Zu seinem 91. Geburtstag beschenkt sich der Schriftsteller vom Bodensee selbst: Auf den Gabentisch legt er sich die neuen Leiden des alten Mannes. Foto: dpa

Martin Walser fasst sich kurz: „Gar alles oder Brief an eine unbekannte Geliebte” handelt von der auch im Alter nicht nachlassenden Macht von Liebe und Triebe.

Stuttgart - Kein Jahr ohne (mindestens) ein neues Buch von Martin Walser. Sein Roman für 2018 trägt den Titel „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte”. Tatsächlich findet auf diesen 107 Seiten die Erzählung in Briefform („Liebe Unbekannte”) statt, die Briefe aber werden weder per Post noch Mail geschickt, sondern als Blog ins Internet geschrieben. Der Verfasser nennt sich Justus Mall und firmiert als freiberuflicher Philosoph, früher war er Jurist und als Oberregierungsrat im Bayerischen Innenministerium für Migration zuständig, und eigentlich heißt er Dr. Gottfried Schall.

Der Brief schreibende Blogger berichtet ausführlich, in welche Nöte es ihn bringt, von zwei Frauen – der „Einen” und der „Anderen” – mit gleichermaßen ultimativ vorgetragenem Ausschließlichkeitsanspruch geliebt zu werden, und hofft, in der „Unbekannten” eine Geliebte zu finden, die bereit wäre, das zu verstehen und überhaupt „gar alles” zu verstehen. Denn die beiden Frauen, die er hatte, hat er jetzt nicht mehr so richtig. Die Eine (die Ehefrau, darf man vermuten) liegt im Krankenhaus, die Andere ist nach Amerika abgehauen und macht von dort aus Schluss mit ihm: „Die Eine ist prima! Die Andere auch! Ich liebe beide. Vielleicht daher die Enttäuschung. Weil das nicht sein soll. Nicht sein darf. Natur oder Gesellschaft, oder Natur und Gesellschaft, wollen das nicht. – Jetzt bilde ich mir ein, ich könnte beide, die Eine und die Andere, nur aufgeben, wenn es Sie gibt!”

Junge Schenkel an der Opernbar

Außerdem hat den bedauernswerten Beamten, wie wir Mitleser erfahren, ein Brüderle-gleiches Schicksal ereilt: einmal auf das Blitzen eines jungen Schenkels an der Opernbar in der „Tristan”-Pause mit einem Zeigefingerstupsen und einem „Sink hernieder, Nacht der Liebe” reagiert – es ist niemals gutzumachen. Dr. Gottfried Schall wird von der angestupsten „Praktikantin” (!) der sexuellen Belästigung bezichtigt, als „exemplarischer Grapscher aus der Altherren-Riege” durch die Medien gereicht, bekommt eine Frühpensionierung (offenbar ohne Bezüge) und schließlich auch noch eine Alzheimer-Diagnose.

Die hält den spätberufenen, frischgebackenen Blogger Justus Mall nicht davon ab, sich an gar alles zu erinnern. Mit Vorliebe daran, wie widerstandslos er (ähnlich weiteren Herren seiner Bekanntschaft, die aus ihren Herzen keine Mördergrube machen) tatsächlich den Reizen der Frauen ausgeliefert ist, vor allem ihren „steilen Brüsten” und ihren ihn immerfort mindestens blendenden, wenn nicht im Innersten erschütternden Frisuren. Zwar verwahrt er sich gegen den ihm angehefteten Ausdruck „Altersgeilheit”. Alterslose Geilheit allerdings wird man ihm attestieren dürfen.

Martin Walser findet neben all dem noch Platz für Traumerinnerungen, meßmerhafte Aphoristik, walserhafte Lyrik, das unvermeidliche Genrebild der Kritikerkarikatur und allerlei provokationslustige Betrachtsamkeiten über wahre Philosophen (Odo Marquardt, Nietzsche, Heidegger) und gar nicht so verkehrte Propheten (der „belebende” Trump). Nicht zu vergessen das eine oder andere Kabinettstückchen von hübschen Nachbarschaftsscharmützeln, Handy- und Blutverlust, Geldmangel und unvermutetem Ghostwriter-Erfolg.

Das scheint nicht nur, das ist ganz schön viel Holz für 107 Seiten. Und leider finden die einzelnen Scheite nicht zu einem zündfähigen Haufen zusammen. Vielmehr wirken die einzelnen Bestandteile von „Gar alles” wie Versatz- oder Fundstücke, die irgendwo anders – im Vorvorgänger „Ein sterbender Mann” etwa oder ehedem im „Tod eines Kritikers” – nicht unterzubringen waren. Die „existentielle Dringlichkeit”, von der im Pressetext des Rowohlt-Verlags die Rede ist, versteckt sich erfolgreich hinter lauter Sätzen, die der Walser-Leserin unendlich bekannt vorkommen. „Meine Lieblingslektüre zurzeit: Märtyrergeschichten.”

Angstblüten ohne Ende

Andererseits trifft auf diesen Autor vielleicht wirklich das zu, was eine Figur des schmalen Buchs im Hinblick auf den schreibenden Denker Justus Mall behauptet, der zumindest thematisch einiges mit dem schreibenden Denker Martin Walser gemein zu haben scheint: „Mall könne schreiben, aber er habe keine Einfälle. Hat man ein Buch von ihm gelesen, zum Beispiel das über den Irrtum als Erkenntnisquelle oder das über die Wahrheit als Mutter der Lüge, dann wisse man nachher nicht mehr, was man gelesen habe. Nur, dass man es gern gelesen habe, wisse man noch.”

Gern liest man freilich auch diese 107 Seiten, aber zugleich mit leisem Bedauern. Es ist ja mitnichten so, als habe Walser keine Einfälle, aber er treibt sie mittlerweile aus wie Angstblüten, die von allem Anfang an keine Chance auf Entfaltung, gar Befruchtung haben.

Allein aus Dr. Gottfried Schalls abruptem Karriereende hätte Martin Walser zu Zeiten von „Finks Krieg” locker einen Vierhundertseiter gemacht. In „Gar alles” bleibt der Skandal Episode und bringt einen vor allem ins Grübeln, wie sich die fordernde Liebe des Mannes zu der Einen und der Anderen verträgt mit der ständigen Bereitschaft, sich von simplen Schlüsselreizen irgendwelcher Passantinnen und Barhockerinnen „Lebensstromstöße“ versetzen zu lassen.

Warum das so ist, wie es sich anfühlt, was einer sich dabei denkt, die ganze sozio­sexuelle Mechanik, in der auf einen fatalen Moment höchstpersönlicher Entfesselung unbarmherzig die gesellschaftliche Ächtung folgt, das gegenseitige Verkennen von Beseeltem und Belästigter, was dann so geredet wird – das wäre Stoff genug für einen Roman gewesen. Den wollte Martin Walser aber (wieder) nicht schreiben. Aus der Erzählverweigerung wird ihm „Gar alles” – im Unterschied zum radikalen, auf seine Weise fulminanten „Statt etwas oder Der letzte Rank” – leider nicht zum Roman eigener Art. Es bleibt eine schiere Sammlung von Einfällen, Gedanken und Beobachtungen, die sich „Roman” bloß nennt.

Martin Walser beschert seinen Lesern dieses Buch zu seinem eigenen 91. Geburtstag. Er hat schon bessere Partys geschmissen.

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