Obwohl klassische Rollenbilder in der Gesellschaft kaum mehr etwas zählen, bildet Markus Sörensen immer noch eine Ausnahme: Der Stuttgarter verzichtet zugunsten seiner Familie auf eine Karriere und ist Hausmann.
Stuttgart - Montagmorgen um 10 Uhr: Der Sohn ist in der Schule, die Frau sitzt im Büro und arbeitet, Markus Sörensen serviert Früchtetee auf einem Tablett. Der 52-Jährige ist Hausmann. Er kümmert sich um den Sohn, sobald dieser aus der Schule kommt, das Essen, das Einkaufen, die Wäsche und die Ordnung im Haus. „Natürlich kocht auch meine Frau mal oder wirft eine Waschmaschine an. Aber den Großteil mache ich“, sagt er.
„Dass mit einem Hausmann ein Interview geführt wird, ist erbärmlich“
Damit gehört Markus Sörensen zu einer kleinen Gruppe. Laut dem US-amerikanischen Gesundheitsministerium waren im Jahr 2015 von gut 70 Millionen Vätern in den USA 1,96 Millionen alleinerziehend (2,8 Prozent), schätzungsweise 189 000 davon arbeiteten als Hausmänner. Für Deutschland werden solche Zahlen nicht erhoben. Aber Markus Sörensen spürt immer wieder, dass er – noch – nicht die Norm bildet. „Dass mit einem Hausmann ein Interview geführt wird, ist ja eigentlich erbärmlich“, sagt er. Daran sehe man, dass es bei Weitem noch keine Gleichberechtigung gebe.
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Bevor Markus Sörensen Hausmann wurde, hatte er einen guten Job: Als selbstständiger Berater und Referent für den Softwarekonzern SAP gab er Kurse in ganz Europa. „Ich bin meist sonntagnachmittags irgendwo hingeflogen und freitagnachmittags wiedergekommen.“ Fünf Tage die Woche hat er in Hotels geschlafen. Als seine Frau schwanger wurde, war für das Paar klar, dass es so nicht weitergehe. Zunächst gab er nur noch am Hauptsitz von SAP in Walldorf Schulungen, arbeitete noch zehn Wochen pro Jahr. „Aber da verpasst man zu viel. Gerade in der IT, wo sich alles ständig weiterentwickelt.“ Seine Selbstständigkeit schlich sich langsam aus.
Zwei Nächte pro Woche ist die Frau weg
Unterdessen hatte seine Frau gerade erst angefangen zu arbeiten. Und ihr Job an der Universität in Bern ist deutlich flexibler als es seiner war. Sie verbringt in der Regel nur zwei Nächte pro Woche in der Schweiz, den Rest arbeitet sie im Zug und zu Hause von Stuttgart-Vaihingen aus. Dadurch kann die kleine Familie viel Zeit miteinander verbringen. „Wir haben so ein Familienleben, wie wir es uns wünschen.“
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Dennoch fühlt sich der 52-Jährige manchmal als Außenseiter. Als die Familie für ein paar Monate in den Niederlanden lebte, ging Markus Sörensen mit seinem damals noch ganz kleinen Sohn in die Krabbelgruppe. Außer ihm waren dort nur Frauen. „Es wurde viel übers Stillen, Brustentzündungen und Ähnliches gesprochen. Da habe ich einfach nicht dazugehört.“ Er ging nicht mehr hin. Und auch in Deutschland gehöre man zunächst einmal nicht recht dazu, wenn man als Mann sein Kind vom Kindergarten abhole, sagt er.
„Man muss sich immer wieder neu erfinden“
Im Vergleich zu den meisten Jobs werde das Dasein als Hausmann oder als Hausfrau weniger wertgeschätzt, „es gibt keine Bezahlung für das, was man tut“. Für den Sohn ist es selbstverständlich, dass mittags ein Essen auf dem Tisch steht, jemand zu Hause ist und ihn zum Fußball, Tennis, Volleyball und Klavier bringt. Zudem müsse man lernen, ohne eine vorgegebene Struktur zu leben: „Man muss sich immer wieder neu erfinden.“ Gerade Männer würden unterschätzen, dass neben Einkaufen, Essen zubereiten, Putzen und Kinderbetreuung wenig Zeit für einen selbst bleibe – vor allem dann, wenn die Kinder schon mittags nach Hause kommen, wie es bei seinem Sohn der Fall ist.
Und nimmt sich Markus Sörensen manchmal auch Zeit nur für sich selbst? Er fahre viel Rad, sagt er, während Corona habe er sich ein E-Bike gekauft und sei damit knapp 8000 Kilometer gefahren in anderthalb Jahren. Im Oktober will er für ein paar Tage zum Mountainbiken in die Berge. Und jeden Freitag geht er zur Sportgruppe „Kunterbunt“ beim SV Vaihingen, die er inzwischen leitet. Auch dort erlebt er regelmäßig die klassischen Rollenbilder unserer Gesellschaft. „Viele Frauen können freitags nicht kommen, weil sie auf die Kinder aufpassen“, bedauert er. „Außerdem stecken meistens die Frauen zurück, wenn ein Kind krank wird.“ Genau darin sieht er auch einen der Gründe, warum die Karrieren von Frauen oft frühzeitig beendet seien.
Kein Stress während der Coronapandemie
Auch wenn Markus Sörensen von außen weniger Wertschätzung als früher erfährt – von seiner Frau bekomme er diese, sagt er. Und spätestens seit Corona sei ja deutlich geworden, wie stark Familien unter Stress stünden, bei denen beide Elternteile arbeiteten. Während andere während des Lockdowns ihre Not damit hatten, Beruf und Kinderbetreuung unter einen Hut zu bekommen, lief es bei der Familie von Markus Sörensen rund. „Ich sehe mein Dasein als Hausmann als großes Privileg an.“
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