Zocken statt schlafen: Für viele Kinder und Jugendliche entwickelt das Smartphone Suchtpotenzial. Foto: IMAGO/Zoonar

Wie gelingt die Flucht aus der Spielsucht? Martin Schäubles neuer Roman „Heldentage“ begleitet drei Jugendliche bei einem ungewöhnlichen Ausbruch.

Könnte der folgende Satz als Kurz-Witz taugen? „Sitzen zwei Jungs auf dem Sofa und lesen ein Buch.“ Wer darüber lachen kann, hat mindestens ein minderjähriges männliches Mitglied im Haushalt – und etliche Stunden mit Diskussionen über Bildschirmzeiten, mit Zoff über Zockerei und mit Streit über das Suchtpotenzial von Computerspielen zugebracht.

 
Martin Schäuble Foto: IMAGO/Manfred Segerer

Martin Schäuble, Jugendbuchautor und Vater, kennt sich da bestens aus. Dass er die Leserinnen und Leser seines neuen Romans „Heldentage“ zum Happy End mit dem hoffnungsvollen Bild von zwei Jungs entlässt, die sich in ein Buch vertiefen, mag vielleicht eine Spur zu optimistisch sein. Andererseits hat Martin Schäuble seine beiden spielsüchtigen Helden ein Abenteuer durchleben lassen, das ihnen tatsächlich neue Horizonte jenseits von Displays eröffnete.

Der Autor dankt den eigenen Söhnen

In der Danksagung am Ende seines Buchs schreibt der Autor: „Unseren drei Jungs danke ich am allermeisten! Ohne die stundenlangen und manchmal recht intensiven Zock-Diskussionen wäre ich nie auf diese Geschichte gekommen.“ Erziehende, die ihre Schützlinge besser verstehen wollen, werden „Heldentage“ mit Interesse lesen. Denn Martin Schäuble, promovierter Politikwissenschaftler, hat – wie auch für seine vorherigen Jugendromane über psychische Erkrankungen („Alle Farben grau“) und über sexualisierte Gewalt im Breitensport („Warum du schweigst“) – mit Betroffenen und Experten gesprochen; ihre Erfahrungen füttern auch die Story und die Charaktere von „Heldentage“.

Nilo heißt der Jugendliche, der darin vom Zocker zum medienabhängigen Patienten wird. Vernachlässigung von Hausaufgaben, Hygiene, Ordnung und Nahrungsaufnahme sind auch bei ihm die bekannten Nebeneffekte eines Alltags, der exzessivem Medienkonsum untergeordnet wird. Doch nachdem Nilo im Streit um ein Handy seine Mutter mit dem Messer bedroht, steuern beide professionelle Hilfe an. Und so landet der 15-Jährige auf Station drei einer psychiatrischen Klinik, auf der spielsüchtige Jugendliche behandelt werden. Das einzige technische Gerät dort, klärt ihn die Therapeutin auf, die ihn einweist, „ist die Kaffeemaschine“.

Es geht um Leben und Tod

Dass Nilo schon in der ersten Nacht zum Ausreißer wird, hat allerdings mit seinem Zimmerkollegen Faris und dem geheimnisvollen Mädchen Mayla von der Akutstation zu tun. Zu dritt begeben sie sich auf eine Reise zu Fuß, per Bus, Bahn und Frachtkahn, weil Mayla „ein paar Sachen zu erledigen“ hat. „Es geht um Leben und Tod!“, mehr ist nicht von ihr zu erfahren, nur, dass sie die Hilfe der beiden neuen Freunde braucht. Ihr Roadtrip wird eine Reise in eine Welt jenseits der Displays, in der Alte vereinsamen, in der Neo-Nazis Andersdenkende terrorisieren und in der Alkohol Trauer und Überforderung wegspülen soll.

„Heldentage“ ermuntert, eigene Stärken zu entdecken

Martin Schäuble packt den drei Helden fast zu viele Aufgaben auf. Doch die Empathie, die sie auch selbst von Fluchthelfern erfahren, wird zum Werkzeug, um eigene Stärken jenseits von Game-Levels zu entdecken und sich zu Schwächen zu bekennen.

Kein Adjektiv ist zu viel, kein Satz zu lang im Bericht von Nilo. Das macht ihn auch für lesemufflige Betroffene konsumierbar. Der Autor Martin Schäuble erzählt auf die ihm eigene, auf den ersten Blick sehr nüchterne Art. Doch die Warmherzigkeit, die Charaktere fein beobachtet, und der Humor, der schwierige Situationen trägt, adeln „Heldentage“ zum Mutmachbuch.

Martin Schäuble: Keine Scheu vor schweren Themen

Buch
Martin Schäuble: Heldentage. Verlag Fischer-Sauerländer. 272 Seiten. 17,90 Euro. Ab 12

Autor
Das Buch „Black Box Dschihad“ machte den 1978 in Lörrach geborenen Martin Schäuble bekannt. Der promovierte Politikwissenschaftler hat neben Sachbüchern zu Israel und Palästina auch viele Jugendbücher geschrieben, die Themen wie KI, Klimawandel, sexualisierte Gewalt im Sport oder Suizidgefahr unter Jugendlichen ansprechen.