Markus Babbel kennt den englischen Fußball, und er weiß, wie man mit der Nationalmannschaft EM-Spiele in London gewinnt. Der Europameister von 1996 sagt vor dem Achtelfinalspiel wie die Chancen diesmal stehen.
Stuttgart - An diesem Dienstag (18 Uhr/ARD) kommt es im EM-Achtelfinale zu einer Neuauflage des Klassikers England gegen Deutschland. Markus Babbel spricht über den Mythos Wembley, die bisherigen Auftritte der beiden Teams und gibt einen Ausblick.
Herr Babbel, welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Wembley-Stadion?
Wembley – das ist der Mythos schlechthin.
Den Sie 1996 wie erlebten?
Da war ich im Training einen Tag vor unserem EM-Halbfinalspiel zunächst maßlos enttäuscht. Die Umkleidekabine war klein, alt, richtig furchtbar. Und dann das Stadion – da gibt es 1000 bessere, dachte ich mir.
Und dann?
Kam unser Spiel. Schon beim Warmmachen herrschte eine unglaubliche Atmosphäre. Plötzlich war da eine Magie, und ich verstand jeden, der vom Wembley schwärmte. Im Spiel haben die Zuschauer dann einen unglaublichen Rabbatz gemacht, sie sangen 120 Minuten lang lautstark und voller Hingabe Lieder. Ich war dermaßen fasziniert, dass ich mich kaum auf das Spiel konzentrieren konnte. Und es standen ja keine Pappnasen auf dem Platz, sondern eine fantastische englische Mannschaft.
„Ich war nie ein Zocker“
Ein Team mit Leuten wie dem Stürmerstar Alan Shearer, das Sie mit der Nationalelf im Elfmeterschießen besiegten.
Englands heutiger Nationaltrainer Gareth Southgate verballerte, für uns trafen Icke Häßler, Thomas Strunz, Stefan Reuter, Christian Ziege und Stefan Kuntz. Marco Bode wäre der Nächste gewesen, dann wäre ich an die Reihe gekommen. Ich war gottfroh, dass ich nicht ran musste. Fürs Elfmeterschießen musst du ein Gamer sein, ein Zocker, das war ich nie.
Woher rührt diese große Rivalität zwischen England und Deutschland?
Zum einen spielte bestimmt der Zweite Weltkrieg eine Rolle. Die Boulevard-Medien auf der Insel spielen da eine Rolle. Wir wurden mit Stahlhelmen abgebildet, es wurde mit vielen Klischees gespielt. Dann kommt das Endspiel 1966 mit dem Wembley-Tor dazu. Auch danach gab es immer wieder mega heiße Duelle. Wir haben dem Mutterland des Fußballs eben Paroli geboten, und die Engländer haben gemerkt, die Deutschen können richtig gut Fußball spielen. Ein bisschen hat sie das schon gewurmt, das zeigt ja auch der legendäre Spruch von Gary Lineker.
„Feindseligkeiten nahmen ab“
Fußball ist ein einfaches Spiel: 22 Männer jagen 90 Minuten lang einem Ball nach, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.
Genau, da schwingt auch enorm viel Wertschätzung mit, die durch die Trainer-Arbeit von Jürgen Klopp und Thomas Tuchel in England noch viel größer geworden ist. In dem Maß wie die Anerkennung zugenommen hat, haben die Feindseligkeiten abgenommen.
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Woher kommen die vielen englischen Talente?
Die Engländer haben die spannendsten Talente in Europa. Diese goldene Generation um Spieler wie Mason Mount oder Phil Foden fasziniert mich. Der englische Verband hat vor Jahren gemerkt, dass man in Anbetracht der vielen ausländischen Spieler in der Premier League die Jugendarbeit revolutionieren muss und etwas für die Jugendakademien tun muss.
Manche der Jungstars landen auch in der Bundesliga.
Das gehört zum Erfolgsgeheimnis dazu. Wenn die Premier League zu stark für mich ist, wenn ich den Sprung beim FC Chelsea oder dem FC Liverpool nicht schaffe, dann ist ein Wechsel in die Bundesliga doch perfekt: Ademola Lookman bei RB Leipzig oder Jadon Sancho und Jude Bellingham bei Borussia Dortmund zeigen, dass das der richtige Weg ist, sich weiterzuentwickeln.
„Premier League stärker als Bundesliga“
Ist es in der Bundesliga so viel leichter sich durchzusetzen?
Die Premier League ist schon stärker, schneller, härter. Aber die Bundesliga muss sich nicht verstecken, es wird dort technisch feinerer Fußball gespielt. Und die englischen Spieler haben bei uns doch gar nichts zu verlieren: Die Premier-League-Clubs kaufen sie doch zu 100 Prozent zurück.
Kommen wir zum anstehenden Duell. Steigt das Fieber bei Ihnen?
Ich bin ein bisschen enttäuscht, dass beide Mannschaften ihre PS bisher nicht auf die Straße bringen konnten. Deutschland gegen Frankreich war nicht der Brüller, gegen Portugal war’s gut und gegen Ungarn ganz mau. Und die Engländer sind für mich grauenhaft anzuschauen. Sie stehen defensiv gut, aber sie sind echte Minimalisten, dabei haben sie doch echt Raketen in ihrem Kader.
Bundestrainer Joachim Löw sprach davon, dass der Gegner kommen muss.
Wenn er sich da mal nicht täuscht. Ich habe die Engländer dreimal nicht kommen sehen, sie setzen gnadenlos auf ihr Umschaltspiel.
„Wir brauchen mehr Achtsamkeit“
Was trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?
Sie muss mit viel mehr Achtsamkeit auftreten. Die Lust zu verteidigen, die Lust auf Zweikämpfe vermisse ich. Die Spieler erkennen auf dem Spielfeld drohende Gefahren nicht. Toni Kroos, Ilkay Gündogan, Robin Gosens geben ihren Gegenspielern Begleitschutz – mehr nicht.
Sie wünschen sich den aggressiven Joshua Kimmich in der Zentrale?
Ja, und darauf wird es früher oder später auch hinauslaufen. Er denkt defensiv, ist aggressiv am Mann und hat ein Auge für Räume.
Und Vierer- statt Dreierkette?
Es macht gegen Teams, die nur mit einem Stürmer antreten, doch keinen Sinn mit Dreierkette zu spielen. Andererseits ist es in einer Viererkette schwierig, auf Gosens zu setzen. Er braucht eine Absicherung, einen Mann hinter sich, weil der in der Defensive Schwächen hat.
Wie weit kommt Deutschland?
Ich habe nach unserem ersten Spiel gegen Frankreich gesagt, dass wir uns im Finale wiedersehen. Bei dem günstigen Turnierbaum, den wir haben, bleibe ich dabei. Wir putzen die Engländer – und dann ist alles möglich.
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