Experten fordern mehr Verantwortung der Veranstalter von Massenevents.

Duisburg - Bei der Loveparade in Duisburg kam es zur Katastrophe mit mittlerweile 21 Toten. Da stellt sich die Frage: Wie steht es in Deutschland um die Sicherheit der Besucher von Großveranstaltungen?

Es ist extrem eng. Zu viele Menschen drängen sich auf einem Fleck. Seit Stunden geht nichts voran. Von hinten drängen immer mehr Menschen nach. Irgendwann ist es so voll, dass keiner mehr in der Lage ist, sich zu bewegen. Das Drücken der Masse bestimmt, wo es langgeht. Menschen stürzen und liegen auf dem Boden. Es ist nicht mehr möglich, ihnen auszuweichen. Die Masse trampelt über sie hinweg.

"Die Personendichte war das Problem"

"Was bei der Loveparade passiert ist, war aber keine Panik", sagt Rainer Könnecke. Er ist Experte für das Verhalten von Menschenmassen bei der IST (Integrierte Sicherheitstechnik GmbH) in Frankfurt am Main. "Die Personendichte, die im Tunnel entstanden ist, war das Problem." Die einzige Lösung in solchen Fällen seien alternative Bewegungsoptionen - Ausweichmöglichkeiten, um dem Gedränge entgehen zu können. "Diese Auswege fehlen nur allzu oft im Sicherheitskonzept von Großveranstaltungen", sagt Könnecke.

Die rechtlichen Vorgaben für die Schauplätze großer Events werden mit der Veranstaltungsstättenverordnung geregelt. Diese variiert je nach Bundesland und Kommune, enthält aber in der Regel die Art der erlaubten Baustoffe, Wandverkleidungen oder Bodenbeläge. Auch die Größe und Länge von Rettungswegen, Türen und Treppen sind hier festgelegt.

Zentraler Punkt: Steuerung der Besucherströme

Das Management der Besucherströme liegt hingegen allein beim Veranstalter. Gerade das ist nach Ansicht von Sicherheitsexperten der zentrale Punkt, um den reibungslosen Ablauf einer Großveranstaltung sicherzustellen.

Auch Christoph Unger kritisiert die Austragungsstätten für Massenevents. "Den perfekten Ort für eine Großveranstaltung gibt es nicht", sagt der Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Ein Rockfestival wie Rock am Ring oder ein Volksfest wie der Cannstatter Wasen haben nicht viel miteinander gemeinsam - nur die große Gruppe Menschen, die auf relativ kleinem Raum zusammenkommt.

Die Veranstalter sind in der Pflicht

Um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten, gibt es für den BBK-Präsidenten nur eine Möglichkeit: Alle Beteiligten, vom Veranstalter über die beteiligten Behörden bis zum kleinsten Helfer, müssen perfekt zusammenarbeiten. "Das erfordert gute Planung, ständiges Kommunizieren und viel Übung", sagt Unger.

Die gesetzlichen Richtlinien könnten lediglich einen Rahmen vorgeben. Über diesen Mindeststandard hinaus brauche es eine speziell auf den Ort und das Event abgestimmte Taktik, um Notsituationen zu vermeiden oder im schlimmsten Fall angemessen auf sie reagieren zu können. Der BBK-Chef sieht dabei besonders die Veranstalter in der Pflicht. "Erfahrung und Fachkenntnis sind absolut essenziell", sagt Unger.

Oft fehlt ein durchdachtes Sicherheitskonzept

Was muss also getan werden, um Tragödien wie die von Duisburg in Zukunft zu verhindern? Die Experten sind sich einig: Um ein Höchstmaß an Sicherheit zu gewährleisten, müsse eine durchdachte Strategie über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen.

Zwar entsprechen Veranstaltungsorte in Deutschland meistens den bautechnischen Anforderungen. Sie sind also beispielsweise mit schwer entflammbaren Deckenbeplankungen versehen. Eine Universallösung für alle Veranstaltungsorte gebe es aber nicht.

Oft fehlt es an Willen und fachkundigem Personal

"Deshalb müssen die Sicherheitsstrategien für den jeweiligen Ort des Geschehens optimiert und angepasst werden", fordert der Katastrophenhelfer Unger. Sicherheitsfachmann Könnecke weist außerdem darauf hin, dass der Eingang zu einer Großveranstaltung niemals gleichzeitig als Ausgang dienen dürfe. "Es ist wichtig, zügig an seinen Platz zu kommen und von dort auch schnell wieder wegzukönnen", sagt er. "Dadurch kann Gedränge verhindert werden."

"Ein durchdachtes Sicherheitskonzept ist aber leider vielfach nicht zu erkennen", bemängelt Könnecke. Darüber hinaus fehle es oft am Willen und an fachkundigem Personal, um eine Planung auch sinnvoll umsetzten zu können. "Gefahren werden nicht abgedeckt, wenn ein Sicherheitskonzept nicht gelebt wird", sagt der Experte. Das bedeutet, dass sowohl Veranstalter als auch Ordner die Taktik verstanden haben müssen, um in Notfällen richtig reagieren zu können. Sonst nützt auch die beste Strategie nichts.

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