Martin Walser, 2018 nach einer Lesung in Stuttgart Foto: dpa/Ulf Mauder

Mit „Mädchenleben oder die Heiligsprechung“ hat der 92-jährige Martin Walser eine Idee umgesetzt, die er schon 1961 in seinen Tagebüchern notiert hatte.

Stuttgart - Ein Mädchen verschwindet zweimal und kehrt zurück, und beim dritten Mal - wie es so ist in Märchen, Sagen und eben auch Legenden - gelingt es, das Verschwinden: „Ich bin ein Fleck, der trocknet. Ich werde gewesen sein.“ So endet „Mädchenleben oder Die Heiligsprechung“, das neue Buch des 92-jährigen Martin Walser. Ein Buch, das weit zurückgreift in das Schreibleben des Autors, weit zurück auch in Zeiten, als das Beten noch geholfen hat.

Sirte, so will das Mädchen genannt sein, Sirte Zürn, und spätestens beim sprechenden Nachnamen merken Walser-Leser auf, schließlich treten Zürns in mehreren seiner Romane auf. Wie die anderen Männer namens Zürn leidet Sirtes Vater Ludwig unter den Zwängen der Abhängigkeit (vom Geld, vom Geliebtwerden) und wird davon zu erratischen Handlungen getrieben, beschmiert sich mit Schmutz, schlägt plötzlich auf seine Frau ein.

Sirte beschäftigt den Autor immer wieder

Die Zürns bevölkern auch Walsers Tagebücher, und Sirte beziehungsweise das Projekt „Mädchenleben“ früher als alle anderen. Bereits 1961 notiert Martin Walser die ersten Einfälle, und bis zum letzten erschienenen Tagebuchband beschäftigten Sirte und ihre Schwestern ihn immer wieder. Was bei einem Vater von vier Töchtern vielleicht nicht überrascht. 1979 nimmt er sich vor: „Mädchenleben als Manuskript hinterlassen und eine Veröffentlichung empfehlen, wenn die Jüngste der Betroffenen 50 ist: 2016. Also doch gleich als Veröffentlichungsjahr: 2017. Angenehm für alle.“

Offenkundig hat Walser seinerzeit damit gerechnet, dass von ihm im Jahr seines 90. Geburtstags nur noch im Hinblick auf Nachlassfragen die Rede sein werde. Zum Glück ist es anders gekommen, sodass der Autor selbst in der Lage war, statt des ursprünglich geplanten, umfangreichen Romans das Material in einem gerade 90 Seiten umfassenden Büchlein mit dem Untertitel „Legende“ zu versammeln.

Die Heranwachsende wird zur Künstlerin

Zwei Männer erzählen von der eigenwilligen, durchaus angeknacksten Sirte. Ihr Vater will sie heiligsprechen lassen, und zwar buchstäblich, vorantreiben soll dies ein Untermieter im elterlichen Haus am See – „Kammerherr“ genannt, Kafka lässt grüßen -, der Anton Schweiger heißt und trotzdem wortreich die Sehnsucht ausdrückt, die er für das Mädchen empfindet. Der Schullehrer wird Zeuge, wie die Heranwachsende zur Künstlerin wird – und sich mit dem Heiligen einlässt. Das liegt bei Walser natürlich in der Sprache, in all den schönen Sätzen, aus denen dieses Buch besteht. Sirte vertraut Schweiger Zeilen an, die in wenigen Worten gar alles sagen: „Gegen Gott ist, wer ohne ihn ist und ihn nicht vermisst.“ Aber auch: „Wenn sonst nichts ist, sind Wörter etwas.“

Schließlich wählt sie einen Weg der imitatio christi, der an den des Titelhelden aus Walsers „Muttersohn“ erinnert: Sie lässt sich wieder und wieder anstelle einer gepeinigten Ehefrau von deren dauerbetrunkenem Ehemann schlagen. Dass sie den Mann am Ende bekehrt, von den Misshandlungen abzulassen, macht den Vorgang nicht weniger verstörend.

In „Mädchenleben“ ereignet sich - in Szenen, die kaum einen Zusammenhang beanspruchen, und Sätzen, die ganz in ihrer eigenen Gegenwart stehen - eine Heiligsprechung ohne Heil, die „Vertreibung ins Paradies“, das keines mehr sein kann. Schweigers letzte Worte an Sirte geben die Richtung an: „Sie will kein Wunder, sie will einen Sinn für ihr Dasein. Den Sinn musst du selber suchen und finden, sagte ich. Das will ich, sagte sie und ging.“

Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Eine Legende. Rowohlt Verlag, Hamburg. 94 Seiten, 20 Euro.

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