Gefahrenstelle Linksabbiegen: Auf der Straße am Ortsende von Notzingen in Richtung Kirchheim endet die Markierung des Radweges abrupt. Foto: Markus Brändli

Auf der Straße von Notzigen nach Kirchheim endet die Markierung des Radwegs abrupt. Laut einer Umfrage gehört die Stelle zu den gefährlichsten Lücken im überörtlichen Radnetz im Land.

Notzingen ist landesweit unter den Top Fünf. Im Rahmen einer Umfrage der SPD-Landtagsfraktion wurden Lücken und Gefahren von Radwegen in Baden-Württemberg abgefragt. Genannt wurde im Rahmen dieser Umfrage auch eine Stelle am Ortsausgang von Notzingen in Richtung Kirchheim, sagte der Landtagsabgeordnete Andreas Kenner beim Vor-Ort-Termin. Unter den fast 100 Beiträgen der Befragung belege diese Stelle nach Einschätzung von Jan-Peter Röderer, des verkehrspolitischen Sprechers seiner Partei, im landesweiten Vergleich Platz Fünf mit Blick auf ihre Gefährlichkeit.

 

Der Vorführeffekt passt. Für Fotos und Videos wagt Thomas Ernst den Selbstversuch. Der Kirchheimer Mobilitätsbeauftragte schwingt sich in den Fahrradsattel und radelt von Notzingen in Richtung Kirchheim. Am Ortsende kurz vor dem Ortsschild endet die markierte Fahrradspur. Dynamisch tritt Thomas Ernst weiter in die Pedale – etwa 50 Meter. Dann will er nach links zum Radweg auf der anderen Straßenseite abbiegen.

Vor-Ort-Termin zwischen Notzingen und Kirchheim: der ehemalige Notzinger Gemeinderat Helmut Langguth, Mobilitätsbeauftragter Thomas Ernst, Landtagsabgeordneter Andreas Kenner, der verkehrspolitische Sprecher Jan-Peter Röderer sowie der Kirchheimer OB Pascal Bader (von links). Foto: Markus Brändli

Er hält an, schaut sich um, möchte den Verkehr in seinem Rücken beobachten. Ein Lastwagen hinter ihm muss – wohl irritiert durch den unerwartet anhaltenden Radler – scharf abbremsen. Die nachfolgenden Autofahrer steigen ebenfalls in die Eisen. Nichts passiert! Ernst kann die Straße passieren. Doch es hätte auch anders ausgehen können.

Lücke bei Notzingen: Gefahr für Radfahrer beim Linksabbiegen

Gefährlich, meinen die Teilnehmenden am Vor-Ort-Termin. Linksabbiegen an dieser Stelle berge Risiken, sagt auch Helmut Langguth, ehemaliger Gemeinderat in Notzingen und leidenschaftlicher Radler. Er kennt die Situation aus eigener Anschauung. Nach dem Ende der Markierung des Radwegs bleibe er nicht auf der Fahrbahn stehen, sondern kraxle rechts ins Grüne, hinein in die Wiese mit dem parallel zur Straße verlaufenden Entwässerungsgraben. Dort beobachte er den Verkehr und hetze bei Gelegenheit über die Straße. Eine Alternative wäre ein Weiterradeln auf der rechten Straßenseite in Richtung Kirchheim – weiter in Richtung Waldrand, wo Tempo 70 beginne. Diese Möglichkeit aber erscheine ihm noch riskanter, so das Fazit von Helmut Langguth.

So bleibt das Linksabbiegen und das Überqueren der viel befahrenen Straße. Doch mit dem sicheren Ankommen auf der anderen Straßenseite seien die Tücken noch nicht zu Ende, ergänzt Andreas Kenner. Dort könne zwar ein Radweg genutzt werden. Doch nach knapp 600 Metern tauche auf der gegenüberliegenden Straßenseite wie aus dem Nichts erneut ein Radweg in Richtung Kirchheim auf. Wieder wäre also ein Queren der viel befahrenen Straße nötig. „Diese Radwegelücke von etwa 650 Metern ist eine der größten, gefährlichsten und absurdesten Lücken im überörtlichen Radnetz von Baden-Württemberg“, kommentiert Kenner.

Die Radwegmarkierung endet auf der Straße zwischen Notzingen und Kirchheim sehr abrupt. Foto: Markus Brändli

Pascal Bader, der Oberbürgermeister von Kirchheim, drückt es weniger drastisch aus. Doch auch er verweist auf das Gefahrenpotential der Stelle, die auf Notzinger Gemarkung liege. Viele Schulkinder benutzen ihm zufolge diesen Radweg auf der Fahrt von der Gemeinde in eine weiterführende Schule in Kirchheim. Daher sollte über Gegenmaßnahmen nachgedacht werden. Was könnte helfen? „Mit dem Auto statt mit dem Fahrrad fahren“, meint Thomas Ernst. War nur ein Witz, korrigiert er rasch in Reaktion auf die ungläubigen Blicke der Umstehenden. Wer Ernst mit Nachnamen heißt, müsse auch mal einen Spaß machen.

Eine Bucht könnte Situation laut Mobilitätsbeauftragtem entschärfen

Ernster geworden schiebt er dann nach, dass das Risiko des Linksabbiegens etwa durch eine neu anzulegende Bucht gemildert werden könne. In dieser Bucht könnten die Radfahrer unbeschadet vom Autoverkehr anhalten, warten, den Verkehrsfluss beobachten und die Straße überqueren. Mit Blick auf die Kosten einer solchen Maßnahme möchte er sich nicht festlegen. Der Entwässerungsbach, der parallel zum Radweg verlaufe, müsse dafür entweder verdohlt oder umgeleitet werden.

Die Stelle am Ortsausgang von Notzingen sei gefährlich, urteilt auch Jan-Peter Röderer als verkehrspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Beim Ausbau von Rad- und Radschnellwegen im Land müsse zwingend aufs Tempo gedrückt werden: „In den Jahren 2022 und 2023 wurden weniger als 30 Prozent der geplanten Radwege an Bundes- und Landesstraßen tatsächlich gebaut.“

Ein Grund, warum die SPD-Landtagsfraktion eine Umfrage zum Ärgernis Radweglücken gestartet habe. Es sei dabei um Unterbrechungen im überregionalen Radwegenetz entlang von Landesstraßen, die offensichtlich sinnlos oder potenziell gefährlich für Radfahrer seien, gegangen.

SPD-Politiker: Stelle in Notzingen gehört zu den fünf gefährlichsten im Land

Bürger konnten im Rahmen dieser Aktion bis zum 15. September Gefahrenstellen benennen. 96 Beiträge seien bis zum Ende der Befragung eingegangen. Seit Ende September ist Röderer nun nach eigenen Angaben immer wieder im Land unterwegs, um sich die genannten Lücken anzuschauen. Vor-Ort-Termine habe er auch beispielsweise in Heidenheim-Großkuchen und im Roggental bei Geislingen an der Steige im Kreis Göppingen. Sein Fazit nach dieser langen Tournee im Dienste der Radwegsicherheit: „Die Stelle in Notzigen gehört mit Blick auf ihre Gefährlichkeit zu den Top Fünf.“