Ein tragischer Unfall als Kind kostet Markus Egen fast das Leben und schränkt ihn enorm ein. Doch er hat sich zurück gekämpft. Heute inspiriert er andere – mit Musik, Reisen und Mut.
Es war vier Tage vor Weihnachten, als sich das Leben von Markus Egen – damals neun Jahre jung – schlagartig änderte. Der Vater hatte ihn, seinen vier Jahre jüngeren Bruder und den Hund in den Buocher Wald bei Remshalden (Rems-Murr-Kreis) mitgenommen, ein kurzer Ausflug, vielleicht ein wenig frische Luft vor dem Fest. Was dann passierte, wirkt wie eine grausame Laune des Schicksals: Ein Ast – losgerüttelt oder durch Wind gelöst – kracht auf Markus’ Kopf. Er sackt bewusstlos zusammen.
Markus’ Vater weiß sofort: Es geht um Sekunden. Kein Handy, kein Notruf per App – Anfang der 1980er Jahre zählt nur der Sprint in die Zivilisation. Er bindet den Hund an, schärft dem jüngeren Sohn ein, er solle bei seinem Bruder bleiben, und rennt los. Zum Glück trifft er auf einen Nachbarn mit Auto. Ein Notruf kann abgesetzt, die Rettung verständigt werden. Ein Hubschrauber fliegt den schwerst verletzten Neunjährigen ins Katharinenhospital nach Stuttgart.
Dort kämpfen Ärzte stundenlang um Markus’ Leben. Die linke Gehirnhälfte ist zertrümmert, der Schädel gesplittert.
Nach dem Unfall: Markus Egen kämpft sich zurück ins Leben
Markus Egen überlebt. Doch er wacht nicht einfach auf. Zwei Wochen Koma, zwei Wochen Schweigen. Danach ist nichts mehr wie vorher. Er kann nicht laufen, nicht sprechen, sein Körper gehorcht ihm nicht mehr. „Er war wie auf null gesetzt“, sagt die Mutter.
Es beginnt ein zäher Kampf. Keine Klinik scheint richtig vorbereitet zu sein auf ein Kind mit Aphasie. Die Familie übernimmt: Reha zu Hause, Krankengymnastik, Logopädie und ganz viel Geduld. Die rechte Körperhälfte bleibt spastisch gelähmt. Epilepsie, Asthma kommen hinzu. Und doch wächst Markus weiter – nicht trotz, sondern mit seinen Einschränkungen.
Zum Schutz wird ihm ein Helm angepasst, den er monatelang tragen muss. Und als die Schädelrekonstruktion ansteht? „Da ist er freudestrahlend in den OP gegangen“, sagt seine Mutter. Dieser Satz bleibt hängen.
Die Waldorfschule gibt Markus Egen Halt
An den Tag des Unfalls erinnert sich Markus nicht. Vielleicht eine Art Selbstschutz. Aber an die Zeit danach – ja, daran schon. Besonders an die Rückkehr in die Schule. Die Waldorfschule auf dem Engelberg gibt ihm einen geschützten Raum. Erst samstags, zum Malen. Schritt für Schritt wieder Teil der Klasse werden. Die Lehrkräfte nehmen sich Zeit, seine Mitschüler auch.
Cornelia Beuttenmüller, seine Sitznachbarin, fragt an jenem Morgen unbefangen nach dem Vermissten. Die Reaktion der Lehrerin, Dorothee Eklund, fällt ungewöhnlich scharf aus. Deshalb ist Beuttenmüller die Situation noch gut im Gedächtnis geblieben. Im Nachhinein hat sie größten Respekt vor der Pädagogin, denn ihr war sicherlich zu verdanken, dass die Integration des Jungen – für damalige Verhältnisse ein Novum – überhaupt gelang. „Sie war wie eine Mutter für unsere Klasse“, sagt Beuttenmüller rückblickend.
Höchsten Respekt zollt sie auch Markus. Denn er kam zurück. Anders, aber mit ungebrochenem Lebenswillen. „Er ist einfach total lebensbejahend und gibt nie auf“, sagt Cornelia Beuttenmüller heute.
Der Landart-Künstler David Klopp, einst auch ein Klassenkamerad, staunt, als er Markus Jahrzehnte später bei einer Ausstellung wiedertrifft und sieht, was aus dem einst körperlich gebrochenen Kind geworden ist. „Er ist ein absolutes Vorbild für andere“, sagt Klopp, der sich an unsere Zeitung gewandt hat, damit diese Geschichte erzählt wird.
Der Weg zur Selbstständigkeit nach der Schule
Nach der Schule geht Markus in ein spezielles Internat – drei Jahre Reutlingen, Christian-Morgenstern-Schule. Nicht leicht mit 15. Aber wichtig, weil es ihm Selbstständigkeit bringt. Danach folgt eine Odyssee durch die Einrichtungen der Diakonie Stetten. Anfangs fühlt er sich „fehl am Platz“, wie er sagt. Kindergeschichten vorgelesen zu bekommen, das war ihm zu wenig.
Seine Mutter sagt rückblickend: „Die wussten nicht, wohin mit ihm.“ Also sucht die Familie weiter. In der Gärtnerei auf der Hangweide hat es dann endlich gepasst, beim Gemüsekistenpacken, auf dem Marktstand. Heute steht Markus bei Edeka in Winnenden. Arbeitsbeginn: 6.45 Uhr. Obst sortieren, Einkaufswägen zusammenschieben, Leergut sortieren. Vielleicht kein klassischer Traumjob – aber für Markus enorm wichtig: „Jeder sollte die Möglichkeit haben, arbeiten zu können“, sagt Markus Egen.
Sein Lohn: Eigenständigkeit, Struktur, Selbstwert.
Ein Wohnzimmer voller Fernweh
Markus lebt in einer Einliegerwohnung im Elternhaus. Und dort wird schnell klar, was ihm wichtig ist: Reisen. Über dem Sofa hängen Fotos – Niagarafälle, Madeira, das Baltikum, Norwegen, die Türkei. Keine Pauschalreisen, sondern echte Abenteuer. Markus plant alles selbst, weiß die Reisedaten auswendig. Seine nächste Reise? Die Azoren. Vier Inseln in acht Tagen. Fast alles schon gebucht – eventuell wird noch der ein oder andere Flug umgelegt. Sparsamkeit ist ihm wichtig, auch wenn er streng genommen eigentlich keine schwäbischen Wurzeln hat.
Auf dem Schrank steht ein besonderes Erinnerungsstück: eine kleine Arche, gebastelt von den Klassenkameraden kurz nach dem Unfall. Jedes Kind hat ein Tier beigesteuert. Ein Symbol für Hoffnung. Und dafür, dass eine Klasse zusammenstehen kann, wenn es darauf ankommt.
Markus Egen: Musik, Mut und die Panflöte
Musik ist ein roter Faden in Markus’ Leben. Vor dem Unfall spielte er Cello. Jetzt fehlt ihm eine funktionsfähige rechte Hand dafür – also lernt er Panflöte. Nicht nur, um aufzutreten. Auch für sich. Fürs Herz. Um sich und anderen Freude zu bereiten.
Seine Mutter sagt: „Er ist Schütze – die schauen nach vorne.“ Und Markus? Grinst. „Immer deprimiert zu sein, bringt doch nichts“, sagt er. Ein Satz, so schlicht wie kraftvoll. Er zieht sich wie ein stilles Motto durch sein Leben.
Ein Mensch, der inspiriert
Vielleicht liegt gerade darin die Kraft dieser Geschichte: Dass sie nicht von Heldentaten erzählt, sondern von einem Leben, das sich mit Würde und Lebensfreude seinen Platz erkämpft. Markus Egen wird kein Manager, kein Marathonläufer. Aber ein Mensch, der inspiriert. Der sagt: Auch wenn das Leben dich niederstreckt, kannst du wieder aufstehen.
Und das ist, in Zeiten wie diesen, eine große Botschaft.