Das Leitungsnetz im Marstallcenter ist anfällig für Legionellen Foto: StN

Bei einer Routinekontrolle ist im Wasserleitungssystem des Marstallcenters in Ludwigsburg eine extrem hohe Kontamination mit Legionellen festgestellt worden. Betroffen sind die 200 Wohnungen in den Wohntürmen. Die Bewohner dürfen bis auf weiteres nicht mehr duschen.

Ludwigsburg - Nach Angaben der zuständigen Immobilien-Verwaltungsgesellschaft sind nur die 200 Wohnungen, nicht aber das in das Gebäude integrierte Einkaufszentrum und der Kindergarten betroffen. Die Verwaltung hat in Abstimmung mit dem Kreis-Gesundheitsdezernat erste Gegenmaßnahmen eingeleitet. Zunächst wurde ein Duschverbot erlassen, danach in einigen Wohnungen spezielle Duschköpfe montiert, die Legionellen filtern. Zuletzt wurden die Leitungen mit Chlordioxid desinfiziert. Ob dies ausreicht, wird sich erst in der kommenden Woche zeigen, wenn weitere Proben entnommen werden. „Das ist ein riesiges Objekt“, sagt Thomas Schönauer, der Leiter des Kreis-Gesundheitsdezernats. „Bis die Maßnahmen an allen Stellen wirken, dauert es eine gewisse Zeit.“

Legionellen können, wenn sie eingeatmet werden, schwere Lungenerkrankungen auslösen, die vor allem bei älteren oder gesundheitlich angeschlagenen Menschen tödlich verlaufen können. Bislang hat die Kontamination im Marstallcenter offenbar keine schwerwiegenden Folgen. Legionellen-Erkrankungen seien meldepflichtig, sagt Schönauer. „Uns ist kein aktueller Fall bekannt.“ Das mit der Wasserkontrolle beauftragte Unternehmen hat die Bewohner jetzt deutlich vor den Risiken gewarnt: „Es besteht eine extrem hohe Gesundheitsgefährdung, die lebensbedrohend verlaufen kann“, heißt es in dem Anschreiben.

Tatsächlich sind die im Marstall gemessenen Werte ungewöhnlich hoch. Nach Informationen unserer Zeitung wurden an einigen Stellen 30 000 koloniebildende Einheiten Legionellen pro 100 Milliliter Wasser festgestellt. Zum Vergleich: bei 100 Einheiten ist der Grenzwert überschritten und müssen erste Gegenmaßnahmen vorgenommen werden. Ein Duschverbot ist notwendig bei mehr als als 10 000 Einheiten. Nicht alle Wohnungen und Leitungen sind gleichermaßen betroffen, und über die Gründe für die Kontamination kann momentan nur spekuliert werden. Es sei das erste Mal, das im Marstallcenter Grenzwerte überschritten worden seien, sagt Frank Ritschek von der Cording GmbH, die die 200 Wohnungen verwaltet. Grundsätzlich sei das System in dem Gebäude aber „einigermaßen problematisch“, sagt Ritschek. Die Leitungen seien lang und mehrere Wohnungen würden nur selten genutzt, weshalb das Wasser häufig in den Rohren stagniere – ideale Bedingungen für die Bakterien. Legionellen vermehren sich zwischen 25 und 50 Grad und sterben bei höheren Temperaturen ab – weshalb das Wasser im Marstallcenter in den vergangenen Tagen auf bis zu 80 Grad erhitzt wurde.

Die Bewohner reagieren unterschiedlich auf die Hiobsbotschaft. Viele nahmen das Angebot der Verwalter an und ließen sich sofort spezielle Duschköpfe aus England installieren, die das Wasser mechanisch reinigen – für diese Wohnungen gilt seither kein Duschverbot mehr. Andere loben die Hausverwaltung, weil diese schnell und umfassend gehandelt habe. Wieder andere sind wütend und stellen die Frage, wie es so weit kommen konnte. „Wir bekommen nur spärliche Informationen“, sagt ein Mann, der seit Jahrzehnte in dem Wohnturm lebt. „Wie ist diese massenhafte Vermehrung überhaupt möglich? Sind die Anlagen hier nach den Regeln der Technik betrieben worden? Diese Fragen hätte ich schon gern beantwortet.“

Die Cording-Verwaltung sagt dazu, dass schon vor Jahren Maßnahmen gegen Legionellen ergriffen worden seien. Jetzt zeige sich, dass diese nicht ausreichend gewesen seien. Allerdings sei man auch auf die Mithilfe der Bewohner angewiesen. In dem Gebäude wurden daher Zettel aufgehängt mit dem Appell, in jeder Wohnung mindestens eine Minute pro Tag Warm- und Kaltwasser laufen zu lassen – um eine regelmäßige Zirkulation zu gewährleisten.

60 bis 80 Legionellen-Kontaminationen im Kreis Ludwigsburg werden durchschnittlich gemeldet – pro Monat. Meist, so Schönauer, seien die Grenzwerte nur geringfügig überschritten. Die Herausforderung im Marstallcenter ist demnach eine viel größere. Was passiert, wenn die bislang eingeleiteten Schritte im Marstall keinen Erfolg bringen? „Dann geht es weiter“, sagt Schönauer. „Desinfektion, Erhitzen - bis es wirkt.“

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