Mark Lanegan kommt ins Zizemann Foto: Steve Gullick

Grunge-Überlebender: Mark Lanegans grabestiefe Stimme erzählt im Stuttgarter Club Wizemann düstere Legenden.

Stuttgart - Als Mark Lanegan Mitte der Achtziger die Band Screaming Trees gründete, gab es den Grunge noch gar nicht. Er spielte diese triste Musik trotzdem schon. Ja, er nahm auch noch vor Nirvanas Durchbruch mit Kurt Cobain ein niemals veröffentlichtes Blues-Album auf und wurde dennoch nie zu einer Grunge-Galionsfigur wie Cobain, Chris Cornell oder Eddie Vedder. Nicht leicht zu verkraften für einen, der mit 18 das erste Mal aus dem Drogenentzug kam. Während seine Freunde Platin-Schallplatten einfuhren, ging seine Band zugrunde, er verfiel wieder den Drogen. Heute ist er 52 und nüchtern. Und als Solo-Künstler mit einer Vorliebe für finstere Moritaten irgendwo zwischen Blues, Rock, Wave und Punk überaus angesehen. Weniger grummelig oder ruppig ist der Mann mit dem Bariton-Raspeln in der Stimme deswegen noch lange nicht.

Herr Lanegan, nach allem, was Sie hinter sich haben: Was bedeutet es Ihnen, älter zu werden?
Ich denke wahrscheinlich nicht mehr und auch nicht weniger darüber nach, als es Sie tun. Entweder Sie werden älter – oder eben nicht. Das macht es recht einfach und erstrebenswert, immer älter zu werden.
Ist das Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit wichtig für Sie als Künstler? Zumindest steckt auch ihr neues Werk „Gargoyle“ voller Memento-Mori-Zitate . . .
Meine Musik kam noch nie ohne diese Symbolik aus, das ist richtig. Für mich ging es aber immer auch um das Leben. Der Tod ist ein Teil des Lebens, doch ich denke nicht bewusst über ihn nach. Ich vertraue auf meinen Instinkt. Wenn ich einen Song schreibe, will aber nicht auf Teufel komm raus irgendwelchen düsteren Kram in ihm verzapfen, weil man das vielleicht erwartet. Wenn es passiert, dann passiert es, weil es sich natürlich anfühlt. Und nicht weil ich eine schwarze Seele habe oder so etwas.
Was brauchen Sie, um sich lebendig zu fühlen?
Ich setze einen Fuß vor den anderen und schaue, wo mich das hinträgt. Das ist meine Vorgehensweise, das ist mein Ding. Es bringt nichts, irgendetwas anderes zu versuchen.
War das schon immer so?
Natürlich hat sich meine Persönlichkeit über die Jahre ziemlich verändert. Aber das ist natürlich etwas, das jedem passiert, das hat wohl etwas mit dieser Reife zu tun, von der alle sprechen. Ich bin heute viel entspannter als noch vor 20 Jahren, rege mich nicht mehr so schnell auf und lasse mich auch nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen. Meistens. (lacht)
Gibt es Momente, Tageszeiten oder Anlässe, an denen sie kreativer, beflügelter sind als sonst?
Ich funktioniere am besten, wenn ich einen gewissen Druck verspüre. Wenn ich etwas auf die Kette kriegen muss. Wenn ich einfach nur dasitzen und auf eine Eingebung warten würde, würde ich wohl nie ein Album fertig kriegen. Ohne Plan, Deadline, ohne ein konkretes Projekt wird das nichts. Ich werde erst dann kreativ, wenn ich etwas zu erledigen habe – und dann am besten morgens oder tagsüber. Eine Tasse Kaffee, los geht’s. Nicht gerade mysteriös, oder?
Zumindest lässt Ihre Musik nicht darauf schließen, dass sie bei Sonnenschein entstanden ist.
Natürlich spielt die Nacht eine durchaus tragende Rolle in vielen meiner Songs. Sie gibt mir viel, beflügelt mich. Mich als romantischen Nachtschwärmer hinzustellen, wäre aber allzu vereinfacht.
Klingt so, als würden Sie sich nicht darum scheren, wie andere Sie sehen oder darstellen.
Das ist deren Sache, nicht meine. Ich tue, was ich tue, mache Alben und gehe auf Tour. Der Rest ist ja wohl meine Sache.
Mit ihrem aktuellen Album verstecken Sie Ihre Leidenschaft für Post Punk und den elektronischen Wave der Achtziger unter ihrem gewohnten Blues-Crooner-Klangbild.
Vielleicht. Ich habe diese Anwandlungen schon auf meinen letzten beiden Alben entdeckt. Diese Musik ist also zweifellos in mir, da gibt es nichts schönzureden. Und da ich zumindest stets versuche, Alben zu machen, die mir selbst dann gefallen würden, wenn sie nicht von mir wären, kommt das wohl ganz automatisch.
Und woher rührt Ihre Leidenschaft für elektronische Elemente, Beats und Loops, die in den letzten Jahren immer spürbarer wurde?
Ich liebe elektronische Musik, seit ich Musik höre. Eines meiner ersten Alben, die ich jemals besaß, war Kraftwerks „Autobahn“, damals war ich wahrscheinlich noch in der Grundschule. Krautrock war jahrelang eine große Leidenschaft, ebenso Devo oder Brian Eno. Für einen, der so viel Kraftwerk gehört hat wie ich, ist es ein Wunder, dass meine Songs nicht mehr nach ihnen klingen.
Sie verbindet eine lange Freundschaft mit Josh Homme, der auf dem neuen Album auch einen Song singt, außerdem haben Sie in Ihrer Karriere mit ganz unterschiedlichen Leuten von Kurt Cobain über Moby bis zu Isobel Campbell zusammengearbeitet. Worin liegt der Reiz?
Ich will immer etwas Neues lernen. Will erfahren, wie dieser oder jener an die Musik herangeht. Ich fühle mich gesegnet, mit vielen tollen Künstlern zusammenarbeiten zu können, das muss ich sagen, könnte aber keine Kollaboration besonders betonen. Die wichtigste ist immer die jeweils aktuelle.
Scheint so, als würden Sie als Künstler von Tag zu Tag leben und eine Sache nach der anderen angehen. Planen Sie eigentlich voraus?
Ganz vermeiden lässt sich das nicht, allerdings fällt diese Planung zumeist recht rudimentär aus. Nicht gerade mein Spezialgebiet, wissen Sie. Derzeit zum Beispiel bin ich auf einer Tour, die bis irgendwann nächstes Jahr gehen wird. Na ja, und danach werde ich mich hinsetzen und mal überlegen, was ich als nächstes aufnehmen könnte. Und mit wem.

Mark Lanegan tritt am 4. Juli um 20 Uhr im Stuttgarter Club Wizemann auf.

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