Wer am kleinen Einmaleins schon scheitert, kommt nicht weit in der Mathematik. Foto:  

Etwa jedes 20. Kind leidet an einer Rechenstörung, der Dyskalkulie. Betroffene schämen sich, fühlen sich dumm und verlieren bereits in der Grundschule den Anschluss. Ausweg kann eine Lerntherapie sein. In Stuttgart gibt es dafür mehrere Anlaufstellen.

Die Lehrerin klang alarmiert, als sie den Eltern verkündete: Die Tochter komme im Unterricht nicht mit. Lucy (alle Namen der Familie geändert) war in der zweiten Klasse einer Stuttgarter Grundschule, vor allem das Rechnen fiel ihr schwer. Sie benutzte immer ihre Finger zum Zählen. Aber taten das die anderen nicht auch? „Lucy war unser erstes Schulkind, wir hatten keine Erfahrung damit“, sagt ihre Mutter Evelyn rückblickend. „Wir wussten nicht, was normal ist.“

 

Während die anderen Kinder scheinbar mühelos addierten, blieben für Lucy die Zehnerübergänge ein Buch mit sieben Siegeln. Sie verstand die Rechentricks auch nach dem 15. Erklärungsversuch nicht.

Bis zur Diagnose: „Wir rannten von Arzt zu Arzt“

Das, was die nächsten anderthalb Jahre folgte, nennt Mutter Evelyn eine Odyssee. Die Eltern brachten ihr Kind zum Seh- und zum Hörtest, meldeten es bei der Ergotherapie an, beim Förderunterricht und bei der Nachhilfe. Vielleicht konnte Lucy sich einfach nicht gut konzentrieren? „Wir rannten von Arzt zu Arzt, von Therapie zu Therapie, aber die Noten wurden nicht besser. Es war eine Qual für uns alle.“ Die Eltern lernten ständig mit der Tochter, auch an den Wochenenden und in den Ferien. Irgendwann sei Lucy nur noch gestresst gewesen.

Auf den Termin im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) musste die Familie neun Monate warten. Dann endlich – ein Lichtblick. Im SPZ fiel zum ersten Mal das Wort Dyskalkulie. Die Rechenstörung erschwert Kindern den Lernprozess erheblich. Den meisten Betroffenen fehlen nicht nur Zählfertigkeiten, sondern auch ein Mengenverständnis, das notwendig ist, um die Grundrechenarten zu beherrschen.

Rechenschwäche ist nicht Dummheit

Die Kinder verstehen Zahlen oft nur als reines Symbol in einer Zahlenreihe, nicht aber als Mengenangabe. Die Weltgesundheitsorganisation definiert Dyskalkulie als „Beeinträchtigung der Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist“.

Eine Dyskalkulie tritt also trotz normaler oder sogar überdurchschnittlicher Intelligenz auf. Experten gehen davon aus, dass genetische und neuropsychologische Faktoren bei der Entstehung eine Rolle spielen können, ebenso psychosoziale und schulisch-didaktische.

Das SPZ empfahl Lucy eine Lerntherapie. Als es losging, war die damals Neunjährige bereits am Ende der dritten Klasse angelangt. „Natürlich hatte sie da längst den Anschluss verloren“, sagt Evelyn. Und nicht nur den. Dem Kind sei auch der Glaube an sich selbst abhanden gekommen, am Unterricht beteiligte es sich zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr. Die Eltern ließen sie die dritte Klasse wiederholen: „Mit der Lerntherapie kam wieder Frieden und Ruhe in unser Haus.“

Fortan übten die Eltern nur noch für Klassenarbeiten mit ihrer Tochter, den Rest übernahmen die Therapeuten. „Sie hat auch Aufgaben mit nach Hause bekommen, aber wir haben uns nicht mehr eingemischt. Sie hat alles selbstständig und freiwillig gemacht.“

Viereinhalb Jahre blieb Lucy in Therapie, die die Eltern aus eigener Tasche bezahlt haben. Positiv fanden sie, dass es nicht nur um Mathe gegangen sei. „Die Therapeuten sind sehr empathisch, sie motivieren und stärken die Kinder.“ Alle in der Familie seien entspannter geworden.

Lerntherapie kann gegen Rechenschwäche helfen

Geschichten wie die von Lucy kennt Reiner Hammer zuhauf. Er leitet das Legasthenie- und Dyskalkulie-Zentrum in Stuttgart, ist selbst ausgebildeter Lerntherapeut. Bei den meisten Kindern falle die Rechenstörung in der zweiten oder dritten Klasse auf. Aber manchmal seien es auch Sechstklässler, die zu ihm kommen.

Reiner Hammer leitet das Legasthenie- und Dyskalkulie-Zentrum in Stuttgart. Hier finden Betroffene Hilfe. Foto: Caroline/ Holowiecki

,Bei der Testung sei nicht das Rechenergebnis wichtig, sondern herauszufinden, wie das Kind mathematisch denkt, wie es Aufgaben löst. Er erklärt: „Kinder mit Dyskalkulie wissen, das nach der Drei die Vier kommt. Aber sie wissen nicht, dass das eins mehr ist.“

Die Kinder blieben oft lange Zeit unverstanden. Von Eltern und Lehrern hörten sie oft den Satz: „Konzentriere dich besser!“ Viele müssten üben bis zum Umfallen – ohne Erfolg. Hammer ist überzeugt davon, dass Dyskalkulie mit der richtigen Lernstrategie therapierbar ist. „Wenn ein Kind nach sechs Wochen vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben sagt: Mathe gefällt mir doch ein bisschen, dann weiß ich, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“

Immer mehr Lehrer verstehen das Problem

In der Therapie, die durchschnittlich zwei Jahre dauert, dürfen die Kinder so rechnen, wie es ihrer Denkweise entspricht. Hammer hat die Erfahrung gemacht, dass es immer mehr verständnisvolle Lehrkräfte gibt, die unterstützen.

Auch Margret Schwarz ist davon überzeugt, dass Kindern mit Dyskalkulie geholfen werden kann. Sie ist Mitgründerin der Initiative zur Förderung rechenschwacher Kinder IFRK e.V., die 1990 von betroffenen Eltern in Stuttgart gegründet wurde. Mehr als 20 Jahre war Schwarz die Vorsitzende. Sie berät seit mehreren Jahrzehnten Betroffene.

Wer sich beim baden-württembergischen Landesverband Legasthenie und Dyskalkulie über die Rechenstörung informieren möchte, bekommt oft die 79-Jährige ans Telefon. „Manche Gespräche dauern zwei Stunden“, berichtet sie. Die Verzweiflung sei oft groß.

Dyskalkulie schlägt sich auf andere Schulnoten nieder

Schwarz, die früher als Französisch- und Lateinlehrerin gearbeitet hat, kam erstmals in den 90er-Jahren mit Dyskalkulie in Berührung. Lange fiel nicht auf, dass ihr Sohn von der Rechenstörung betroffen war. „Er war hochbegabt, konnte vieles durch Auswendiglernen kompensieren.“

In der achten Klasse Gymnasium aber war Schluss, da hagelte es plötzlich Sechsen in Mathe. Schwarz erinnert sich: „Er wollte nicht mehr in die Schule gehen, dachte sogar an Suizid.“ Das Schlimme sei, so Schwarz, dass die Demotivation irgendwann auf die anderen Fächer übergehe, „auch auf die ansonsten richtig guten. Die Noten werden insgesamt schlechter, irgendwann lernen die Kinder gar nicht mehr.“

Die Beraterin empfiehlt, bei einem Verdacht auf Dyskalkulie zunächst die zuständigen Beratungslehrer einzuschalten. In Baden-Württemberg seien die Beratungslehrer jeweils für etwa 1000 Schüler zuständig. Das Kind wird in der Schule getestet, anschließend gibt es Tipps zum weiteren Vorgehen. Eine medizinische Fachdiagnostik erstellen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten sowie Fachärzte für Psychiatrie. Anlaufstellen sind außerdem die Schulpsychologischen Beratungsstellen, von denen es in Baden-Württemberg 28 gibt.

Ohne Förderung kann es zu Schulangst kommen

Nichts zu unternehmen, hält Schwarz für keine gute Idee. Eine Dyskalkulie verschwinde nicht einfach von selbst wieder. Sie wachse sich nicht aus. Ohne eine an den Lernstand angepasste Förderung könne es zu psychischen Problemen kommen bis hin zu Schulangst oder Depressionen. „Kinder mit Dyskalkulie werden oft nicht in der richtigen Schulart beschult“, bedauert Schwarz, „sondern eher auf einem niedrigeren Niveau“.

Schwarz’ Sohn kam damals in eine Klinik, in der er insgesamt zwölf Wochen lang therapiert wurde. Anschließend ging er aufs Internat, machte Abitur und studierte Politologie.

Lucy geht mittlerweile in die achte Klasse einer Realschule. In Mathe steht sie auf einer Drei. „Sie wird kein Mathecrack mehr, aber sie ist auf einem guten Weg“, sagt ihre Mutter. Sie bestärke ihre Tochter, an Berufswünschen festzuhalten. „Ich versuche ihr zu vermitteln: Das, was anderen in die Wiege gelegt wurde, kannst du mit Fleiß und Ausdauer auch schaffen.“

Hilfe bei Dyskalkulie

Förderbedarf
 Der Verwaltungsvorschrift „Kinder und Jugendliche mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf“ zufolge ist ein Nachteilsausgleich in allen Schularten und Schulstufen möglich. Er gilt auch bei Prüfungen. Die Entscheidung für die Gewährung von Nachteilsausgleich trifft die Klassen- oder Jahrgangsstufenkonferenz.

Lerntherapie
 Die Kosten für die Lerntherapie müssen unter normalen Umständen die Eltern selbst tragen. Droht jedoch eine seelische Behinderung als Folge der Rechenstörung, kann nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz beim Jugendamt ein Antrag auf Übernahme der Kosten gestellt werden.