An der Nordspitze von Marokko treffen sich alle: Zwei Kontinente, zwei Meere, drei Religionen und ungezählte Nationalitäten und Ethnien. Hier liegt der Nabel der Welten.
Die Stände der Souvenirverkäufer weisen den Weg, an der kleinen Mauer gegenüber balgen sich Selfiejäger um den besten Platz fürs obligatorische Foto: „Ich vor dem Leuchtturm am nordwestlichsten Punkt Afrikas“, dem Kap Spartel. Die hübsche Felsnase samt Café, Sonnenuntergangsspot und frei zugänglichem Leuchtturm liegt unweit der marokkanischen Hafenstadt Tanger und hat definitiv beste Aussichten. Links der Atlantik, rechts das Mittelmeer, gegenüber Spanien. „Wir sind an der Straße von Gibraltar. Die ist 14 bis 44 Kilometer breit, 60 Kilometer lang und zwischen 300 und 900 Meter tief“, referiert Mohammed Chakour in astreinem Deutsch.
Eine Region mit multikulturellem Erbe
Das hat der Marokkaner in der Schule gelernt, auch Französisch und Spanisch spricht der Reiseführer fließend, seine Muttersprache Arabisch sowieso. Der 60-Jährige repräsentiert den Norden Marokkos nicht nur mit seiner Vielsprachigkeit, er lebt auch das multikulturelle Erbe der Region: Geboren in Chefchaouen am Fuße des Rifgebirges, wo religiös Verfolgte einst Zuflucht suchten und fanden; aufgewachsen in Tetouan, der Stadt der andalusischen Exilanten und Heimkehrer und heute zuhause in Tanger, dem multikulturellen Schmelztiegel.
Von der Hafenstadt Tanger, mit 1,4 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt im nordafrikanischen Königreich, ziehen sich 520 Kilometer Mittelmeerküste gen Osten und 3000 Kilometer Atlantikküste Richtung Süden bis Mauretanien. Dass Europa in Sichtweite liegt, war und ist für Tanger mal Fluch, mal Segen. Zahlreiche Wracks am Kap Spartel zeugen von den tückischen Strömungen, die das hereindrückende Wasser des Atlantiks – 1,3 Millionen Kubikmeter täglich – an diesem Nadelöhr verursacht. „Das wird vielen jungen Afrikanern zum Verhängnis, die diese vermeintlich kurze Strecke in die EU mit dem Boot übersetzen wollen“, weiß Mohammed Chakour.
Seine strategische Lage hat Tanger zu einem Zentrum von Handel und Kultur gemacht, allerdings auch immer schon Begehrlichkeiten geweckt: Karthager und Phönizier waren da, Byzantiner, Römer und Araber. Portugiesen herrschten, Franzosen und Spanier. Mal galt Tanger als Hauptstadt der Diplomatie, mal als Hochburg von Schmuggel und Spionage, mal als Fluchtpunkt für Freigeister. Wenn man im legendären Café Hafa sitzt, das an einem Steilhang terrassenförmig in den Fels gehauen ist, und aufs spanische Tarifa schaut, kann man sich gut vorstellen, wie hier ab 1921 Dichter und Literaten fabulierten und formulierten.
Ein Weltenbummler aus dem 14. Jahrhundert
In der Kasbah, einer Festung in der Altstadt von Tanger, erinnert ein Museum an den Weltenbummler Ben Battouta, der im 14. Jahrhundert mehr als 120 000 Kilometer reiste – bis nach China und Russland, durch Afrika und Europa, Indien und Saudi-Arabien. Was er erlebte vermitteln Karten, Exponate und Nachbauten. Auch ein anderer Reisender ist bis heute präsent: Der Brite Walter Harris, der von 1886 an in Tanger lebte, für die „Times“ schrieb, für den MI 6 arbeitete und teils undercover, teils in diplomatischer Mission durchs Land reiste. Seine Villen in der Stadt beherbergen heute eine Kunstausstellung und ein Hotel im Stil der 1920er-Jahre.
Der Weg nach Tetouan führt entlang der grünen Mittelmeerküste, wo Ziegen und Kühe grasen und Straßenhändler Minze für den allgegenwärtigen Tee verkaufen. „Tetouan besuchen ist wie eine Reise nach Andalusien, ohne das Meer zu überqueren“, verspricht Chakour. In die Stadt, deren ältestes Viertel aus dem 14. Jahrhundert stammt, flüchteten andalusische Muslime, als die Christen Spanien zurückeroberten.
Ihnen verdankt die Stadt ihren Beinamen als „Tochter Granadas“ mit prächtigen spanischen Herrscherhäusern oder dem maurischen Palast, in dem der aktuelle König König Mohammed VI. gerne den Sommer verbringt. Dazu kamen Juden, ebenfalls vertrieben zumeist aus Spanien. Sie bescherten Tetouan den Spitznamen „Klein-Jerusalem“. „Die Stadt hat eines der ältesten jüdischen Viertel in Nordafrika und das liegt direkt neben dem Königspalast, hat also einen hohen Stellenwert“, berichtet Chakour. Allerdings sei das Viertel mit den extrem schmalen Gassen und den unüblichen Kellern – beides diente der Kommunikation und Versorgung im Falle einer Schließung – schon eine Art Ghetto, in dem noch in den 1960er-Jahren rund 12 000 Juden lebten.
Um die letzte Synagoge kümmert sich ein ehrwürdiger Rabbi
„Heute sind es nur noch eine Handvoll“, erzählt Rabbi Isaac Ben Whalid. Der 85-Jährige hütet die letzte der einst 16 Synagogen im Viertel. „Das Gotteshaus ist über 200 Jahre alt, die Thora sogar älter als 300 Jahre“, weiß der Rabbi. Den Boden ziert ein marokkanisches Mosaik, nur eben mit Davidsternen in Rot und Grün. Neben dem traditionellen Ofen fürs Passahbrot hängt die Brotschippe dazu. In der Synagoge werden keine regelmäßigen Gottesdienste mehr gefeiert, denn dazu müssen wenigstens zehn Gläubige zusammenkommen. Trotzdem ist der Rabbi täglich in der Synagoge, schaut nach dem Rechten und führt jüdische Besucher aus aller Welt durch die Räume. „Auch größere religiöse Feiern wie das Passahfest finden hier statt“, sagt der Rabbi, der dafür dann die Synagoge schmückt.
Die Schießscharten sind nicht mehr in Gebrauch
Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen die Juden aus Tetouan nach Südamerika, in die USA und nach Israel. Im jüdischen Viertel dominieren heute die Händler aus aller Herren Länder mit einem ebenso bunten Angebot: frische Fruchtshakes neben Handyzubehör, klassische Kurzwaren und asiatisches Fast Food. Bunt und lebendig geht es überall innerhalb der alten Stadtmauer zu, deren Jahrhunderte alte Mauern samt sieben Stadttoren noch fast vollständig erhalten sind. „Heute werden die Tore abends nicht mehr verschlossen, und die Schießscharten sind nicht mehr in Gebrauch“, sagt Mohammed Chakour. Beides erinnert an die unruhigen Zeiten der heute als Unesco-Weltkulturerbe geschützten Medina. Hier trieben nicht nur Piraten ihr Unwesen, Tetouan war auch Schauplatz eines Krieges zwischen spanischen Besatzern und Rebellen aus dem nahen Rifgebirge.
Die uralten Handwerkskünste von Färberei über Schnitzerei bis Kunstschmiede haben überlebt und begeistern heute mit authentischen Stücken in unaufgeregter Atmosphäre. An viele Häusern fallen Türschlösser mit geschmiedeten Türklopfern auf. „Der große ist für Männer, der kleine für Frauen – je nachdem, welcher genutzt wird, öffnet der Hausherr oder die Chefin die Tür“, weiß Chakour. Man bummelt entspannt vorbei an Moscheen, Koranschulen und Hamams, alle markiert mit einem Mosaikschild mit Jahreszahl und Stifter drauf.
Keiner zieht und zerrt und nervt, wenn man die Waren der Händler begutachtet, seien es Webstücke, Schmuck, Lederwaren oder Getöpfertes. Wie alt manche Künste sind, zeigt der Blick ins ethnologische Museum, das unter anderem Teegeschirr aus rotem Kupfer, Berberdolche, lederne Schutzkleidung für die Ernte, aber auch Musikinstrumente ausstellt – gefertigt und genutzt von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Glaubens, verbunden durch ihre gemeinsame Stadt.
Info
Anreise
Nach Tanger fliegt Ryanair ab Karlsruhe/Baden-Baden und Memmingen, www.ryanair.com , Eurowings fliegt von Stuttgart nach Marrakesch und Agadir, www.eurowings.com . Im Land bewegt man sich mit der Bahn Office National de Chemins, www.oncf.ma , und Bussen von Supratours, www.supratours.ma oder CMT, https://ctm.ma/ .
Unterkunft
Das El Minzah Hotel liegt perfekt in Laufweite zur Altstadt von Tanger und bietet schöne Aussichten über die Bucht, Doppelzimmer mit Frühstück ab 124 Euro, https://elminzahhotel.ma . Nahe des Stadtstrandes und des Hafens residiert das Hilton Tangier City mit allen Annehmlichkeiten. Doppelzimmer/Frühstück ab 136 Euro, www.hilton.com .In Tetouan liegt das Sofitel Tamuda Bay direkt am Mittelmeerstrand und verwöhnt mit großzügigen Zimmern, Bar, Restaurants und Poollandschaft. Doppelzimmer/Frühstück ab 201 Euro, https://sofitel.accor.com .
Essen und Trinken
Mitten in der Medina genießt man marokkanische Spezialitäten im El Terraza de la Medina, www.instagram.com/laterrazadelamedina/ .Dank seines berühmten historischen Vorbildes in New York hat es der El Morocco Club Tanger zu einer gewissen Berühmtheit gebracht. Man speist erlesen in interessantem Ambiente, https://elmoroccoclub.ma .
Allgemeine Informationen
Marokkanisches Fremdenverkehrsamt, www.visitmorocco.com/de