Seit Donnerstag beobachtet die Polizei in Stuttgart und Teilen der Region eine auffallende Welle von Betrugsversuchen – per Anruf, WhatsApp oder an der Haustür. Das sind die perfiden Methoden der Täter.
„Papa, bitte hilf mir!“, brüllt eine verzweifelte Stimme ins Telefon. „Ich hatte einen Unfall!“ Auf die Frage, wer denn da am Hörer sei, kommt die Antwort: „Dein Sohn. Schnell, du musst mir helfen.“ In diesem Fall allerdings hat der Anrufer zufällig die Nummer eines Journalisten gewählt, der noch nicht einmal einen Sohn hat. Ein Schockanruf mit Betrugsabsicht. Beim ersten Erwähnen der Polizei legt der angebliche Verwandte sofort auf. Und obwohl glasklar ist, dass hier die Notlage nur vorgespielt wurde, hat selbst ein gut informierter Mensch kurz Gänsehaut angesichts der nackten Panik in der Stimme am anderen Ende.
Anrufe dieser und ähnlicher Art häufen sich derzeit massiv. Die verschiedenen Maschen gibt es schon lange, doch die aktuelle Welle ist schlagartig über die Region geschwappt. Seit Donnerstag schlagen verschiedene Polizeipräsidien Alarm, etwa in Stuttgart und Aalen, und warnen eindringlich vor der augenscheinlichen Großoffensive der Täter. Allein in Stuttgart sind am Donnerstag über ein Dutzend Fälle angezeigt worden. Am Freitagmorgen ging es weiter. Im Ostalbkreis ist von „zahlreichen Fällen“ von Schockanrufen binnen kurzer Zeit die Rede. „Und was wir erfahren, ist meist ja nur ein kleiner Teil. Die Dunkelziffer dürfte riesig sein“, sagt der Stuttgarter Polizeisprecher Stephan Widmann.
Dabei werden die unterschiedlichsten Methoden verwendet und kombiniert. Ganz vorne liegt der klassische Schockanruf, auch als Enkeltrick bekannt. Dabei rufen Betrüger an und behaupten, ein Verwandter zu sein, der in einer finanziellen Notlage stecke und ganz dringend Geld benötige. Sie üben massiven Druck aus und versuchen die Opfer dazu zu bringen, Schmuck oder Bargeld an einen Abholer zu übergeben. Oder die Täter geben sich als Polizisten aus. Die berichten von Einbrechern in der Nachbarschaft und wollen die Opfer dazu bringen, einem angeblichen Beamten zur Sicherheit ihre Wertgegenstände zu übergeben. In anderen Fällen teilen die falschen Polizisten mit, ein Angehöriger habe einen schweren Unfall verursacht und brauche Geld für eine Kaution, um einen sofortigen Haftantritt zu verhindern. Besonders abgesehen haben sie es auf ältere Menschen.
Dieser Masche sind am Donnerstag gleich zwei Stuttgarter aufgesessen – eine 94 Jahre alte Frau im Norden und ein 63-jähriger Mann in Hedelfingen. Sie verloren dabei Bargeld und Schmuck im Wert von mehreren Zehntausend Euro. Angebliche Polizisten riefen beide am Nachmittag an und gaukelten ihnen vor, dass Sohn beziehungsweise Tochter einen tödlichen Verkehrsunfall verursacht hätten und dass sie eine Kaution hinterlegen müssten. Sie übergaben daraufhin Bargeld und Schmuck an einen unbekannten Abholer.
Handwerker und WhatsApp-Tricks
Seit einiger Zeit kursiert auch eine neuere Methode. Die funktioniert über den Nachrichtendienst WhatsApp auf dem Mobiltelefon. Auf sie ist am Donnerstag eine Frau aus Eberdingen (Landkreis Ludwigsburg) hereingefallen. Die 72-Jährige erhielt eine Nachricht, angeblich von ihrer Tochter. Darin teilte diese mit, ihr Handy sei in die Toilette gefallen, deshalb habe sie eine neue Nummer. Im Verlauf des Chats forderte die vermeintliche Tochter die Frau auf, zwei Überweisungen auf von ihr genannte Konten zu tätigen. Die 72-Jährige überwies daraufhin mehrere Tausend Euro. Zweifel kamen ihr erst, als es zu spät war.
Doch nicht immer muss der Betrug übers Telefon laufen. In den vergangenen Tagen sind offenbar auch vermehrt falsche Handwerker unterwegs gewesen, die unter einem Vorwand an der Haustür klingeln und sich Zutritt zur Wohnung verschaffen. Das Landeskriminalamt warnt deshalb ausdrücklich vor dieser Masche. Eine derzeit häufige Variante sei, dass die Kriminellen gezielt Einrichtungen des betreuten Wohnens aufsuchen. Dabei geben sie sich als Mitarbeitende der Hausverwaltung aus. Mit dem Vorwand, einen Wasserrohrbruch beheben zu müssen, gelangen sie in die Wohnung und lassen dort Geld und Wertgegenstände mitgehen.
Ein schwacher Moment genügt den Tätern
Immer wieder stellen Unbeteiligte die Frage, wie man auf solche Tricks hereinfallen kann. Doch wer schon einmal selbst einen vermeintlich panischen „Verwandten“ am Telefon hatte, kann erahnen, wie Leute in einem schwachen Moment darauf reagieren. Die Täter sind geschickt und verlocken die Angerufenen dazu, Namen zu nennen, die sie dann sofort übernehmen. So kann der angebliche Notstand im Laufe eines Gesprächs immer realistischer erscheinen.
Es sei denn, der selbst erklärte Sohn landet bei jemandem, der gar keinen Sprössling hat. Dann nützt auch alle gespielte Panik nichts. Doch schon beim nächsten Versuch könnte die Geschichte passen.
So reagiert man richtig
Anrufe
Die Polizei rät, sich am Telefon niemals unter Druck setzen zu lassen und nicht mit Unbekannten über finanzielle und persönliche Dinge zu sprechen. Beim geringsten Zweifel sollte man auflegen, Angehörige informieren oder unter der 110 die Polizei rufen.
Haustür
Man sollte niemals Fremde in die Wohnung lassen. Das gilt auch für Handwerker oder Stadtwerke-Mitarbeiter, die man nicht selbst bestellt hat oder über deren Besuch man nicht vorher von der Hausverwaltung informiert worden ist. Im Zweifel Rücksprache halten oder jemanden hinzuziehen.
Geldübergabe
Die Polizei weist darauf hin, dass Polizisten niemals Geld fordern oder abholen. Auch anderen Unbekannten sollte man niemals Wertgegenstände oder Bargeld übergeben.
Informationen
Ausführlich beschrieben werden die verschiedenen Betrugsmethoden auf der Internetseite www.polizei-beratung.de. Dort gibt es unter www.polizei-beratung.de/fileadmin/Medien/285-IB-Vorsicht-Falscher-Polizist-am-Telefon.pdf auch die Möglichkeit, ein Infoblatt herunterzuladen und auszudrucken.