Mehr als acht Meter hoch und fünf Tonnen schwer ist die Großplastik von Mark di Suvero vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz. Am 24. März soll sie weg – warum das?
Fünf vor zwölf ist es für Mark di Suveros Großskulptur vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz in Stuttgart längst nicht mehr. Das leuchtende Rot des für den 1933 geborenen US-amerikanischen Starkünstler Mark di Suvero typischen Farbtons RAL 3000 ist längst verblasst. Mehr noch – immer schneller scheint der Stahl seine 1990 zusätzlich aufgebrachte Schutzschicht abschütteln zu wollen. An vielen Stellen ist der Weg für den Rost frei – Mark di Suveros „Lobotchevsky“ ist ein Sanierungsfall.
Und nun? Soll alles ganz schnell gehen. „Die Stadt lässt die Skulptur am 24. März demontieren und abtransportieren. Im Herbst kehrt sie an ihren Platz zurück“, heißt es in einer Mitteilung der Stadt. Wer spektakuläre Bilder liebt – am kommenden Dienstag, 24. März, um 10 Uhr soll ein Großkran die ersten „Lobotchevsky“-Teile über den Rotebühlplatz schweben lassen. „Mit der Restaurierung“, sagt Marc Gegenfurtner, Leiter des Stuttgarter Kulturamts, „sichern wir ein Schlüsselwerk der Kunst im öffentlichen Raum und erhalten einen prägenden Ort künstlerischer Identität sowie ein lebendiges Zeichen für Kunst und Kultur im Stuttgarter Stadtraum“.
Zu viele Worte? Klar ist: Es ist das Ende eines Prozesses, den 2023 die Freien Wähler im Stuttgarter Gemeinderat angestoßen hatten. In einem im Dezember 2023 im Bezirksbeirat Mitte verhandelten Antrag hieß es: „Seit 1990 steht die 8,10 Meter hohe Stahl-Skulptur ,Lobotchevsky’, die der Künstler Mark di Suvero in den Jahren 1987 und 1988 unter Bezugnahme auf den russischen Mathematiker Nicolai Ivanovich Lobotchevsky (1793-1856) geschaffen hat, vor dem Treffpunkt Rotebühlplatz, Rotebühlplatz 28. Eigentümer dieser Skulptur ist die Landeshauptstadt Stuttgart“. Und weiter: „Leider ist die rote Farbe, mit der die Skulptur gestrichen ist, völlig abgeschossen und ausgebleicht. An manchen Stellen platzt die Farbe ab oder fehlt ganz, der Rost bemächtigt sich immer mehr der Skulptur. Wir beantragen: Der rote Schutzanstrich der Skulptur ,Lobotchevsky’ wird zeitnah erneuert.“
Drei Jahre und viele stadtinterne Debatten darüber weiter, was Kunst im öffentlichen Raum eigentlich sei, geht es nun tatsächlich an die Restaurierung. Was wird gemacht? „Das Kunstwerk“, heißt es von Seiten der Stadt, „erhält Korrosionsschutz, eine neue Beschichtung nach aktuellen Standards und Graffitischutz. Farbton und Ausführung erfolgen in Abstimmung mit dem Studio des Künstlers Spacetime C.C. durch die Firma Haber & Brandner GmbH. Die Restaurierung wird mit Haushaltsmitteln aus dem Jahr 2025 finanziert.“ Soll heißen – die Gelder für „Lobotchevsky“ sind unmittelbar vor den harten Einschnitten in die Kulturförderung im Spar-Doppelhaushalt 2026/2027 frei gegeben worden.
„Lobotchevsky“-Abbau mit zwei Schwerlastkränen
Und wie restauriert man eine mehr als acht Meter hohe Stahlskulptur? Sie muss abgebaut werden – „auch logistisch“, betont die Stadt, „ein besonderes Ereignis“. Denn: „,Lobotchevsky’ ist 8,7 Meter hoch und wiegt zirka fünf Tonnen. Für die Demontage kommen zwei mobile Schwerlastkräne zum Einsatz; die Skulptur wird in einzelne Segmente zerlegt. Am 24. März kommt es daher rund um den Rotebühlplatz zu Verkehrseinschränkungen. Betroffen ist insbesondere die Abbiegespur auf der Fritz-Elsas-Straße in Richtung Rotebühlstraße.“
„Lobotschevsky“-Künstler freut sich über die Restaurierung
Kunst als Verkehrsstörung? Da hört man doch lieber auf die Worte von Mark di Suvero. Der inzwischen 92-jährige US-amerikanische Starkünstler lässt wissen: „Wenn man Künstler ist, möchte man Kunst schaffen, die für viele Menschen von Bedeutung ist. Die meiste Kunst wird in Museen und Galerien gezeigt, wodurch jedoch ein großer Teil der Bevölkerung ausgeschlossen wird. Wenn man sie jedoch auf die Straße bringt, öffnet man sie für die ganze Welt.“ Und deshalb sagt di Suvero weiter: „Ich bin äußerst dankbar für die engagierte Betreuung und Aufmerksamkeit, die die Stadt Stuttgart meiner Plastik ,Lobotchevsky’ entgegenbringt. Es ist wunderbar, dass eine vollständige Restaurierung mit Neulackierung geplant ist, um mein Werk wieder in seinen leuchtend roten Zustand zurückzuversetzen.“
„Lobotchevsky“ stand zunächst vor dem Opernhaus Stuttgart
Untrennbar ist „Lobotchevsky“ mit dem Württembergischen Kunstverein Stuttgart verbunden. Im Sommer 1988 präsentierte der damalige Kunstvereinsdirektor Tilman Osterwold im Kunstgebäude am Schlossplatz und auf den Freiflächen um den Eckensee die bis heute größte Ausstellung mit Werken von Mark di Suvero in Deutschland. Tilman Osterwold hoffte vor allem auf einen Ankauf des spektakulär im Eckensee platzierten Werks, die Stadt entscheidet sich schließlich für „Lobotchevsky“. 1988 vor dem Opernhaus platziert, hat „Lobotchevsky“ mit Eröffnung des Treffpunkt Rotebühlplatz seit 1990 seinen Platz vor dem inzwischen selbst als Sanierungsfall identifizierten generations- und themenübergreifenden Weiterbildungsforum.