Verwaltungsleute in Unterhosen: „Tiefer Schweb“ von Christoph Marthaler Foto: dpa

Unter Wasser: In tiefsten Tiefen des Bodensees berät ein geheimer Ausschuss über Flüchtlinge. In der Uraufführung von Christoph Marthaler geraten die schauspielerischen Szenen allzu behäbig, doch es wird fein und gemein gesungen in „Tiefer Schweb“ an den Münchner Kammerspielen.

München - Christoph Marthaler hat seine Liebe zur See wieder entdeckt. Doch anders als in den „Seemannsliedern“, die 2005 auch beim Festival „Theater der Welt“ in Stuttgart zu sehen waren, lässt der Schweizer Regisseur jetzt nicht mehr wehmütig von Sehnsucht, Liebe und Tod singen und spielen. Er erzählt stattdessen von Flüchtlingen, die über das Meer nach Europa gekommen sind. Kürzlich hatte er sich schon im Hamburger Schauspielhaus dem Thema gewidmet und die Fremdenfeindlichkeit des Bürgertums kritisiert. Nun folgt in München die Verhohnepipelung des verwaltungsbeamtischen Umgangs mit Flüchtlingen.

In „Tiefer Schweb“ sitzen Flüchtlinge auf dem Bodensee fest. Sie leben vorläufig in einer schwimmenden Dorfgemeinschaft, die sich über dem tiefsten Punkt des Sees befindet, Tiefer Schweb genannt. Sie sind da, weil sie „auf amtliche Registrierung in einem der drei Anrainerstaaten warten“, erklärt eine Stimme vom Band, bevor sich der Vorhang der Kammerspiele hebt. Weil diese Dorfgemeinschaft streng abgetrennt mit einer Bannmeile versehen ist, können Ausflugsdampfer den Tiefen Schweb nicht anfahren. So geht’s natürlich nicht auf Dauer. Man lebt hier schließlich vom Tourismus. Weshalb auch schon ein Fachausschuss gebildet wurde, der die Misere beheben soll.

Tamino wird zum Weißwurstexperten

Der Ausschuss trifft sich in einer geheimen Klausurdruckkammer auf dem 243 Meter tief gelegenen Binnenmeeresgrund. Das gibt den Akteuren die Möglichkeit, immer leise Blubb-Laute auszustoßen, während der Protokollführer den „Ausschuss zur nachhaltigen Oberflächenneuordnung der exterritorialen Bereiche des Bodensees“ begrüßt. Die Ausschussmitglieder küren später noch den Schauspieler Hassan Akkouch zum Priester des Unterwasser-Weisheitstempels. Dies geschieht aber erst, als der aus Mozarts „Zauberflöte“ entliehene Tamino seine „Einbayerung“ bekundet, in dem er fehlerfrei Weißwurst-Inhaltsstoffe aufzählt.

Der Bühnenbildner Duri Bischoff hat einen trutzigen, holzvertäfelten Raum mitsamt Kachelofen in der Ecke gebaut. Taucher klettern aus dem Ofen, Briefe flattern durch eine Kachelöffnung – und die acht Spieler entsteigen dem Ofen in immer neuen, immer exotischeren Trachten (Kostüme: Sara Kittelmann). Sie stellen sich ordentlich feixend an der Rampe auf – in ihrer Mitte Annette Paulmann, die eine imposante Hochzeitskrone auf dem Kopf balanciert. Sie bewahrt Haltung, während die anderen darüber sprechen, wie sie die scheinbar in Seenot geratene Dame retten und zu ihrer Königin machen wollen. Dann aber verbrennen sie doch nur wieder ihre Trachten, um in Unterwäsche ihre Sitzung fortzuführen.

Starke musikalische Szenen

Andere Szenen aber leiden unter spielerischer Behäbigkeit, oft wird einfach nur am Sitzungstisch der Text aufgesagt. Walter Hess etwa wirkt dabei wie ein braver Beamter, wenn er als Protokollführer, das Gesicht in Sorgenfalten legend, die Herrschaften zur Ruhe auffordert. Zu selten erlebt man, wie beamtische Pedanterie ins Absurde kippt. Das gelingt, wenn etwa Ueli Jäggi stoisch das Wort Bodensee in diverse Sprachen übersetzt – von „Boden gölü“ (aserbaidschanisch) bis „Liqeni i Bonenit“ (albanisch) – und dies beiläufig und nicht mit Achtung-lustig-Attitüde geschieht.

Kein Marthaler ohne Musik: das istglücklicherweise auch an diesem Abend so. Die Uraufführung funktioniert immer dann, wenn sehr fein Volkslieder gesungen werden. Oder wenn in einem Orgelwettstreit der Marthalermusiker Jürg Kienberger gegen einige Kollegen antritt: „The Sound of Silence“ von Simon & Garfunkel wird mit „A whiter Shade of Pale“ von Procol Harum verschnitten, einem Song, der ja auch von Meeresgefahr und Schiffskatastrophen handelt. Solche Momente sind so hintergründig wie grandios, wortlose Anspielungen an aktuelle Flüchtlingskatastrophen, die das Lachen über eifrige Musikanten ins Stocken geraten lassen. Sie allein rechtfertigen den ausgiebigen Applaus.

Aufführungen am 27. Juni, am 2., 7., 9., 13., 26. und 27. Juli. Karten: 089 / 233 96600. www.muenchner-kammerspiele.de

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