Quarzazate liegt nahe der Wüste. Aber nicht das macht die marokkanische Kleinstadt interessant. Renommee genießt sie wegen ihrer Filmstudios.

Quarzazate - Allahu akbar! Gott ist groß! Der Sieg ist unser, die Stadt wird fallen! Saladin gibt den Befehl zum Sturmangriff. Sein Heer ist riesig. 200 000 bis an die Zähne bewaffnete, furchtlose Männer folgen ihm in die Schlacht. Damit nicht genug. Saladins Ayyubiden verfügen über modernes Kampfgerät. Bewegliche Belagerungstürme. Hölzerne Wurfmaschinen. Darunter sogenannte Bliden, die mit großer Präzision schwere Steinkugeln ins Ziel schleudern. Doch die Mauern Jerusalems, auf und hinter denen die Streitkräfte der Kreuzfahrer erbittert Widerstand leisten, trotzen der Übermacht. Zwei lange Wochen. Dann aber, Anfang Oktober 1187, naht doch das Ende. Muss das Christenheer unter seinem Befehlshaber Balian von Ibelin erkennen, dass nur noch listiges Verhandeln und die gegen Saladin gerichtete Drohung, den Felsendom, Heiligtum der Moslems, zu zerstören, das Leben der Eingeschlossenen retten kann?

Eine Szene aus Ridley Scotts Monumentalfilm „Königreich der Himmel“. Gedreht dort, wo so vieles gedreht wurde. Und wo man dergleichen am wenigsten vermutet. Im Nirgendwo. Am Rande der Wüste. In Quarzazate in Marokko. Quarzazate liegt dreieinhalb Autostunden östlich von Marrakesch entfernt. Marrakesch, die Stadt, die Ibn Battuta nach Bagdad als „schönsten Platz der Erde“ pries. Was hätte der große Forschungsreisende, der 1304 in Tanger geboren wurde, wohl von Quarzazate gehalten? „Die Kleinstadt ist das Tor zur Sahara.“ Und „sehr sehenswert“, behauptet Kassem, der Fremdenführer. Womit er gleich zweimal übertreibt. Zumindest bei differenzierter Betrachtungsweise.

„Königreich der Himmel“ wurde in Quarzazate gedreht

Die Dünen der Sahara sind noch ein Stück entfernt. Und die sich endlos dehnende 100 000-Seelen-Gemeinde, die erst 1928 von den Franzosen als Garnisonsstadt der Fremdenlegion gegründet wurde, ist zwar einigermaßen beschaulich, vor allem wegen der labyrinthischen Kasbah Taourirt und den schneebedeckten Ausläufern des Atlasgebirges. Dass aber Quarzazate mit seinen unzähligen Hotels so viele Besucher anlockt, hat neben der Tatsache, dass die Stadt Ausgangspunkt einer Marathonstrecke für Wüstenvernarrte ist, einen anderen Grund: Schuld daran sind die international renommierten Filmstudios. Neun Jahre ist es her, dass „Königreich der Himmel“ in Quarzazate gedreht wurde. Das mittelalterliche Jerusalem aber steht dort noch immer. Verlassen und verloren. Ein Fremdkörper. Wenngleich malerisch und imposant. Inmitten der Einöde. Sand fegt durch die brüchige Kinostadt, die, was jede Kameraeinstellung ausblendet, eigentlich nur Fassade ist - und dahinter ein Gerippe, ein Geflecht aus Holzlatten und Stahlgerüsten, das die Stadtmauern zusammenhält.

Dicht bei einige Belagerungstürme, ein Rammbock, ein Katapult - die Überreste der Filmschlacht stehen und liegen reglos im Gelände, stemmen sich gegen Wind und Sonnenglut. Ein Kampf, der nicht gewonnen werden kann. Keine 500 Meter davon entfernt erheben sich andere Kulissen und Requisiten aus dem Nichts. Ein F-16-Kampfjet (aus „Auf der Jagd nach dem Juwel vom Nil“, 1985). Ein tibetischer Tempel („Kundun“, 1997). Ein ägyptischer Tempel mit langer Sphinxenallee („Asterix & Obelix: Mission Kleopatra“, 2002).

Die Rundbögen eines mittelalterlichen Sakralbaus („Die Päpstin“, 2009). Sie alle bilden das Herzstück der „Atlas Corporation Studios“, einem weitläufigen Areal am Nordwestrand der Stadt. Das Portal zu den 1983 gegründeten Film- und Tonstudios schmücken gleichermaßen kolossale wie umwerfend-kitschige Ramses-Statuen. Hier im Schatten der rekonstruierten Antike nimmt Mohammed, ein junger Student und Laiendarsteller, Cineasten aller Länder in Empfang. Heute geht es ruhig zu. Nur 60 Neugierige nehmen an der Studio-Tour teil. „Wir“, betont Mohammed, während die Gruppe durch die unterschiedlichsten Aufbauten und Filmzeitalter spaziert, „sind nicht mit Hollywood zu vergleichen.

„Hier hat Philipp Stölzl wichtige Sequenzen des ‚Medicus‘ abgedreht“

Und doch wurde hier Bedeutendes produziert.“ Auch wenn einiges angestaubt wirkt, Putz und Farben bröckeln - der Ort lebt und arbeitet. „Letztes Jahr erst“, erzählt Mohammed stolz in Richtung der deutschen Filmfans, „hat hier Philipp Stölzl wichtige Sequenzen des ‚Medicus‘ abgedreht.“ Noah Gordons Weltbestseller. Mit Tom Payne und Ben Kingsley in den Hauptrollen. Die im London des 11. Jahrhunderts einsetzende Geschichte des Waisen Rob Cole, der sich auf eine 20-monatige Reise ins ferne Persien begibt, um sich vom Universalgelehrten Ibn Sina in der Kunst der Medizin unterrichten zu lassen. Er tut dies verkleidet als Jude, denn Ungläubigen bleibt der Zutritt zur Universität von Isfahan verwehrt. Jerusalem und Isfahan im kleinen Nest Quarzazate - wer rechnet schon damit! Aber auch Rom liegt quasi vor der Tür. Die Aufzählung großer Werke ließe sich beliebig fortführen: „Gladiator“ (2000), „Ben Hur“ (2010).

Selbst Teile von „Krieg der Sterne“ wurden in den nahe gelegenen Wüstencanyons gedreht. Und in der Nachbarstadt Ait Ben-Haddou, einer alten, beeindruckenden Trutzburg aus Lehm, gastierte „Lawrence von Arabien“, obwohl die Geschichte, wie man weiß, in Jordanien spielt. Die Fahrt nach Quarzazate, zumindest in diesem Punkt übertrieb Kassem nicht, hat es in sich, die muss man sich verdienen. 205 Kilometer sind von Marrakesch zurückzulegen. Klingt nach nicht viel, doch es geht hoch hinauf in den Atlas, auf 1150 Meter. Das bedeutet: enge Straßen, steile Kurven, gefährliche Manöver. Immer wieder Reisende mit ihren Autos, die unfreiwillig haltmachen am Wegesrand und wild gestikulieren. In erster Linie nicht, weil man einen Unfall hatte. Eher wegen der Gendarmen, denn, kein Witz, alle naselang macht man in Marokko Jagd auf Verkehrssünder. Mit modernen Radargeräten, meist deutsche Fabrikate. Aber das ist nur ein schwacher Trost für die, die erwischt werden.

So wird das Wetter für die Weltreise

Infos zu Marokko

Anreise
Royal Air Maroc, www.royalairmaroc.com , Hin- und Rückflug München-Marrakesch. Hin- und Rückflug ab 300 Euro. Ab Stuttgart mit KLM, www.klm.com , ab 400 Euro (kein Direktflug).

Unterkunft
Hotel Oscar, auf dem Areal der Filmstudios. Schöne Zimmer, Pool, preiswert. DZ/ÜF ca. 42 Euro, www.hotel-oscar-ouarzazate.com .

Hotel le Berbere Palace, bestes Haus am Platz. Hier übernachtete Philipp Stölzl, Ben Kingsley und die „Medicus“-Crew. DZ/ÜF ab 127 Euro, www.leberberepalace.com .

Filmstudios
Atlas Corporation Studios. Eintritt Erwachsene 4,50 Euro, www.studiosatlas.com .

Allgemeine Informationen
Infos zu Marokko unter www.visitmorocco.com

Literatur: Noah Gordon: Der Medicus. Der Roman zum Film. Heyne 2013. 845 Seiten. 9,99 Euro.

Was Sie tun und lassen sollten
Auf jeden Fall anschauen sollte man sich die Sahara, wofür man mindestens zwei Tage veranschlagen sollte, allein schon wegen der sich hinziehenden An- und Rückfahrt. Empfohlen wird eine organisierte Tour.

Auf keinen Fall die Kasbah Taourirt allein besuchen, im Nu heften sich viele „Freunde“ an Ihre Fersen - sowohl gute wie auch schlechte.

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