Der Marsrover Opportunity hat viel länger gearbeitet als erhofft. Foto: dpa

Der Marsrover Opportunity hat nicht bloß Daten geliefert. Er hat alte Science-Fiction-Träume beerdigt. Aber auch ganz neue Träume befeuert.

Mars - In 14 Jahren ganze 45 Kilometer weit gekommen zu sein – auf der Erde wäre das keine rekordverdächtige Leistung. Aber diese Strecke in 5111 Tagen auf dem Mars geschafft zu haben, macht das Forschungswägelchen Opportunity zum doppelten Rekordhalter. Noch nie hat ein von Menschen gemachtes Gefährt auf einem anderen Himmelskörper länger durchgehalten, noch nie mehr Strecke hinter sich gebracht. Wobei diese zähe Sonde, deren Dahinscheiden die US-Raumfahrtbehörde Nasa nun bekannt gegeben hat, kein bloßer Kilometermacher war. Opportunitys unermüdlich vom Mars gelieferte Bilder und Daten haben manchen menschlichen Traum endgültig ruiniert – und manch anderen beflügelt.

Die Erde und der Mars hatten immer eine ganz besondere Beziehung. Eine, in der wissenschaftliche Erkenntnisse als Geburtshelfer von Abenteuerträumen, Horrorvisionen und Sehnsucht nach dem Paradies dienten. 1877 taufte der italienische Astronom Giovanni Schiaparelli jene Linien, die ihm seine Linsen auf der Oberfläche des Marses zeigten, Canali. Er selbst dachte dabei nicht an Wasserstraßen, aber der Begriff entzündete manchen hoffnungsfrohen Geist, keinen mehr als den des amerikanischen Geschäftsmanns und Diplomaten Percival Lowell (1855-1907). Der suchte nach langen Reisen durch den fernen Osten neue unbekannte Länder und fand sie auf dem Mars.

Was ganz Verwegene glauben

In mehreren Büchern legte er ab 1895 seine Deutung der Marslinien vor: Das seien letzte Wasserkanäle auf einem ausgetrockneten Planeten, die dunklen Flecken drum herum Oasen des Lebens. Je länger die Fans dieser Idee darüber nachdachten, desto mehr schien ihnen der Mars dem biblischen Zweistromland zu ähneln, einer Wiege der Menschheit. Ganz Verwegene glaubten gar, den Garten Eden wiederentdeckt zu haben, das verlorene Paradies.

Noch 1960 veröffentlichte der Ire Brinsley Le Poer Trench, einer der umtriebigsten Ufologen, sein Buch „Sky People“, das beweisen sollte: die Menschheit kommt vom Mars, die Bibel spielt zum Teil dort. Natürlich weiß die US-Regierung darüber Bescheid und hält das auf Anweisung von Außerirdischen streng geheim. Bis heute gewinnt diese Theorie neue Anhänger. Die glauben natürlich auch, alle Bilder von Opportunity seien Fälschungen.

Die Invasoren kommen

Dem britischen Schriftsteller H. G. Wells ging erdabgewandte Marssehnsucht schon Ende des 19. Jahrhunderts auf die Nerven. Also veröffentlichte er 1897 den Roman „Krieg der Welten“, in dem die Marsianer mit Gewalt die Erde erobern wollen. Gedacht war das als Aufruf zur Weltversöhnung: Die Angst vor mächtigen Feinden von außerhalb der Erde sollte die ewig miteinander Krieg führenden Erdlinge einen.

Das mit der Angst hat geklappt, das mit der Einigung eher nicht. Wells Szenario hat unzählige Invasionsgeschichten der Science Fiction nach sich gezogen. Zwar zeigten schon lange Fotos, dass auf dem Mars Leben weder zu erhoffen noch zu befürchten war. Aber das hielt weder den Regisseur Tim Burton davon ab, 1996 den sarkastischen „Mars Attacks!“ ins Kino zu bringen, noch Steven Spielberg im Jahr 2005 von seiner Wells-Adaption „Krieg der Welten“.

Zeit für Terraforming

Die oft sturmumtoste Sonde Opportunity sah mit ihren Kameraaugen auf dem langen Hals aus, als hätten sie Hollywoods Designer als Held eines Trickfilm über ein beherztes Maschinenwesen entworfen. Sie konnte geduldig senden, was sie fand und was nicht: Manche altmodischen Science-Fiction-Fans hielten am Gedanken fest, die Überlebenden der einst blühenden Marskultur hielten sich unter der Oberfläche vor dem Spähen seiner Instrumente versteckt.

Weniger versponnene Zeitgenossen aber hat Opportunity zu technologisch fundierten Träumen angeregt. Die neuere Science Fiction, die Mars-Romane des Amerikaners Kim Stanley Robinson etwa oder der von Hollywood verfilmte „Der Marsianer“ von Andy Weir, malen uns aus, wie der Menschen auf dem unwirtlichen Planeten Fuß fassen könnte. Das Fernziel heißt Terraforming, ein gigantischer Umwandlungsprozess, der dem Mars Atmosphäre, Wasser und Vegetation verschaffen soll. Doch nicht nur technisch ist das ein Problem: Wie kämen wohl rivalisierende Erdmächte bei der Aufteilung des Mars miteinander klar? Opportunity ging noch ganz friedlich ihrer Arbeit nach. Aber sie war ja auch ein ungestörter Außendienstler.

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