Mark Wahlberg spendet seine umstrittene Gage Millionen ans Kind von #metoo

Von Thomas Klingenmaier 

Mark Wahlberg (li.), Michelle Williams und Ridley Scott (re.): Spötter könnten meinen, Scott stecke hier gerade Wahlberg hinter dem Rücken von Williams Geld zu. Foto: AFP
Mark Wahlberg (li.), Michelle Williams und Ridley Scott (re.): Spötter könnten meinen, Scott stecke hier gerade Wahlberg hinter dem Rücken von Williams Geld zu. Foto: AFP

Mark Wahlberg bereinigt die Peinlichkeit, dass er 1,5 Millionen Dollar für Dreharbeiten erhielt, für die Michelle Williams nur 1000 Dollar bekam. Er spendet das Geld an „Time’s up“ und verschafft so dem #metoo-Ableger weitere Öffentlichkeit. Derweil tauchen neue Übergriffsvorwürfe gegen Modefotografen auf.

Hollywood - Zur echten Schauspielkunst gehört der Reflex, jeden Stolperer wie Absicht aussehen zu lassen. Hollywood-Star Mark Wahlberg hat gerade eine Kostprobe dieser Flexibilität gegeben. Direkt nach den Golden Globes stand er in ganz unvorteilhaftem Scheinwerferlicht: Medienberichte enthüllten, dass er für den Nachdreh von Ridley Scotts „All the Money in the World“ 1,5 Millionen Dollar Gage erhalten hatte, seine Filmpartnerin Michelle Williams aber nur 1000 Dollar, eine Summe, die in Hollywood nicht mal Verpflegungspauschale genannt werden kann. Selbst Insider der Filmindustrie, mit den ungleichen Bezahlungspraktiken schon lange vertraut, waren von dieser obszönen Dimension männlicher Bevorzugung geschockt. Zumal die Interessen von Williams und Wahlberg von derselben Künstleragentur vertreten werden, von William Morris Endevaour.

Nun hat Mark Wahlberg die 1,5 Millionen Sondergage der erst Anfang Januar gestarteten, aus den jüngsten Belästigungsskandalen hervorgegangenen Initiative „Time’s up" gestiftet, die für Frauenrechte kämpfen will. Und die Agentur legt noch einmal eine halbe Million Dollar dazu, was andeutet, dass man einen ökonomisch durchschlagenden Rufschaden befürchtet: Skandale lassen sich derzeit nicht aussitzen in der Medienbranche.

Das Problem mit Metoo

„Time’s Up“ ist gewiss ein Kind der Metoo-Bewegung, aber alles andere als dasselbe Aufbegehren mit einem anderen Hashtag auf Twitter und Facebook. Metoo war und ist eine Massenbewegung ohne Kern und Zentrum, eine Welle in den sozialen Medien mit allen Vor- und Nachteilen eines von jedem Individuum neu definierbaren Anliegens. Der Beginn von Metoo liegt im Oktober 2017, als die Vorwürfe sexueller Beutegreiferei gegen den Filmproduzenten Harvey Weinstein öffentlich wurden. Die Schauspielerin Alyssa Milano forderte Frauen, die eigene Erfahrungen mit sexueller Belästigung haben, dazu auf, sich in den sozialen Netzwerken mit dem Hashtag #metoo zu bekennen.

Die Reaktion war überwältigend, aber auch gefährlich. Die Grenzen zwischen dem Bruch quälenden Schweigenmüssens und der haltlosen Denunziation aus Rachegründen sind nun fließend geworden, Vergewaltigungen scheinen plötzlich auf einer Stufe mit einem unerwünschten Flirtversuch im Büro zu stehen. Metoo ist reichweitenstark und schlagzeilenträchtig, aber die Tendenz zum Ausufern birgt auch die große Gefahr des Vertrauensverlustes.

Kellnerinnen und Hollywood-Stars

„Time’s up“ dagegen, zu Deutsch also „Die Zeit ist abgelaufen“, ist eine klassische Organisation mit Struktur, Satzung und Personal. Ihr Ziel ist es, sexueller Gewalt, sexueller Belästigung und der Ungleichbehandlung in der Arbeitswelt ein Ende zu setzen. Auch wenn viele prominente Schauspielerinnen zu den Gründungsmitgliedern gehören, Meryl Streep, Michelle Pfeiffer, Reese Witherspoon, Halle Berry, Alicia Vikander und Emma Stone etwa, es geht sehr ausdrücklich nicht nur um eine Verbesserung der Zustände in der Medienindustrie. „Time’s up“ ist aus der Erkenntnis heraus entstanden, dass prominente Opfer Möglichkeiten haben, sich öffentlich zu wehren, dass aber Kellnerinnen, Land- und Fabrikarbeiterinnen, Krankenschwestern, Putzfrauen und Hausangestellte Übergriffen viel schutzloser ausgeliefert sind.

Hier will „Time’s up“ eingreifen, einerseits als Lobbygruppe bei Gesetzgebern, andererseits als PR-Maschine, und nicht zuletzt als Rechtsbeistand und Prozesskostenhelfer. Auch wenn die Schauspielerinnen bei Bedarf fortgesetzte Aufmerksamkeit zur besten Sendezeit garantieren, zu den Gründungsmitgliedern gehören Fachanwältinnen und Beratungsspezialistinnen, die sich teils seit Jahrzehnten mit sexueller Gewalt und Diskriminierung beschäftigen. Die Initiative „Time’s up“ könnte eine ernst zu nehmende gesellschaftliche Kraft in den USA mit Ablegern anderswo werden.

Ständig neue Vorwürfe

An Arbeit und an Bedarf zur juristischen Klärung wird es jedenfalls nicht mangeln. Während noch die Begeisterungs-, Lob- und Erleichterungsbekundungen anlässlich von Wahlbergs Spende durch Hollywoods Twitterwolke rauschen, berichten US-Medien bereits über die nächsten Vorwürfe. Insgesamt 28 männliche Models und ehemalige Mitarbeiter beschuldigen die Top-Modefotografen Mario Testino und Bruce Weber, letzterer auch ein profilierter Musikclip-Macher und Dokumentarfilmer, fortgesetzter Übergriffe. Beide Fotografen weisen das zurück, ihre Anwälte werfen den Models vor, Frustrationen über unbefriedigende Karrieren zu ventilieren. Vielleicht werden sich nun noch weitere Models via Hashtag Metoo den Beschuldigungen anschließen, vielleicht werden sie Journalisten ihre Geschichten erzählen. Eine gerichtliche Klärung kann das aber alles nicht ersetzen.

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