Martin Mayer in seiner Werkstatt Foto: Andreas Reiner

Martin Mayer war Industriemechaniker, Schreiner, Mönch und schließlich katholischer Pfarrer. Dann kam die Zölibat-Krise. Heute ist er verheiratet und macht in seiner Ulmer Schreiner-Werkstatt Urnen aus Holz.

Noch ein paar Buchenscheite in den Ofen. Wärme für die nächsten Werkstatt-Stunden. Gerade schafft er an einer Urne aus Elsbeere. Äußerst hart, fein in der Maserung – „sehr majestätisch“. Erle macht sich auch schön, „die ist sanfter, mit viel Tiefe“. Am liebsten mag er Ulme. Ihre Farbenvielfalt, die starke Struktur. Aber auch wegen dem Wort „Ulm“ in Ulme. Hier hat er seinen Platz gefunden neben einem Steinmetz-Betrieb gleich beim Hauptfriedhof.

 

Dass Martin Mayer mit 53 Jahren so aufgeräumt in seiner Schreinerei steht, ist auch ein Ergebnis durchbeteter Nächte, auf dem Buckel die ganze Last eines Schwankenden: Weiß ich nicht, was ich will? Bin ich nur ein Fähnle im Wind? Am Ende sagte er sich los vom Amt des katholischen Pfarrers. Was die Kirche verlangt, ging einfach nicht.

Seine erste Urne machte er für die Tochter von Freunden, die als junge Frau starb. Sie baten ihn darum. Er ging es an, verleimte Dielen zu einem Holzklotz, sägte einen Deckel ab, schnitt mit einer Bohrkrone ein großes Loch für die Aschekapsel heraus. Kleidete es mit Filz aus, machte die Außenseite schön geschmeidig, ölte sie ein. „Mit dem ausgebohrten Zylinder könnte ich doch auch was machen“, dachte er sich: Ein Erinnerungsstück für die Eltern. Zwei Objekte aus dem gleichen Holz, eins für die Erde, eins für zuhause. Seine Idee ist mittlerweile patentiert. In diesem Jahr bekam er dafür Gold beim German Design Award.

Zwei Mayer-Urnen und ihre Gegenstücke Foto: Andreas Reiner

Am Anfang war eine Kindheit als Bauernjunge im Illertal, behütet und rustikal. Martin kommt als zweitjüngstes von fünf Kindern zur Welt. „Wir sind halt mitgelaufen, haben mitgeschafft und mitgelebt“, erzählt er. Sein erster Traumberuf ist Busfahrer – wie der Mann, der ihn morgens zum Kindergarten bringt. Frei sein und viel sehen.

Er wächst katholisch auf. Vor dem Einschlafen wird g’bättet. Die Kommunionskerze, groß wie eine Fackel. Sonntags mit der Familie zur Heiligen Messe ins Nachbardorf. „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen. . .“, sagt Martin her. In Gedanken ist er woanders. „Als Bub war ich unmöglich. Immer unruhig. Vielleicht ja ADS.“

Der Vater schichtet nebenher bei Liebherr in Ochsenhausen. Die Landwirtschaft trägt schon lang nicht mehr. Irgendwann macht er Schluss damit, verkauft alles: Acker, Vieh und Hof. Seine Kinder sollen es besser haben. Immer nur knapsen, darben, schaffen bis zum Umfallen, das ist ja kein Leben. Ein Freidenker vor dem Herrn. „Mit seinen 85 strotzt er heute noch vor Energie“, sagt der Sohn.

Als Jugendlicher ist Martin ständig auf der Gass. Musikverein, Landjugend, Feuerwehr, Fußball, Leichtathletik. Und merkt dabei doch, wie er was sucht, „das man so gschwind amol net findet“. Als Schlagzeuger in verschiedenen Bands gibt er die anderen Hobbys auf. Selten daheim, selten allein. „Aber um nachzudenken, reichen auch Zwischenräume“, sagt er. Wenn er nachts noch wach liegt. Unter der Dusche. Im Auto.

Mit 18, er hat jetzt eine feste Freundin, wühlen ihn Todesfälle im Bekanntenkreis auf. Wie kann ein Leben vorbei sein, das kaum gelebt wurde? Und warum ist man überhaupt da? Er liest in der Bibel. Formeln wie der „Tod als Tor zum Leben“ reichen ihm nicht. „Ich wollte das im Inneren verstehen.“

Als angehender Industriemechaniker bei Liebherr ist er einer von 2000 Leuten, die morgens an-, und abends abstempeln. So zu funktionieren, da sträubt sich was in ihm. Man will ihn übernehmen nach der Lehre. Er will nicht. Er sieht sich in einer Schreinerwerkstatt. Pfarrer werden? Nie im Leben!

Neulich hat Martin Mayer ein Ohr aus Ulmenholz geformt („Hört und ihr werdet leben“, Deuteronomium 4,1). Später erst entdeckte er auch eine Engelsfigur in dem Werk. Und nach längerem Betrachten auch noch einen in sich gekehrten Menschen. „Viele Dinge werden einfach, obwohl ich sie gar nicht geplant habe.“

Eine neue Urne entsteht. Foto: Andreas Reiner

Wohin geht die Lebensreise? Er ist jetzt Schreiner. Die Unruhe begleitet ihn weiter wie ein treuer Hund. Bis er endlich weiß, was er zu tun hat: Im Studienhaus St. Lambert Theologe und danach Priester werden. Wie zeigt sich Berufung? „Ich kann es nicht abschließend erklären. Es gab die Liebe zu meiner Freundin, meinem Beruf, meiner Musik. Und es gab diesen Bereich Gott, der hatte mehr Kraft als alles andere in Summe.“

Es der Freundin zu sagen, fällt unsagbar schwer. Sie überlegten ja sogar schon zu heiraten. Und den Eltern: Er sieht sich noch am Küchentisch sitzen. Die Mutter verstummt. Der Vater sagt nur: „Des glaub i net.“

Braune Kutte, Kapuze, Sandalen, Vollbart. Nach dem Studium wird aus Martin Mayer der Karmeliter-Mönch Martin. Sieben Stunden Gebet täglich. Drei Jahre der Stille. Damals merkt er schon: Ohne Impulse von außen wird es innen ziemlich leer.

Was ja nicht unbedingt etwas Schlechtes sein muss. Viele Geistliche auch anderer Religionen suchen geradezu die Leere. Weil sie einen Sog erzeugt und Menschen anzieht. Weil Leere bedeutet, sich von keiner Erdschwere und keiner profanen Behaglichkeit besetzen zu lassen, sondern immer durchscheinend zu sein für das Himmlische. Wie ein Fenster. Weil sie im besten Fall frei und mutig macht und andere ausrichten kann.

Die katholische Kirche selbst spricht von der Enteignung und Übereignung des Priesters. Von seinem totalen Verzicht auf alles, was nur ihm gehört. Kein Ehepartner, keine eigene Familie, kein irdisches Zukunftsland.

Was, wenn sich der tiefste Glaube am Ende als einziger Trugschluss und Fantasterei herausstellt? Dann haben sich diese Menschen doch mit ihrer ganzen Existenz für das Hohe und Gute riskiert. Eigentlich ein schöner Gedanke. Und in seiner Unzeitgemäßheit vielleicht umso zeitgemäßer.

„So eine Urne ist wie der Lebensausschnitt eines Baums“, sagt Martin Mayer. „Die Wurzeln und die Krone sind unsichtbar – wie beim Menschenleben. Wir wurzeln im tiefsten Geschöpfsein, und dass unser Leben auf ewig kostbar bleibt, dafür steht die Krone.“ Er legt in jede Urne einen Apfelkern. Das Neue ist schon mitgedacht. „Es gibt einen schönen Satz von Laotse: Was für die Raupe das Ende der Welt, ist für den Rest der Welt ein Schmetterling.“

Bruder Martins Mönchsdasein folgt der zweijährige Pastoralkurs und ein Jahr als Diakon. Dann steht er vor der Priesterweihe. Den feierlichen Rahmen bildet die Neresheimer Abteikirche mit ihrer Barockherrlichkeit. Wir schreiben das Jahr 2007.

Während der Exerzitien in der Woche vor der Weihe ist irgendwie so ein Schmerz in ihm. „Natürlich konnte ich nicht mehr zurück.“ Solche Zweifel gehören dazu, sagt er sich, sagen ihm andere. Gäbe es nur Klarheit, das wär ja auch nicht normal. „Der Tag der Weihe war dann schon sehr besonders“, erzählt Martin Mayer. Alles gut.

Nach vier Jahren als Vikar in Ellwangen und Geislingen wird Martin Mayer 2011 Jugendpfarrer im Dekanat Biberach-Saulgau. Aber diese Leere. . . Bald muss er sich eingestehen, dass seine Predigen blasser und schwächer und leiser werden. 2013 die Krise. Das Vakuum lässt sich nicht durch Gemeinschaft mit anderen Priestern füllen, nicht durch Freunde, nicht durch den Gemeindedienst. Wenn er sieht, wie Menschen sich finden und lieben, wie Kinder geboren werden, hat er zugleich das Gefühl, sich selbst aus den Augen zu verlieren. „Das war immer ein wunder Punkt“, sagt Martin Mayer. „Mir fehlte etwas. Der eine Mensch. Die Frau an meiner Seite. Eine, die um ich weiß, bei der ich ganz normal und daheim sein kann. Die mein Herz kennt.“ Eine solche Verbindung im Geheimen zu leben, würde er nicht hinkriegen. „Kann es sein, Herr“, fragt er, „dass du mich hierhin und dahin und wieder woanders hin rufst?“ Die innere Stimme sagt: ja.

Schließlich sitzt er wieder an dem alten Küchentisch im Elternhaus. Die Mutter verstummt. Der Vater sagt nur: „Du bist mein Sohn und bleibst mein Sohn.“

Beim Bischof wartet er eine Weile im Vorzimmer. Dann wird er reingerufen und sitzt an einem großen Tisch. Der Oberhirte weiß schon, um was es geht. Er ist nicht begeistert: „Herr Mayer, Sie haben mir doch vor der Weihe gesagt, Sie seien sich sicher.“

Bei Spaziergängen sieht Martin Mayer manchmal einen schönen Ast oder einen kaputten Stamm am Wegrand. Den nimmt er mit. Oder die Leute bringen ihm Holzstücke vorbei. Seine Lager sind voll. „Das Werk hier heißt ,Licht und Schatten’ – aus einem Apfelbaumfragment.“ Die Außenseite hat er bearbeitet, die ausgefaulte Innenseite vom gröbsten Dreck befreit und geölt. „Wir Menschen laufen ja auch Gefahr, nach außen nur zu zeigen, was gesellschaftstauglich ist. Und das Verletzliche, Verletzte nicht dazu gehören zu lassen.“

Der Priester als Selbstenteigneter? Martin Mayer teilt diese Vorstellung seiner Kirche vom Zölibat nicht. „Theologisch gibt es dazu großartige Gedankenkonstrukte – leider halten sie oft dem Alltag nicht stand.“

Die Idee will er nicht kleinreden. „Wenn ich mich in der Beziehung zu Gott so gefunden hab, dass ich mich ganz als Geschenk zur Verfügung stellen kann, dann funktioniert es.“ Doch kenne er wenige Priester, „die so weit gereist sind, dass sie das durch und durch mit Leben füllen“.

Nur wer für die Ehe geeignet ist, taugt auch für den Zölibat, sagt Martin Mayer. Bei beidem gehe es um die Vollform einer Beziehung. Er denkt oft über die radikale Freiheit nach, die Gott in den Menschen gelegt hat. Und dass seine Kirche dann ja eigentlich vertrauensvoll jeden zum Priester Berufenen frei entscheiden lassen könnte, welche Lebensform für ihn richtig ist. „Es gibt auch Verheiratete, die mit Strahlkraft das Evangelium verkünden und beim Menschen sind.“

„Diese Urne mit Erinnerungsstück heißt ,Im Fluss’.“ Beide stehen seit längerer Zeit im Wohnzimmer einer Frau, Mitte 70, aus Biberach – quasi als Vorsorge. Martin Mayer hat sich das Ensemble für die Bewerbung beim Designer-Preis ausgeliehen. „Das Werk hier heißt ,Geborgenheit’. Und das ,Unsterblich’. Erst als es fertig war, hab ich gesehen, in der Maserung sind ja zwei Herzen drin.“

2014 hört er auf als Pfarrer. Die Kirche schaut, wo es einen neuen Platz für ihn geben kann. Einige Jahre ist er Religionslehrer an zwei Ulmer Berufsschulen, richtet die Frohe Botschaft an Elektriker und Zerspaner. Dann reduziert er die Schulstelle, um als Holzkünstler und Trauerredner Fuß zu fassen. 2023 geht er mit seinen Urnen ganz in die Selbstständigkeit. Heute ist er wieder Schreiner, Schlagzeuger und lebt in einer Beziehung. Wie einst als junger Mann.

Seine Ehefrau Isabell, 48, arbeitet in einem Kindergarten. 2015 haben sie standesamtlich, 2016 kirchlich geheiratet. Der gemeinsame Kinderwunsch blieb unerfüllt.

„Sie ist eher prozessorientiert, ich eher strukturiert“, sagt Martin Mayer. Anfangs ertappte er sich beim Gedanken, seine Art sei die bessere. Da musste er umlernen. Sie sind viel im Gespräch. „Wenn es zu lebendig wird und mir Struktur fehlt, sag ich das. Und wenn es ihr zu steril wird, sagt sie es auch.“

200 Beerdigungen hat er in den letzten zwei Jahren als Trauerredner begleitet. Meistens Menschen, die mit der Kirche oder Gott wenig bis nichts zu schaffen haben. Er fragt bei jedem Trauergespräch: Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Dass man sich wieder sieht? Viele sagen: „Es wäre schön.“

Bei den Trauerfeiern erzählt er auch von seiner Hoffnung. Er verstellt sich nicht. Auch Gott kommt darin vor, Bibelstellen, der Segen, das Kreuzzeichen. „Ich fühle mich nach wie vor berufen, in persona Christi zu reden.“ Martin Mayer hat nie aufgehört, Priester zu sein. Die Weihe ist ein bleibendes Prägemal, da gibt es beiderseits kein Zurück. Rom hat ihn von der Zölibatspflicht entbunden, er darf nun halt keine Gemeinde mehr leiten.

Vom Bistum kamen auch kritische Stimmen. Vor allem, als er noch für die Diözese als Lehrer arbeitete, von ihr bezahlt wurde und zugleich schon Trauerredner war. Aber die große, alte Kirche hält auch das aus.

Er sieht sich nicht als Konkurrenz. „Ich bin an den Hecken und Zäunen der Kirche unterwegs. Als Mann der Kirche, aber nicht in ihrem Gewand.“ Mit Gott haben viele ihre liebe Not. „Meine Mission ist, die Menschen von ihm berühren zu lassen. Sie müssen dabei gar nicht wissen, dass er es ist.“