Zurück aus einer längeren Pause: Marius Müller-Westernhagen spricht über sein erstes neues Album seit acht Jahren, den Ukraine-Krieg und die Querdenker.
„Das eine Leben“ heißt das 23. Studioalbum des mittlerweile 73-jährigen Rockbarden. Es ist gelungen, über weite Strecken bemerkenswert aktuell und in den nicht wenigen sentimentalen Momenten nicht allzu kitschig.
Herr Müller-Westernhagen, Sie sind im friedlichen Nachkriegsdeutschland aufgewachsen. Haben Sie Angst vor einem dritten Weltkrieg?
Ich glaube nicht, dass der Russe bald bei uns auf der Matte steht. Viele Deutsche reagieren jetzt auch deshalb so stark, weil die Ukraine so nah ist. Ich finde es ganz schrecklich, was dort passiert, es berührt mich sehr. Und natürlich verachte ich Putin, verachte ich seinen Angriffskrieg. Ich finde aber auch die Kriege im Jemen oder in Syrien fürchterlich. Nur sind diese Länder für uns Deutsche weit weg. Das schauen wir uns im Fernsehen mit einem gewissen Abstand an und haben Mitleid. Bei der Ukraine haben wir das Gefühl, wir sind mittendrin.
„Jeder, dem ein Hirn geblieben, kann sich nur besaufen und alle Menschen lieben“, singen Sie in „Schnee von gestern“. Ist Flucht in den Alkohol eine Lösung in diesen Zeiten?
Für Menschen, die sich intellektuell nicht erklären können oder wollen, was im Augenblick in der Gesellschaft los ist, mag das so sein. Aber für mich ist der Alkohol keine Alternative dazu, sich mit dem Weltgeschehen auseinanderzusetzen, was ich intensiv tue. Mir fällt dabei auf, dass immer mehr Ereignisse stattfinden, die ich selbst beim allerbesten Willen nicht mehr nachvollziehen kann, die Wahl von Donald Trump etwa. Auch Putins Entscheidung, die Ukraine zu überfallen und die Leute zu massakrieren, ist für mich rational nicht erklärlich.
Haben Sie trotzdem eine Theorie, warum die Welt immer konfuser und bedrohlicher wirkt?
Die Mitmenschlichkeit geht uns mehr und mehr verloren. Wir dreschen lieber aufeinander ein, anstatt gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Die sozialen Medien, von denen ich mich fernhalte, sind ein echter Brandbeschleuniger. Jeder Trottel kann dort jeden manipulativen Unsinn verbreiten, und was einmal im Internet steht, das bleibt auch dort. Die Leute haben außerdem eine immer kürzere Lunte. Die Fähigkeit und der Wille zur Vergebung gehen uns abhanden. Auf jede Kleinigkeit wird heutzutage heftig und nicht selten überzogen reagiert. Die Gelassenheit, die so wichtig ist, wenn man vernünftig nebeneinander existieren will, ist auf dem Rückmarsch. So kann man auf Dauer als Gesellschaft nicht funktionieren.
Aber Politik ist doch nicht an allem schuld, oder?
Nein, natürlich nicht. Aber sie hechelt ständig hinterher. Wann hat denn die Politik das letzte Mal etwas gestaltet? Es wird immer nur reagiert, sei es bei dem Flüchtlingsstrom von 2015, sei es bei der Pandemie, sei es jetzt beim Krieg Russlands in der Ukraine. Und immer wieder macht die Politik den Eindruck, überrumpelt worden zu sein.
War es auch der geballte Irrsinn in der Welt, der Sie motiviert hat, zum ersten Mal seit „Alphatier“ 2014 ein Album mit neuen Liedern aufzunehmen?
Als ich anfing, diese Lieder zu schreiben, saß ich in Kapstadt fest und kam intensiv ins Nachdenken. Ich reflektierte die Situation, in der wir uns befinden, ich reflektierte im Grunde auch mein ganzes Leben. Diese Gedanken führten dazu, dass ich gar nicht mehr anders konnte, als Stellung zu beziehen.
Ihre Säulenheiligen wie The Doors, Bob Dylan oder Led Zeppelin scheinen auf jeden Fall ziemlich deutlich durch.
Bei aller Energie ist die Platte auch sehr erwachsen geworden. Die Musiker müssen sich nichts mehr beweisen. Wir alle sind mit großer Freude der Magie gefolgt, die sich einstellt, wenn du an etwas arbeitest, von dem du wirklich begeistert bist.
Die Ballade „Die Wahrheit“ zum Beispiel ist sehr üppig produziert. Andere Stücke, wie „Wenn wir über den Berg sind“, klingen eher karg.
Auf „Die Wahrheit“ bin ich besonders stolz. Das wäre vor zwanzig Jahren eine Single gewesen. Ich hatte beim Schreiben viel Zeit und beschäftigte mich mit Fragen wie „Wer bist du?“, „Was willst du?“, „Was macht dich glücklich?“. Eine der Erkenntnisse daraus ist die, dass ich für mein Handeln und meine Situation selbst verantwortlich bin. Bei „Wenn wir über den Berg sind“ sollte das Klavier mit einer gewissen Naivität gespielte werden, ehrlich und minimalistisch. Ich hatte dabei John Lennon im Kopf oder Randy Newman.
Werden wir je über den Berg sein?
Auch wenn es schwer zu glauben ist, bin ich im Kern ein zuversichtlicher Mensch. Wir müssen uns anstrengen, denn was wäre die Alternative? Wer bis jetzt immer noch nicht auf die Idee gekommen ist, dass wir als Menschheit nicht so weitermachen können, dem ist jedoch nicht zu helfen.
„Auf die Barrikaden, das kann keinem schaden“, singen Sie in „Zeitgeist“. Brauchen wir die Revolution?
Wir brauchen ein neues gesellschaftliches Bewusstsein. Wir müssen uns stärker dafür interessieren, wo es drastische Ungerechtigkeiten gibt. Nicht in dem Sinne, dass wir nach dem Kommunismus rufen, aber auch in Demokratien muss die Politik dafür Sorge tragen, dass die Gesellschaft ein moralisches Fundament hat. Entscheidungen sollten nicht Einzelnen zugutekommen, sondern allen. Wenn jeder Bundestagsabgeordnete mit Lobbyisten dealt, kommen wir genauso ins Schleudern wie bei der Parteienfinanzierung durch irgendwelche Multimillionäre. Denn da geht sie los, die Manipulation.
Um Lügen und Falschinformationen ging es auch häufig in der Coronadebatte. Haben Sie auch deshalb mit einem Plakat für die Corona-Impfung geworben, weil Impfgegner Ihren Song „Freiheit“ für ihre Zwecke besudelten?
Ich konnte und wollte das nicht unwidersprochen so stehen lassen. Also habe ich Fakten geschaffen und den Querdenker das Stück wieder entrissen.
„Freiheit“ ist Ihr berühmtester Song. Liegt er Ihnen besonders am Herzen?
Ich halte „Freiheit“ längst nicht für den besten Song, den ich je geschrieben habe. Aber vielen Menschen bedeutet er eine Menge. Ich setze das Lied nur wohldosiert ein, zuletzt beim Solidaritätskonzert für die Ukraine vor dem Brandenburger Tor.
Ist Freiheit das Einzige, was zählt?
Freiheit ist eine Illusion. Genau wie Sicherheit eine Illusion ist. Wahrscheinlich ist man nur frei, wenn man nichts mehr will, wenn man keine Wünsche und Ansprüche mehr hat, sondern einfach nur zufrieden ist.
Haben Sie diesen Zustand erreicht?
Na ja, in guten Momenten schon. Ich weiß, ich muss gar nichts – außer sterben und Steuern zahlen (lacht). Diese Erkenntnis ist wirklich befreiend.