Der Fremdenverkehr in Griechenland boomt, aber vielen Einheimischen wird das zu viel. Vor allem die Kreuzfahrttouristen sind vielerorts nicht mehr gern gesehen. Jetzt will die konservative Regierung mit neuen Regeln eingreifen.
Gleich kommen sie“, sagt Notis Papas. Am Morgen sind gleich drei Kreuzfahrtschiffe kurz nacheinander in der Bucht von Mykonos vor Anker gegangen. Jeder der Riesen transportiert rund 5000 Passagiere, größere Schiffe sogar mehr als 7000. Notis Papas steht vor seiner kleinen Taverne in der Inselhauptstadt. Die Tische sind gedeckt. Und dann ergießt sich tatsächlich ein Touristenstrom nach dem anderen durch die engen, verwinkelten Gassen von Mykonos. Im Gänsemarsch folgen die Gäste den Fremdenführern. Sie halten kleine bunte Wimpel in die Höhe, damit sich niemand im Gewühl verirrt.
Kaum einer kehrt ein
„Uns bringt das nicht viel“, sagt Papas. Manche machen Selfies vor seiner urigen Taverne, aber kaum einer kehrt ein. Die Kreuzfahrt-Passagiere haben gut gefrühstückt, und an Bord wartet schon das nächste üppige Buffet auf sie.
Griechenland erzielte im vergangenen Jahr mit 36 Millionen ausländischen Besuchern einen neuen Tourismusrekord. Das waren 18 Prozent mehr Gäste als im Vorjahr. Für 2024 zeichnet sich bereits eine weitere Steigerung ab: In den ersten fünf Monaten kamen 25 Prozent mehr Urlauber als im Vorjahr. In diesem Jahr werden womöglich erstmals mehr als 40 Millionen Touristen anreisen – viermal so viele, wie das Land Einwohner hat. Für manche Einheimische ist damit die Schmerzgrenze erreicht.
Zehntausende strömen zu Sonnenuntergängen auf Santorini
Der Tourismus ist für Griechenland ein starker Wachstumsmotor. Ihm verdankt das Land sein Comeback aus der Finanzkrise der 2010er Jahre. Im vergangenen Jahr legte das griechische Bruttoinlandsprodukt (BIP) viermal so schnell zu wie im Durchschnitt der Euro-Zone. Inseln wie Santorin, Mykonos oder Paros wären ohne die ausländischen Urlauber bitterarm. Der Fremdenverkehr hat sie zu Goldgruben gemacht.
Wenn in Santorin die Sonne langsam im Meer versinkt, strömen Zehntausende zu den Aussichtspunkten der malerischen Kykladeninsel. Das Gedränge ist groß, die Stimmung ausgelassen. Viele feiern, bis die Sonne wieder aufgeht. Dann sind die Gassen übersät mit leeren Flaschen, Getränkedosen und jeder Menge Müll.
Mehr als 800 Kreuzfahrtschiffe im Jahr fahren Santorin an
Vor allem der Kreuzfahrtboom wird zu einem immer größeren Problem. Nach Angaben der griechischen Zentralbank (BoG) besuchten im vergangenen Jahr 3,3 Millionen Kreuzfahrtpassagiere Griechenland, ein Anstieg von mehr als 60 Prozent gegenüber 2022. Laut BoG brachten die Kreuzfahrer 847 Millionen Euro ins Land, mehr als doppelt so viel wie im Jahr davor. Aber der Kreuzfahrttourismus bringt viele Inseln an ihre Grenzen. Das Thema beschäftigte jetzt einen Workshop mit dem Titel „Insellage und Nachhaltigkeit – Eilande am Abgrund“.
Einer der Teilnehmer war Nikos Zoros, der Bürgermeister von Santorin. Die Kykladeninsel ist nicht nur bekannt für fotogene Sonnenuntergänge, sondern auch für ihre einzigartige Vulkanlandschaft. „Kürzlich kamen innerhalb weniger Stunden 19 000 Besucher von Kreuzfahrtschiffen auf unsere Insel“, berichtete Bürgermeister Zoros. Vergangenes Jahr wurde Santorin 800-mal von Kreuzfahrtschiffen angelaufen. Für dieses Jahr haben die Reedereien 815 Ankünfte angemeldet.
Touristenmassen bringen Inseln logistisch an die Grenzen
5,5 Millionen Urlauber besuchten 2023 die Insel, 1,3 Millionen von ihnen waren Kreuzfahrtgäste. Zum Vergleich: Santorin hat 15 500 Einwohner. „Seit 2012 ist unser Wasserverbrauch um 140 Prozent gestiegen“, sagte Zoros. Der Stromverbrauch habe sich gegenüber dem Vor-Covid-Jahr 2019 fast verdoppelt. „20 Prozent unserer Insel sind bereits bebaut“, so der Bürgermeister. „Wenn der Staat den Bau immer neuer Hotels nicht endlich begrenzt, wird Santorin zerstört“, fürchtet der Kommunalpolitiker. Die Insel könne „kein einziges neues Bett mehr verkraften“, mahnte Zoros.
„Santorin hat ein Problem“, sagt auch Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis. „Es gibt viele Menschen, die eine Menge Geld für einen Urlaub auf Santorin ausgeben, und sie wollen nicht, dass die Insel überlaufen wird“, so Mitsotakis in einem Interview der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Regierung prüfe deshalb, die Anzahl der Kreuzfahrtschiffe an besonders gefragten Inseldestinationen zu begrenzen und Bieterverfahren für Slots einzuführen, um eine Häufung der Ankünfte zu verhindern. Eine ähnliche Regelung gilt bereits seit vergangenem Jahr auf der Akropolis: Dort werden pro Stunde höchstens 3000 Besucher eingelassen. Es gibt auch Bemühungen, die Saison auszudehnen und neue Regionen zu erschließen, um die Touristenströme zu entzerren.
Beschränkungen für Kreuzfahrten
Griechenland dürfe sein Tourismuspotenzial „nicht erschöpfen und verschwenden, sonst werden unsere Destinationen mit der Zeit unattraktiv“, heißt es in einer jetzt veröffentlichten Studie des griechischen Ombudsmanns. Gerade wegen der großen Bedeutung des Fremdenverkehrs für die Wirtschaft des Landes sei die Nachhaltigkeit bei der Nutzung der Ressourcen besonders wichtig. Das Land brauche deshalb im Tourismus „schnellstens eine klare Strategie und Steuerung“, mahnen die Verfasser der Studie.
Die Beschränkungen für Kreuzfahrtschiffe sollen vom kommenden Jahr an gelten. Die Gemeindeverwaltung von Santorin bemüht sich schon jetzt in Verhandlungen mit den Kreuzfahrtreedereien, die Besucherzahl auf höchstens 8000 am Tag zu begrenzen.
Manches regelt allerdings auch der Markt. Nicht nur den Einheimischen, auch vielen Besuchern wird das Gedränge an den Tourismus-Brennpunkten zu groß. Auch Preiswucher und zunehmende Kriminalität haben dem Ruf der vermeintlichen Promi-Inseln Mykonos und Santorin zugesetzt. Während vergangenes Jahr fast alle griechischen Ferienflughäfen Zuwächse verzeichnen, gingen die Passagierzahlen auf Mykonos 2023 um 5,9 Prozent zurück. Auf Santorin betrug der Rückgang sogar 9,9 Prozent. In den ersten sechs Monaten 2024 setzte sich der Minustrend fort. Damit verlieren die beiden überfüllten Hotspots bereits im dritten Jahr in Folge an Zuspruch.