Rücktritt mit 24 Jahren: Schwimm-Weltmeister Markus Deibler Foto: dpa

Eine gute  Woche nach seinem Triumph steigt Schwimm-Weltmeister Markus Deibler aus dem Wasser. Statt mit neuer Motivation Olympia anzugehen, will der  Biberacher als  Unternehmer arbeiten.

Stuttgart - Es ist gerade einmal zehn Tage her, da war Markus Deibler am Ziel seiner Träume: Kurzbahn-Weltmeister über 100 Meter Lagen – und alles in Weltrekordzeit von 50,66 Sekunden. Bei den Titelkämpfen in Doha ließ der Wahl-Hamburger die komplett versammelte Weltelite hinter sich. Ein sportlicher Paukenschlag, dem er nun außerhalb des Beckens einen zweiten folgen ließ – mit noch größerer Wirkung: Markus Deibler beendet mit sofortiger Wirkung seine Karriere. Im Alter von nur 24 Jahren. „Ich habe gemerkt, dass es nicht mehr das ist, wofür ich brenne. Nun ist es für mich an der Zeit, neue Projekte anzugehen“, verkündete der Student für Wirtschaftsingenieurwesen.

In Zukunft will Markus Deibler „unternehmerisch tätig“ sein. Zunächst will er sich komplett „Luciella’s Ice Cream“ widmen. Im April 2013 hatte er unweit der Reeperbahn auf dem Kiez von St. Pauli eine Eisdiele eröffnet, die sich in kürzester Zeit einen Kultstatus erworben hat. Bis zu 50 Sorten Eis sind dort im Sommer im Angebot. Alle werden frisch vor den Augen der Kunden in einem gläsernen „Eislabor“ hergestellt. Und in der Vorweihnachtszeit gibt es dort Milchkaffee mit karamellisierten Keksen oder Waffeln mit Feigensoße.

Eine leckere Sache. Darauf hat Deibler Appetit, nicht auf die Qual im Schwimmbecken, die ihm zur Last geworden ist. Im trainingsintensiven Schwimmsport müsse man „mit Herz und Seele“ dabei sein. Dazu war er nicht mehr bereit. Deshalb geht der Gold-Fisch auf Tauchstation.

Seit der Heim-EM im Sommer in Berlin habe sich Deibler mit Motivationsproblemen geplagt, verriet Bundestrainer Henning Lambertz (Wuppertal), „er war hin- und hergerissen, hat nicht mehr voll trainiert. Die Kurzbahn-WM sollte ihm zeigen, ob die Lust wiederkommt. Aber nicht mal Gold und Weltrekord brachten die Lust zurück.“

Noch am Montag wollte Lutz Buschkow (Halle/Saale), der Leistungssportdirektor des DSV, ein Telefonat mit dem Weltmeister führen, erreichte ihn aber nicht. Umgestimmt hätte er ihn ohnehin nicht. „Markus hatte die Entscheidung schon vor der WM getroffen“, verriet Thomas Schmidt, der Vorsitzende des Hamburger Schwimm-Clubs, „ihm fehlt die Motivation, jeden Morgen um 6 Uhr ins Becken zu steigen und täglich sechs Stunden zu trainieren.“

Zumal seine Perspektiven nicht eben goldig waren. Markus Deibler ist ein Kurzbahnspezialist. Dort hat er seine größten Erfolge gefeiert. Neben dem WM-Titel waren dies unter anderem drei Siege bei der Kurzbahn-EM 2010 in Eindhoven. Einen ähnlichen Coup konnte er auf der Langbahn nicht erwarten, weder bei der WM 2015 im russischen Kasan noch bei Olympia 2016, zumal beide Male die 100 Meter Lagen nicht auf dem Programm stehen.

„Er hat offenbar realisiert, dass er auf der Langbahn mit seiner Leistungsentwicklung seit längerer Zeit auf der Stelle trat und es nicht mehr vorwärtsging. Da war der Schritt im Augenblick seiner größten Popularität nach dem WM-Titel eigentlich logisch“, zeigte Lambertz Verständnis für den Rücktritt. Wenngleich ihm der gebürtige Biber­acher, der seit fünf Jahren für den Hamburger SC schwimmt, fehlen wird. „Vor allem für unsere Staffeln war er immer sehr wertvoll“, sagt Lambertz über den Freistil- und Lagenspezialisten. DSV-Präsidentin Christa Thiel reagierte emotionslos: „Das ist sehr bedauerlich, aber man kann keinen an den Haaren ziehen und zum Bleiben zwingen.“

Dabei ist der DSV zurzeit nicht mit Weltklasseathleten gesegnet. Deshalb ist der Rücktritt von Markus Deibler für den Verband ein Schlag ins Kontor und kommt für viele überraschend. Franziska Hentke (Magdeburg), in Doha mit Bronze über 200 Meter Schmetterling dekoriert, war völlig ahnungslos: „Puh, das kommt doch sehr überraschend.“ Christian Keller (Essen), der 1993 bei der Premiere der Kurzbahn-WM den Titel über 200 Meter Lagen geholt hatte, bedauert: „Olympia in Rio wäre eine tolle Bühne für den Abschied gewesen.“

Markus Deibler hat anders entschieden, und dabei spielt auch seine sportliche Vergangenheit eine Rolle. Früher war er wegen gesundheitlicher Probleme regelmäßig nach Wettkämpfen kollabiert, zuletzt hatte er vom Grundlagentraining ohne längere Krankheitspausen profitiert. „Keiner weiß besser als Markus, was es heißt, Rückschläge zu verkraften“, sagt Ingrid Unkelbach, die Leiterin des Olympia-Stützpunktes Hamburg, „es war immer ein Drahtseilakt für ihn, die Belastungen zu verkraften.“

Jetzt hat er sich von ihnen befreit. Künftig tritt Markus Deibler als Botschafter der Hamburger Olympia-Bewerbung auf – und als Unternehmer. Deibler ist heiß auf Eis – nicht mehr auf Chlorwasser.

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