Markus Lanz hat Verkehrstote und Corona-Tote verglichen. Foto: ZDF und Markus Hertrich/Markus Hertrich

Bei Markus Lanz (ZDF) hatten liberale Stimmen am Dienstag das Oberwasser: Nur eine Theologin goss Wasser in den Wein – und ein Aerosolforscher warnte vor Aufzügen.

Stuttgart - Mehr Druck gegen Impfunwillige? Ein Befürworter einer solchen Position war von Markus Lanz am Dienstagabend gar nicht erst eingeladen worden, und die FDP-Politikerin Christine Aschenberg-Dugnus hatte es da ziemlich einfach, ihre liberale Flagge die ganze Sendung unzerzaust hochzuhalten: Es ging um die Äußerungen von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der Geimpften „uneingeschränkt“ die Freiheitsrechte gewähren will, was so eigentlich von der Studiorunde nicht hingenommen worden ist. „Viele können sich ja gar nicht impfen lassen, wegen medizinischer oder anderer Gründe“, sagte Aschenberg-Dugnus, sie warb für eine Gleichstellung von Geimpften und Getesteten, betonte allerdings auch, dass der Staat sein kostenloses Angebot zum Testen zurückschrauben könne, beispielsweise auf einmal in der Woche.

Grundrechte einschränken ist absurd

Was mögliche Zugangsbeschränkungen anbelange, so Aschenberg-Dugnus, da glaube sie „an den Markt“. Restaurants, Kinos und Airlines könnten das schon regeln, aber selbst der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga habe ja schon erklärt, dass er Zugang schaffen wolle „nicht nur für Geimpfte sondern auch für Getestete.“ Allgemein sieht die FDP-Politikerin angesichts des Impffortschritts und sinkenden Zahlen auf den Intensivstationen „369 Covid-Patienten – das sind wieder zwei weniger“ – die Debatte auf der falschen Bahn: „Jetzt wieder über das Einschneiden von Grundrechten debattieren zu müssen ist eigentlich absurd.“

Die Bischöfin fragt nach Moral

Die Regionalbischöfin von Hannover, Petra Behr, ein Mitglied im Ethikrat, sah die Lage ähnlich, setzte aber schärfere Akzente. Auch Skeptiker und Ungeimpfte müssten am Gemeinschaftsleben teilhaben können und „Mittel des Zwangs gegen die Impfmüdigkeit“ seien nicht der richtige Weg, es fehle die „wärmende Kommunikation“, um vom Impfen zu überzeugen, sagte Behr. „Im übrigen sollte man, die dem Impfen gegenüber Vorsichtigen, nicht mit den radikalen Impfgegnern gleich setzen.“ Mit ihren dann erhobenen Fragen erhöhte die Ethikerin dann doch allerdings leise den Druck auf alle Impfunwilligen. Es gebe diese Pole von Sanktionen, Privilegien und Verboten einerseits und den von individueller Freiheit andererseits und die müsse man verbinden und auch nach der moralischen Pflicht fragen, sagte Behr: „Meine Entscheidung zum Nichtimpfen hat Folgen für andere, für meine Umgebung. Wie solidarisch muss ich sein?“ Wer sich impfen lasse, so Behr, der habe oft auch einen „Generationenschutz“ im Sinn, gerade im Blick auf ungeimpfte Kinder und Jugendliche.

70 Kinder starben im Straßenverkehr

Haben wir also eine moralische Impfpflicht durch die Hintertür? Lanz brachte da eine radikale Gegenposition und zitierte die Ethikerin Christiane Woopen mit dem Satz, keiner habe die Pflicht, „kein Risiko für andere Menschen zu sein“ und wollte von den Studiogästen dann wissen, ob sie das so akzeptierten. Allgemeines Kopfnicken war da zu vernehmen, würde der Satz nicht gelten, dann dürfe man ja gar nicht mehr ins Auto steigen, hieß es, und Lanz untermauerte diesen Konsens dann noch mit einer Statistik: fünf Kinder mit Vorerkrankungen seien an Covid gestorben in einem Jahr aber gleichzeitig auch 20 an Influenza und 70 im Straßenverkehr.

Großes Risiko im engen Lift

„Wir müssen Risiken tolerieren“, sagte der Aerosolforscher Gerhard Scheuch. Aber vermindern kann man Risiken auch, und da hatte Scheuch dann sehr handfeste Beispiele parat. Es ging um das Infektionsrisiko bei Großveranstaltungen, dass Scheuch bei Konzerten, Partys im Park oder Fußballspielen im Freien für äußerst gering hält – („Da verfliegen die Aerosole“) – und dies auch mit Zahlen aus Ungarn und England belegte. Ansteckungen passierten wohl eher im Bus oder Taxi auf dem Weg zu einem Freiluftkonzert oder später in der Bar. Riskant sei aber der Aufenthalt in engen, schlecht gelüfteten Räumen, Aufzügen oder Toiletten. „Eine infizierte Person kann bis zu 400.000 Aerosole pro Minute ausatmen. Steige ich in einen Aufzug mit einer Raumgröße von zwei Kubikmeter, dann können da noch 200 Viren pro Liter Luft drin sein, selbst wenn der Lift schon wieder leer ist.“ Da 400 Viren für eine Ansteckung reichten, genügten schon zwei Atemzüge für eine Infektion.

Plädoyer für den naturbelassenen Wald

Am Schluss der Sendung war noch von Naturrisiken ganz anderer Art die Rede – der kritische Förster und Buchautor Peter Wohlleben („Das geheime Leben der Bäume“) stufte die Unwetterkatastrophe von Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Bayern als „Tsunami“ ein. Er nahm diesen zum Anlass, vor den „Plantagen“ der deutschen Forstwirtschaft zu warnen und plädierte für den naturbelassenen Wald. Der habe einen kühlenden Effekt, nehme Wasser besser auf und seine Bäume lernten auch mit dem Klimawandel umzugehen. „Die Bäume haben es drauf“, sie hätten auch drei knochentrockene Sommer überstanden. „Nichts machen! Das ist das Beste“, sagt Wohlleben. Im Bayerischen Wald habe sich das gezeigt, dort habe man vor 50 Jahren alles auf „Null“ gesetzt, jetzt sei dort wieder ein wunderschöner Wald.

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