Markiert den Treffpunkt Rotebühlplatz: Mark di Suveros Skulptur „Lobotchevsky“ Foto: Forstbauer

Eigentlich strahlt die stählerne Großskulptur vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz in leuchtendem Rot. Mark Di Siveros „Lobotchevsky“ aber verblasst und rostet. Wie lange noch?

Fast kann einem der eigentlich bei aller Stabilität doch gefühlt tänzelnde stählerne Riese vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz leid tun. Das leuchtende Rot des für den 1933 geborenen US-amerikanischen Starkünstler Mark di Suvero typischen Farbtons RAL 3000 ist längst verblasst. Mehr noch – immer schneller scheint der Stahl seine 1990 zusätzlich aufgebrachte Schutzschicht abschütteln zu wollen. An vielen Stellen ist der Weg für den Rost frei – „Lobotchevsky“, wie die scheinbar mit dem Treffpunkt Rotebühlplatz verwachsene Großskulptur heißt, ist ein Sanierungsfall.

 
Mark di Suveros „Lobotchevsky“ muss dringend saniert werden Foto: Forstbauer

2023 hatte dies die Freien Wähler im Stuttgarter Gemeinderat zu einer Anfrage und zu einem Antrag geführt. Am 18. Dezember 2023 wurde der Antrag im Bezirksbeirat Mitte verhandelt. Darin heißt es: „Seit 1990 steht die 8,10 Meter hohe Stahl-Skulptur „Lobotchevsky“, die der Künstler Mark di Suvero in den Jahren 1987 und 1988 unter Bezugnahme auf den russischen Mathematiker Nicolai Ivanovich Lobotchevsky (1793-1856) geschaffen hat, vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz, Rotebühlplatz 28. Eigentümer dieser Skulptur ist die Landeshauptstadt Stuttgart“. Und weiter: „Leider ist die rote Farbe, mit der die Skulptur gestrichen ist, völlig abgeschossen und ausgebleicht. An manchen Stellen platzt die Farbe ab oder fehlt ganz, der Rost bemächtigt sich immer mehr der Skulptur. Wir beantragen: Der rote Schutzanstrich der Skulptur ,Lobotchevsky’ wird zeitnah erneuert.“

Der Augenschein zeigt: Seit dem Antrag der Freien Wähler hat sich der Zustand der Skulptur noch einmal erheblich verschlechtert. Dabei sah es zunächst sogar nach einer schnellen Reaktion und neuem „Lobotchevsky“-Glanz zeitgleich zur Sanierung des längst zum Stuttgart-Wahrzeichen gewordenen Mobiles von Alexander Calder vor dem Kunstmuseum Stuttgart am Schlossplatz aus. Doch dann verstrich das Jahr 2024 ungenutzt. Warum? Wieder waren es die Freien Wähler im Stuttgarter Rathaus, die nachhakten. „Wir Freie Wähler“, heißt es in dem Antrag vom 15. Januar dieses Jahres, „freuen uns darüber, dass das Calder-Mobile ,Crinkly avec disque rouge’ vor dem Kunstmuseum am Schlossplatz in den letzten Monaten technisch überprüft und mit einem neuen Anstrich versehen wurde. Eine solche ,Frischzellenkur’ soll auch die Stahlskulptur ,Lobotchevsky’ erhalten, die seit gut drei Jahrzehnten vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz steht.“

Die Antwort der Stadtspitze datiert von Mitte Januar – und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) bekräftigt darin, dass die 1988 von Tilman Osterwold (1943-2021) als Direktor des Württembergischen Kunstvereins für die bis heute größte Mark di Suvero-Ausstellung in Deutschland 1988 nach Stuttgart geholte Skulptur „im Sommer 2024“ hätte saniert werden sollen.

„Lobotchevsky“ ist als Denkmal eingestuft

Warum nichts geschah? Nopper betont, dass „vor der eigentlichen Restaurierung eine detaillierte konservatorische Erfassung“ notwendig gewesen sei. Das, kann man einwenden, sei eine schlichte Grundvoraussetzung. Für das Restaurierungskonzept, so Nopper weiter, habe man dann das Landesamt für Denkmalpflege „um eine Einschätzung gebeten“. Die eigentlich positiv anmutende Reaktion: Mark di Suveros „Lobotchevsky“, bei der Großausstellung 1988 vor dem Opernhaus präsentiert, ist inzwischen als „Denkmal“ eingestuft. Dies aber, skizziert Stuttgarts OB in seiner Antwort auf die Anfrage der Freien Wähler, führte dazu, „dass die bereits geplanten und terminierten Maßnahmen vom Landesamt nicht genehmigt wurden“. Die Folge: „Das Restaurierungskonzept muss nun in enger Absprache mit den Landesamt für Denkmalpflege neu erarbeitet werden.“

Bei der Schau 1988 war „Lobotchevsky“ vor dem Opernhaus platziert Foto: Mark di Suvero/George Bellamy

Der Zustand des Werks, mit dem Stuttgart fest auf der internationalen Karte wichtiger Großskulpturen des 20. Jahrhunderts vermerkt ist, verschlechtert sich derweil deutlich. „Lobotchevsky“, von Mark di Suvero wie auch seine anderen Arbeiten für den Außenraum ohne Sockel und ohne Bodenplatten frei stehend und hier in Anlehnung ebenso an das Fingerspiel der menschlichen Hand wie an mathematische Schaubilder konzipiert, hat in den vergangenen Monaten noch einmal massiv gelitten. Die Nahaufnahme zeigt zahlreiche offene Stellen. Beispiele für die erfolgreiche Sanierung von Werken di Suveros gibt es weltweit – zuletzt 2022 mit „Iroquois“ in Philadelphia.

„Die Stadtverwaltung“, lässt Stuttgarts OB Frank Nopper nun wissen, „wird alles daran setzen, das Werk im Verlauf des Jahres 2025 zu sanieren.“ Jedoch – hierfür sei „auch die zeitnahe Unterstützung durch das Amt für Denkmalpflege notwendig“.

Mark di Suvero in Stuttgart

Osterwolds Großtat
Im Sommer 1988 realisiert der Württembergische Kunstverein Stuttgart im Kunstgebäude am Schlossplatz und auf den Freiflächen um den Eckensee die bis heute größte Ausstellung mit Werken von Mark di Suvero in Deutschland. Nach jahrelanger Vorbereitung präsentiert Kunstvereinsdirektor Tilman Osterwold Di Suveros Arbeiten unter anderem im Eckensee, vor dem Alten Schloss und vor dem Opernhaus. Unsere Zeitung berichtet seinerzeit von einem „Paukenschlag“. Tilman Osterwold hofft vor allem auf einen Ankauf des Werks im Eckensee, die Stadt entscheidet sich schließlich für „Lobotchevsky“. 1988 vor dem Opernhaus platziert, hat „Lobotchevsky“ mit Eröffnung des Treffpunkt Rotebühlplatz seit 1990 vor dem generations- und themenübergreifenden Weiterbildungsforum.

Mark di Suvero
Als Sohn italienischer Eltern in Shanghai geboren, wächst Mark di Suvero in Kalifornien auf und studiert auch dort. 1957 zieht er nach New York. 1968 nimmt der an der Weltkunstausstellung Documenta 4 in Kassel teil. Bis in die 2010er Jahre lebt und arbeitet Mark di Suvero in Petaluma (Kalifornien), New York und Chalon-sur-Saône (Frankreich). Heute lebt er wieder weitgehend in Kalifornien. Er gilt als einer der einflussreichsten Bildhauer der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.