Märkte sind weit mehr als Orte des Konsums. Seit jeher werden neben Waren auch Informationen ausgetauscht – ob Weltgeschehen, Klatsch und Tratsch oder Rezepte. Auf dem Sillenbucher Wochenmarkt geschieht das seit 1985.

Sillenbuch - Der Mann hat keine Einkaufstasche dabei, und er hat Zeit zum Ratschen. „Wie geht’s? Siehst frisch aus“, sagt er zu einer Bekannten. Die trägt eine Tüte und kommt gerade vom Sillenbucher Markt. Da ist auch die Frau des entspannt wirkenden Zeitgenossen unterwegs. „Die ist noch auf dem Gelände“, sagt der Mann zu seiner Bekannten.

So sieht also die moderne Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern aus: Die Frau geht zum Jagen, der Mann sitzt zwar nicht in der Höhle, aber er steht im Abstand von den Marktständen in der Sonne rum und hält ein Schwätzchen. Zwischen den Marktständen wuseln die Kunden, aber richtig Schlange muss niemand stehen.

Supermärkte sind keine Konkurrenz

Es ist kurz nach den Sommerferien. Einige Kunden sind immer noch im Urlaub. Sie machen es sich vielleicht gerade am Strand, bequem, statt einen Kopfsalat oder Schnittblumen zu kaufen. Etwas Entspannter als üblich geht es deshalb auch für die Beschicker zu. Gudrun Münzenmayer hat Zeit an ihrem Stand mit den Kunden ausführlich über jeden Senf und jede Marmelade zu sprechen, die sie anbietet. Die Kunden haben ja auch eine so große Auswahl. Besser Feigensenf oder vielleicht doch ein Chutney mit Apfel-Curry?

Für Gudrun Münzenmayer liegt die Attraktivität des Sillenbucher Markt in der Vielfalt. „Es gibt ein ganz breites Angebot an Waren“, sagt sie. „Und man kann den Markt gut erreichen.“ Tatsächlich ist die Stadtbahnhaltestelle fußläufig entfernt, und es gibt auch einige Parkplätze in der Nähe des Sillenbucher Markts. Aus Sicht der Kunden sei es außerdem auch interessant, dass viele Geschäfte am Sillenbucher Markt sind, darunter zwei Supermärkte, sagt die Beschickerin. Sind die denn keine Konkurrenz für den Markt? Gudrun Münzenmayer verneint. „Das ergänzt sich eher. Es kommen wegen den Supermärkten viele Leute vorbei, die dann doch lieber etwas Frisches auf dem Markt kaufen“, sagt sie.

Konstante Besucherzahlen

Den Sillenbucher Markt gibt es seit 1985. Axel Hegel, Geschäftsführer der Stuttgarter Märkte, bezeichnet ihn als relativ groß im Vergleich zu anderen Stuttgarter Bezirken. Die Entwicklung der Besucherzahlen verlaufe in den vergangenen Jahren konstant. Anders ausgedrückt verliert der Sillenbucher Markt nicht in einem signifikanten Ausmaß Kundschaft an Supermärkte, obwohl gleich zwei von ihnen in unmittelbarer Nachbarschaft sind. Das könnte auch mit der Nähe des Seniorenzentrums des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) sowie des Seniorenheims Augustinum zu tun haben. Zumindest dem Augenschein nach sind viele Besucher des Sillenbucher Markts älteren Semesters.

Vielleicht ist es aber auch das Quäntchen Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit, das ältere Kunden besonders treu werden lässt. Vor dem Antipasti- und Pasta-Stand von Marisa Bongiovanni-Schlak stehen zwei Stühle und auf einem Tischchen eine Karaffe. Das Sprudelwasser darin ist verfeinert mit Minzblättern und Zitronenscheiben. „Als es im Juli so heiß war, habe ich mir gedacht, dass sich die älteren Leute doch mal ausruhen müssen, wenn sie über den Markt laufen“, sagt Bongiovanni-Schlak. Jeder kann sich einen der neben der Karaffe stehenden Pappbecher nehmen und sich an der Erfrischung bedienen. Im Winter will sie den Marktbesuchern heißen Tee servieren. Den soll es wie den Sprudel im Sommer dann umsonst geben.

Italienliebhaber kommen auf ihre Kosten

Bongiovanni-Schlak verkauft neben italienischem Käse- und Wurstspezialitäten auch vorgefertigte Nudelvarianten. Waren also, die nicht unbedingt zum Grundbedarf gehören und damit dem klassischen Angebot eines Wochenmarkts entsprechen. Aber die Kunden des Sillenbucher Markts seien eben anspruchsvoll und erwarteten mehr als das Übliche, sagt Marisa Bongiovanni-Schlak. „Da gibt es viele Italienliebhaber, die sich auskennen und hohe Qualitätsansprüche haben“, sagt sie.

Etwas mehr am Grundbedarf orientiert ist der Stand von Walter Klingler. Es gibt Obst-und Gemüsewaren in allerlei Farben. Bio- und Demeterware, sagt Klingler mit gewissem Stolz. Für ihn bedeutet der Sillenbucher Markt auch etwas Luxus: Er kann später aufstehen, wenn er in Sillenbuch verkauft. Denn los geht der Sillenbucher Wochenmarkt jeden Freitag um 10.30 Uhr. „Ich muss zwei mal die Woche schon zwischen drei und vier Uhr morgens aufstehen. Da ist der Freitag relativ entspannt“, sagt Klingler.

Der Markt vereint

An seinem Stand gibt es mit dem Demetersiegel ein Qualitätsversprechen, das den Einkauf zu mehr macht als nur die Deckung des Grundbedarfs. Biologisch-dynamische, nach anthroposophischen Grundsätzen produzierte Ware gibt es eben nicht im Discounter zu kaufen. Der Kunde will also ein bisschen mehr und kommt deshalb auf den Markt. Gleichgültig, ob dieses „mehr“ für ihn nun die Art der Produktion oder die Waren selbst sind oder auch nur die Möglichkeit, andere Leute zu treffen und mit ihnen einen Schwatz zu halten. Die Beschicker sind sich deshalb ihrer Sache auch ziemlich sicher. „Das Geschäft läuft gut und untereinander gibt es eigentlich keine Nickeligkeiten“, sagt Walter Klingler. „Das ist unser gemeinsamer Markt“, sagt er.

Viele Kunden fühlen sich gleichfalls mit dem Sillenbucher Markt verbunden. Corinna König radelt aus Heumaden zum Sillenbucher Markt, obwohl es auch in ihrem Stadtteil einen Wochenmarkt gibt. „Das Angebot ist so reichhaltig“, sagt sie. Dafür scheint es sich zu lohnen, am Freitagmorgen in die Pedale zu treten.

Hier erfahren Sie mehr über die Märkte in Degerloch und Heumaden – und warum es in Plieningen keinen Wochenmarkt gibt.

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