Marode Schieneninfrastruktur Die Bahnindustrie will mehr Förderung

Von Thomas Wüpper 

Noch ist deutsche Bahntechnik Foto: dpa
Noch ist deutsche Bahntechnik Foto: dpa

Marode Brücken, schadhafte Tunnel, veraltete Bahnhöfe – die deutsche Schieneninfrastruktur ist in die Jahre gekommen. Die Branche der Zughersteller und Infrastruktur-Ausrüster sieht sich durch die Bundesregierung vernachlässigt.

Berlin - Die Bahnindustrie in Deutschland fordert mehr staatliche Unterstützung für den umwelt- und klimaschonenden Schienenverkehr. Die Bundesregierung vernachlässige besonders in der Forschungspolitik die Branche, sagte Volker Schenk, Präsident des Verbandes der Bahnindustrie in Deutschland, vor Journalisten in Berlin. „Während die Elektromobilität auf der Straße mit Recht umfassend gefördert wird, genießt diese auf der Schiene kaum Aufmerksamkeit“, kritisiert der Verbandschef.

Erstmals hat sich vor einer Bundestagswahl eine breite Allianz von insgesamt acht Verbänden des Schienenverkehrs auf Kernforderungen an die neue Regierung verständigt. Verlangt werden unter anderem ein Forschungsprogramm zur weiteren Digitalisierung, faire Wettbewerbsbedingungen gegenüber dem Straßen- und Luftverkehr sowie eine ausreichende Finanzierung des Systems Schiene. Als zentralen Ansprechpartner sollte die Regierung zudem einen Koordinator berufen, ähnlich wie bereits für die Luft- und Raumfahrt sowie die maritime Wirtschaft.

Schienenfahrzeuge „made in Germany“ sind ein Exportschlager

Die Branche sei „eine der Vorzeigeindustrien unseres Landes“, betont Schulte, im Hauptberuf Technikvorstand der Vossloh AG. Schienenfahrzeuge mit dem Siegel „Made in Germany“ sind weltweit ein Exportschlager. Doch die Konkurrenz aus Asien holt seit Jahren mächtig auf und macht den großen Systemanbietern Europas wie Siemens, Bombardier, Alstom und Stadler zu schaffen, die alle in Deutschland große Produktionen unterhalten. In China hat sich inzwischen mit CRRC der größte Anbieter überhaupt formiert, der den riesigen Heimatmarkt zunehmend selbst beliefert.

Die Geschäfte der hiesigen Hersteller laufen zwar weiterhin auf hohem Niveau, im Vergleich zu den Rekorden der letzten Jahre gab es aber teils deutliche Rückgänge. So schrumpfte der Umsatz 2016 um 4,1 Prozent auf 11,8 Milliarden Euro. Der Auftragseingang ging sogar um 23 Prozent auf 11,5 Milliarden Euro zurück. Allerdings lag zuvor ein Ausnahmejahr, und die Nachfrage bei Zügen und Infrastrukturtechnik schwankt üblicherweise erheblich.

Die Branche setzt auf ein Freihandelsabkommen mit Japan

Der Verband bleibt daher zuversichtlich, zumal hiesige Bahntechnik im Ausland stark gefragt ist. Die Exportquote kletterte auf 52 Prozent und der Auslandsumsatz um 300 Millionen auf 6,1 Milliarden Euro. Beim Auftragseingang allerdings gab es 2016 einen mächtigen Dämpfer für die erfolgsverwöhnten Produzenten. Aus anderen Ländern gingen nur noch Bestellungen über 4,5 Milliarden Euro ein, 2015 waren es noch 7,2 Milliarden. Als Ursachen sieht Schenk protektionistische Tendenzen in manchen Ländern. Dazu zählten restriktive Joint-Ventures, Verpflichtungen zu lokaler Produktion, intransparente Vergabemärkte und staatliche Exportfinanzierungen. Als Beispiel nennt der Verband Japan, dessen Markt kaum zugänglich sei, dessen Hersteller aber international in vielen Ländern aktiv seien. Man hoffe, dass das Freihandelsabkommen mit Nippon hier neue Chancen schaffe.

Auch im Inland hakte zuletzt das Geschäft. Der Umsatz sank 2016 deutlich um fast ein Achtel auf 5,7 Milliarden Euro, der Auftragseingang blieb mit sieben Milliarden Euro rund 800 Millionen unter dem Vorjahr. Drei Viertel der Order entfallen auf Schienenfahrzeuge. Die Umsätze und Bestellungen bei Infrastrukturanlagen stagnieren weiterhin und bleiben weit hinter den Erwartungen der Branche zurück. Das Geschäft bereite Sorgen, klagt Schenk. Vom viel beschworenen Investitions-Hochlauf sei wenig zu spüren.

Der mögliche Finanzrahmen wird offenbar nicht ausgeschöpft

Für die Industrie ist das Anlass zu deutlicher Kritik, denn seit Anfang 2015 gilt mit der Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung (LuFV) II ein erweiterter Finanzrahmen. Demnach sehen pro Jahr bis 2019 rund vier Milliarden Euro für das staatliche Schienennetz bereit, das von der Deutschen Bahn AG und deren Tochter DB Netze verwaltet wird. Auch im zweiten Jahr seien kaum Effekte für die Branche zu spüren, so Schenk, obwohl pro Jahr eine Milliarde Euro mehr zur Verfügung stehe.

Für 2017 wagt Schenk nur eine vorsichtige Prognose. Die Branche wäre demnach schon zufrieden, wenn sich Umsatz und Beschäftigung auf bisherigem Niveau hielten. Besonders in den USA und bei den Investitionen der Deutschen Bahn im Inland hofft man auf wieder bessere Geschäfte.

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