ist nicht eine Grenze erreicht­, wenn es um Blasphemie geht? Oder schlicht darum, jemanden herabzusetzen nur um des Herabsetzens wegen?
Es gibt einen Unterschied zwischen Blasphemie, also der Beleidigung Gottes, und der Beleidigung derer, die sich anmaßen, im Namen­ Gottes zu handeln.
Spüren Sie nach den Anschlägen eine Schere im Kopf und denken, wenn ich das jetzt über den Islam sage, brauche ich künftig einen Personenschützer?
Nein, eine Schere im Kopf gab es bei mir noch nie und wird es bei mir nie geben. Für den Eventualfall würde ich mir aber einen Islamisten als Personenschützer nehmen.
„Über den Islam reden, führt zu körperlicher Gewalt“, sagt Ihr Kollege Dieter Nuhr. Können Sie diese Erfahrung teilen?
Viele sagen, über Dieter Nuhr zu reden führt zu körperlicher Gewalt. Auch diese Ansicht teile ich natürlich nicht.
Fürchten Sie Anschläge von islamistischen Terroristen in Deutschland?
Ja. Aber was sagt das schon.
Kabarett ist manchmal vorausschauend. In Ihrem Programm, erinnere ich mich, gab es schon vor über zehn Jahren eine Passage über Religionsfanatismus und Terrorismus in Verbindung mit dem 11. September 2001. Sie ha­ben sich gefragt, woher dieser Fanatismus kommt und wie wir dazu kommen, uns darüber zu erheben. Was, glauben Sie, sind die Ursachen für die aktuelle Eskalation des Hasses?
Das ist eine Frage für Soziologen. Vereinfacht ausgedrückt: Wem es hier auf Erden schlechtgeht, der ist verführbar für die Verheißungen im Jenseits. Darüber hinaus verweise ich zu dieser Frage gern auf meine Doktor-Arbeit, die ich in etwa 20 Jahren dazu fertig habe.
Gibt es einen kabarettistischen Ehrenkodex bei Witzen über Religion?
Ich kann nur sagen, Religion schützt vor Torheit nicht. Aber natürlich auch nicht vor der Kirche. Und daraus ergibt sich die Frage nach dem Unterschied von Kirche und Religion. Und was die Kirche betrifft, verbietet sich für mich – insbesondere nach den Diskussionen über Geldscheffelei und Kindesmissbrauch – jeglicher Ehrenkodex.

Das SWR-Fernsehen strahlt die nächste „Mathias-Richling-Show“ am Freitag, 6. März, 23.30 Uhr. aus.

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