Warum wollte der Osten Söder, fragte Markus Lanz. Foto: ZDF und Markus Hertrich/Markus Hertrich

Es war ein Corona-CDU-Mix bei Markus Lanz: Eine Thüringer Ärztin sorgte mit Corona-Elend für schockierende Momente. Aber der Machtkampf in der Union hat dann doch mehr Unterhaltungswert.

Stuttgart - Schöner kann ein moralischer Gegensatz auch in der ZDF-Talkrunde von Markus Lanz nicht sein. Da schilderte eine Intensivmedizinerin aus Thüringen, Dr. Caterina Reuchsel aus Gera, am Mittwochabend in eindringlichen Worten, wie die in der Intensivstation ihres Krankenhauses am „Limit“ seien und dass sie von der Machtrangelei zwischen Armin Laschet und Markus Söder nur aus dem Radio erfahren habe, wenn sie frühmorgens zum Dienst und spätabends „fertig“ nach Hause fahre, und dass ihr das Ganze so unwirklich „wie ein Paralleluniversum“ vorgekommen sei. Ergriffen schweigt die Runde im Studio und hört zu, um dann aber gleich im Anschluss sehr intensiv und lange über diesen seit Montag eigentlich beendeten Machtkampf in der Union zu debattieren, also das Paralleluniversum. Ist ja auch im Rückblick noch spannend, und nur immer Corona, das hält wohl auch keiner aus.

Es gehe um Leben und Tod, sagt der 88-jährige Gerhart Baum

Aber zunächst zur Pandemie, da hatte die Ärztin Reuchsel eigentlich für den bewegenden Moment bei Lanz gesorgt. Gleich zu Beginn war noch einmal die Bundestagsdebatte über das Infektionsschutzgesetz erörtert worden, und nicht der Altliberale Gerhart Baum (88) – „es geht um Leben und Tod, mir fehlt die Solidarität der Demokraten“ – schwang sich zur Verteidigung der im Bundestag sich kritisch zu Ausgangssperren verhaltenden FDP unter Christian Lindner auf. Es war die Journalistin Katharina Hamberger (Deutschlandfunk), die immerhin darauf hinwies, dass man die Frage der Verhältnismäßigkeit der Mittel ja wohl noch stellen dürfe in diesem Land.

Die Bilder auf der Intensivstation sind furchtbar

Ärztin Reuchsel, Jahrgang 1982, schilderte die Lage in ihrer Klinik, wo sie 100 Corona-Patienten hat, davon 20 auf der Intensivstation, und dass der jüngste 42 sei. Und dass die Situation ganz anders sei als mit den über 80-Jährigen im vergangenen Jahr, auch um die habe man sich bemüht, aber es war immer auch der Gedanke da –„dieser Mensch hat sein Leben schon gelebt“. Jetzt aber seien die Patienten kaum älter als man selbst, hätten noch kleine Kinder. „Die Kinder dürfen wir als Besucher gar nicht auf die Station lassen, die Bilder sind da ja furchtbar.“ Reuchsel schilderte die Angst und Ablehnung der Patienten vor einer Intubation und dass man lange Aufklärungsgespräche mit ihnen und der Familie führen müsse, aber oft gar nicht die Zeit dazu habe: „Aber es verlässt keiner eine Intensivstation so, wie er vorher war.“ Sie könne die Menschen nicht heilen, sagt Reuschel, sie könne nur hoffen, dass sich ihre Lunge erhole: „Aber ein Drittel der Patienten auf der Intensivstation überlebt nicht.“

Mit Stimmungen wird Politik gemacht

Den Übergang von Corona zur CDU-CSU musste dann der von Markus Lanz als „alter Recke“ bezeichnete und befragte Gerhart Baum insofern geschickt einleiten, als er darauf hinwies, dass Markus Söder ja nie so bekannt geworden wäre, wenn er sich nicht als „Pandemie-Bekämpfer“ dargestellt hätte. Im übrigen bedauerte der frühere Bundesinnenminister (1978 bis 1982), dass die aktuelle Politik zur „Stimmungsdemokratie“ verkommen sei, wichtige Entscheidungen wie die für den Euro, die Ostpolitik oder die Westbindung hätte doch Deutschland alleine mit „Stimmungen“ gar nicht hinbekommen.

Ob Armin Laschet im Osten plakatiert wird?

Ob jetzt unter dem Unionskanzlerkandidaten Armin Laschet alles besser werde, das war die große Frage. Laschet werde eine Idee für die Zeit nach der Pandemie entwickeln müsse, sagte der Thüringer CDU-Politiker Mike Mohring – ein Mitglied im Bundesvorstand. Im übrigen müsse Laschet sich im „strittigen Bemühen“ um eine Überwindung der Spaltung der Gesellschaft verdient machen, was Mohring die Frage von Markus Lanz eintrug, ob Laschet nicht erst einmal die Spaltung in der CDU überwinden müsse. Mohring räumte immerhin ein, dass die CDU eine seit 2018 schwelende und „zu lange“ währende Personaldebatte geführt habe, und auch die Journalistin Hamberger stellte fest, dass die Probleme ja mit der CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer begonnen hätten und dass es der CDU an einer Rückkopplung mit der Basis gefehlt habe und dass sie eigentlich längst ein Verfahren für die Bestimmung des Kanzlerkandidaten hätten entwickeln müssen. Im übrigen frage sie sich, so Hamberger, ob Laschet auch im anstehenden Landtagswahlkampf in Sachsen-Anhalt – dort wird am 6. Juni gewählt - plakatiert werde.

Die Fettnäpfen von CDU-Politikern

Auch von Fettnäpfchen war dann die Rede, etwa von Sachsen-Anhalts CDU-Ministerpräsident und Söder-Befürworter Reiner Haseloff, der die Landtagswahl im Rücken hat, und der gesagt hatte, es gehe beim Unionskanzlerkandidaten „nicht um Charaktereigenschaften“, sondern um Popularität bei den Wählern. Gerhart Baum und andere interpretierten das so, dass der Haseloff „die Nerven verloren“ habe, aber mit seinen Worten indirekt auch zu verstehen gegeben habe, dass Söder eben keine so besonders guten Charaktereigenschaften habe. Und es ging um den Fettnapf von Laschet, der die Frage, ob die 165–Inzidenz-Regel für Schulschließungen eigentlich aus der Luft gegriffen sei und das in einem Interview bejaht hatte, was – wiederum Gerhart Baum – als „direkte Ehrlichkeit“ verbuchte und was unwidersprochen blieb.

Sehnen sich die Ostdeutschen nach „starken Männern“?

Ein von Markus Lanz am Ende gestelltes Rätsel, warum „der Osten“ unbedingt Markus Söder als Unions-Kanzlerkandidaten wollte, blieb ungelöst. Die Journalistin Hamberger wies daraufhin, dass Laschet beispielsweise beim Thema Kohleausstieg näher an den Interessen des Ostens liege als Söder, der 2019 noch vehement die Subventionen für den Ausstieg aus der Braunkohle beispielsweise in der Lausitz kritisiert hatte. Ob es nicht sein könne, so Lanz, dass die Ostdeutschen eine „Sehnsucht nach starken, lauten und rustikalen Männern“ hätten. Der Thüringer Mike Mohring musste darauf antworten und sagte, dass eine „klare Sprache“ wie sie auch Friedrich Merz habe, im Osten schon gut ankomme. Was Armin Laschet anbelangte, da hatte der Thüringer einen Tipp parat: Dass der für den Wahlkampf eine gute Mannschaft bilde und dazu „auch die Gestandenen einlädt“.

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