Im Saal des Apollo Theaters entsteht mithilfe eines 80-köpfigen Teams die Kulisse für Mary Poppins. Foto: Wiebke Wetschera

Im Oktober feiert das Musical Mary Poppins im Apollo Stage Theater seine Premiere. Ein Blick hinter den alltäglichen Aufbau.

Möhringen - Blaue Müllsäcke überziehen die vielen Sitze im Publikumsraum des Stage Apollo Theaters. An die roten Bänke aus Samt erinnert nichts mehr. Etliche Leitern in verschiedenen Größen stehen im Saal verteilt. Große Papiere verteilen sich über die abgedeckten Sitze. Darauf finden sich wilde Zeichnungen und Beschreibungen. Laute Bohrer lärmen aus allen Ecken. Der Boden des Saals brummt.

Die Aufbauarbeiten für das Musical Mary Poppins sind in vollem Gange. Die Techniker kümmern sich um das Licht und den Sound, Handwerker um den Aufbau des Bühnenbilds. Vom filigranen Pinsel bis zum groben Handwerk ist beim Aufbau alles dabei. Der technische Leiter Martin Siebler freut sich über die klassische Arbeit am Bühnenbild: „Ich bin immer froh, wenn man nicht nur auf ein technisches Bild aufbaut, sondern mit traditioneller Theatertechnik arbeitet.“

Musical feiert Deutschland-Premiere

Am 23. Oktober feiert das Musical im Stage Theater seine Premiere. Damit gastiert die Geschichte um Mary Poppins zum ersten Mal in Deutschland. Zuvor begeisterte das Musical schon mehr als 11 Millionen Besucher am Broadway, in London und in Wien. Es wurde mit insgesamt 44 Theaterpreisen ausgezeichnet. Rund acht Monate dauerte die Planung für die Inszenierung auf der Stuttgarter Bühne. Innerhalb von acht Wochen verwandelt sich das Theater derzeit in die Welt der Mary Poppins. Bis zum Start schrauben, hämmern und schweißen die Handwerker noch fleißig.

Die großen Scheinwerfer an der Decke, die sonst einen Lichtkegel erzeugen, leuchten nicht. Die Boxen für den musikalischen Sound bleiben bisher stumm. Überall hängen Kabel von der Decke herunter. Sie enden im Nichts. Für das Musical werden etliche Kilometer Kabel in unterschiedlichen Längen und Arten benötigt. Sogenannte Lichtleitkabel erzeugen später den Effekt eines leuchtenden Sternenhimmels.

Musical mit detailverliebtem Bühnenbild

Vor der Bühne schrauben Handwerker riesige Holzbalken aneinander fest. Die Hölzer sind so breit, dass man problemlos darauf balancieren könnte. Der Geruch von frischem Holz liegt in der Luft. Die Handwerker arbeiten am vorderen Bühnenteil, unter dem sich der Orchestergraben befindet. Die breiten Holzbalken dienen als Untergrund für den Boden. Im hinteren Teil der Bühne hängen bunt bemalte Stoffe, die den Hintergrund verzieren. Auch ein zweigeschossiges Haus ist Teil des Bühnenbilds. Zeichnungen in grau und weiß ergeben die Fassade, die an ein echtes Backsteinhaus erinnert. „In dem Haus gibt es Lampen und sogar einen Kamin“, erklärt Seiber, „wie es sich für ein anständiges Haus eben gehört.“ Schnell wird klar: das Bühnenbild von Mary Poppins verzaubert mit seiner Detailverliebtheit. Für die Handwerker bedeutet das auch Nachtschichten. „Wenn man morgens in den Saal kommt, ist man erstaunt, was sich über Nacht alles verändert hat“, sagt Siebler.

Das Musical rund um Mary Poppins basiert auf der Romanvorlage von Pamela Lyndon Travers und dem weltbekannten Film von Walt Disney aus dem Jahr 1964. Der Film wurde mit fünf Oscars ausgezeichnet. Das Musical erzählt die Geschichte des Kindermädchens Mary Poppins, die von der Familie Banks für ihre zwei Kinder eingestellt wird. Sie überrascht anfangs mit ihren außergewöhnlichen Erziehungsmethoden, die Kinder schließen sie jedoch schnell ins Herz. Zusammen erleben sie magische Abenteuer. Dabei stellt Poppins nicht nur das Leben der Kinder, sondern auch das der Erwachsenen auf den Kopf.

Nichts für Menschen mit Höhenangst

Die Aufbauarbeiten gehen bis auf 24 Meter hoch. Das Thema Höhe spielt bei Mary Poppins eine ganz besondere Rolle. Wer die Geschichte kennt, weiß, dass sie einen fliegenden Regenschirm besitzt. Dafür braucht es nicht nur ordentlich Flugraum, sondern auch entsprechende Konstruktionen. „Mary fliegt ja herum, das macht der Regenschirm natürlich nicht von allein“, erklärt Siebler. In schwindelerregender Höhe müssen dafür Kabel angeschlossen oder Technik gesteuert werden. Ausfahrbare Podeste reichen bis zu einer Höhe von zehn Metern. Auch dabei sollte man schwindelfrei sein: Die Plattform wackelt bei jedem kleinen Schritt.

„Jedes Mal denke ich: Da sind wir fertig und dann kommt nichts mehr“, sagt Siebler. Gestimmt hat das bisher nie. Bei noch anfallenden Problemen hilft die letzte Nachtschicht vor der Premiere. Ein letztes Mal werkeln die Handwerker dann noch einmal fleißig, um das Bühnenbild für den ersten Auftritt zu perfektionieren.

Alles andere als ruhig

Nach dem Auszug von Tarzan aus dem Apollo muss nicht nur die Bühne umgestaltet werden. Auch einige Bars und die sanitären Anlagen werden erneuert. Im ganzen Gebäude arbeiten 30 bis 80 Leute am Aufbau mit. Auf der Bühne tanzen und singen später 42 Darstellerinnen und Darsteller für das Publikum. Seit vier Wochen proben sie in den Proberäumen. In zwei Wochen tanzen sie erstmals auf der Bühne. Künftig werden dann bis zu 1800 Leute pro Vorführung zuschauen. Nach der Premiere wird es von dienstags bis freitags abends Vorstellungen geben. Am Wochenende treten die Darsteller zusätzlich auch mittags auf.

Auf einer Tür am hinteren Bühneneingang klebt ein weißer, beschrifteter Zettel. In gedruckten Buchstaben steht darauf: „Ruhe bitte“. Für den Alltag während des Musicals ein wichtiger Hinweis, während des Aufbaus wirkt er aber eher wie ein Scherz. Wenn der Aufbaulärm in der einen Ecke verstummt, beginnt er in der nächsten. Ruhe hinter der Bühne wird es erst geben, wenn Mary Poppins bei der Premiere mit ihrem Regenschirm durch die Luft fliegt.

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