Marlene Dietrich am Faden und Manfred Peters, der Mann, der sie schuf. Foto: Werner Kuhnle

Manfred Peters aus Vaihingen an der Enz baut wunderbare Marionetten – von Marlene Dietrich über Luciano Pavarotti bis Dracula. Wenn er seine Schatzkammer öffnet, kommt man aus dem Staunen kaum heraus.

Wenn der fein befrackte Luciano Pavarotti in seiner Paradearie „Nessun Dorma“ beim „Vinceró“ – „Ich werde siegen!“ – das hohe „H“ schmettert, dann bebt sein ganzer Leib. Inklusive der Augenbrauen, die er schmachtend hebt und senkt, und des Mundes, den er beim Hinaufschrauben in höchste Tenorekstase verzückt aufreißt.

 

Keine Außergewöhnlichkeit bei einem Sänger von Pavarottis Format und bei einem Gassenhauer, der zum Dahinschmelzen schön ist? Doch, in diesem Fall schon. Denn hier singt zu Puccinis „Turandot“-Arie eine Marionette. Das könnte man beim Zuhören und Zuschauen aber fast vergessen. Dabei ist Mimik doch etwas, was eine Marionette normalerweise nun wirklich nicht kann.

Die Fantasie schlägt Funken

Aber normal ist eh nichts in dieser Wunderkammer im Untergeschoss eines Wohnhauses in Vaihingen. Der Marionettenbauer, der Pavarotti bis hin zur ausgeklügelten Augenbrauenbewegungsmechanik Gestalt gegeben hat, heißt Manfred Peters. Auf seiner Privatbühne hat er den Vorhang beiseite gezogen und den Startenor ins Scheinwerferlicht gerückt. Er lässt ihn singen, gestikulieren, kokettieren. Doch Pavarotti ist nicht der Einzige seiner Art, bei dem mit etwas Verdunklung und der Kunst von Manfred Peters die Fantasie Funken schlagen kann.

Marlene Dietrich etwa, enigmatisch und lasziv: Im bodenlangen Abendkleid, aus dem goldglänzende Pumps lugen, steht sie da, mit einer weißen Federboa und einem Zigarillo in der linken Hand, der auf eine feine hölzerne Spitze gesetzt ist, und schnurrt ihren heiser-melancholischen Song „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ ins Mikrofon.

Von wegen nur nett und belanglos

Oder Graf Dracula, der sich nach zwölf Glockenschlägen aus seinem seidig ausgeschlagenen Sarg erhebt, sich ans Cembalo setzt und in fahler Eleganz Bach spielt. Bis er sich umwendet, leicht die blutroten Lippen öffnet und bei einem sardonischen Lächeln seine rasiermesserscharfen Eckzähne blitzen lässt. „Viele denken ja, Marionettenspiel sei eben Kasperletheater für Kinder“, meint Peters. Nett, lustig, ein bisschen belanglos. Was für eine Fehleinschätzung.

Dass Manfred Peters das Marionettenbauen und -spielen lediglich aus Liebhaberei betreibt, mag man kaum glauben – so betörend sind seine Figuren, so hochkomplex, so ausgeklügelt im Spiel mit der Schwerkraft. Der künstlerisch begabte junge Mann, der schon als Jugendlicher Modellbau betrieben hatte, hatte für die Zeit nach seinem Wehrdienst eigentlich einen Platz an der Kunstakademie in Stuttgart sicher gehabt, den anzutreten ihm aber aus Gründen, die er zeitlebens nicht nachvollziehen konnte, dann verwehrt wurde – ein Affront, an dem er lange knabberte. Er studierte stattdessen Lehramt, unterrichtete Kunst, Werken und Deutsch und schuf Kreatives mit seinen Schülerinnen und Schülern und im Privaten. Eines Tages sah er den Marionettenpapst Albrecht Roser im Kornwestheimer Kulturhaus. „Das war der Initialzünder“, erzählt Peters. „Ich dachte, das probierst du mal.“

Die Faszination für Marionetten wurzelte allerdings schon in einer viel früheren Zeit, in seiner ursprünglichen Heimat. „Ende der 50er Jahre zog eine Flüchtlingsfamilie mitsamt ihren Marionetten aus Mitteldeutschland in unser Dorf bei Rottweil“, erzählt Manfred Peters. „ Die Billes spielten in Schulen und im Dorfwirtshaus ihre Märchenstücke.“ Besonders das „Rumpelstilzchen“ beeindruckte ihn nachhaltig.

In seiner Werkstatt, die angesichts ihrer Material- und Werkzeugfülle schon für sich eine Augenweide ist, perfektionierte Peters im Laufe der Jahre seine Marionettenbaukunst. Er wälzte Lektüren dazu, besuchte Kurse, suchte auch Albrecht Roser auf. „Wo haben Sie das Schnitzen gelernt?“, wollte der Grandseigneur des Marionettenbaus erstaunt wissen, als Peters in seinem Atelier in der Stuttgarter Urbanstraße stand und ihm eine Marionette zeigte. Roser habe ihn sehr freundlich aufgenommen, erinnert er sich: „Er gab mir wertvolle Tipps.“

Vor allem aber setzte er auf Begabung, Sachverstand, Materialkenntnis und Konstruktionskunst. Wenn etwas nicht so geschmeidig und organisch wirkt, wie er es sich vorstellt, tüftelt Manfred Peters so lange, bis es perfekt ist. Mit Erfolg: Sein Hochradartist kann während des Fahrens einen sich drehenden Ball auf der Fingerspitze balancieren. Für seine anmutige Primaballerina konstruierte er eigens ein Hüftgelenk und optimierte es für Spitzentanz und andere balletttypische Beinbewegungen. Sein Clown balanciert auf einem Rollbrett. Sein Trapezkünstler kann, mit den Händen an der Schaukel hängend, per Umschwung die Position wechseln und schwingt dann kopfüber in der Luft, von den Füßen gehalten. Dass dahinter jemand steht, der für diese ungemein komplexen Bewegungen die Fäden zieht, vergisst man fast. „Es braucht oft nur wenige Impulse am Spielkreuz, um die Marionette in wunderbare, rhythmische Bewegungen zu versetzen. Das ist gegenüber anderen Puppen unschlagbar“, sagt Manfred Peters.

Sorgsam ausgewählte Musik

All diese Figuren treten im „Varieté der Marionetten“ auf, einem Programm, das wie bei einem richtigen Varieté keine durchgehende Handlung besitzt. Es entzückt mit einzelnen Szenen zu sorgsam ausgewählter Musik, von Chopin bis zum melancholischen Klavierthema aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“.

Zu sehen bekommt man das seit Peters’ Startschuss in Vaihingen im Jahr 2000 aber selten und eher auswärts: Bei der Wittenberger Erlebnisnacht war er im Luther-Jahr eingeladen, auch in Rothenburg ob der Tauber oder Heidelberg spielte er – nach Anreise mit dem Anhänger samt Bühne und Vorhang, begleitet von seiner Frau Gabriele, die ihm bei den aufwendigen Aufbauten und Auftritten assistiert. Im September fährt er zum Weltfestival der Marionettentheater im französischen Charleville-Mézières, einem Straßenfestival – „da ist der Aufwand nicht so groß“.

In seiner Heimatregion gestaltet sich hingegen die Suche nach geeigneten Aufführungsorten schwierig. Eine Bühne mit ansteigenden Sitzreihen, wie sie für Marionettentheater eigentlich unabdingbar sind, ist kaum zu finden. Derzeit hat der Pensionär aber eine neue Bühne in Arbeit, die er schnell selbst aufbauen kann. „Sie besteht aus vier leichten Bühnenpodesten“, erklärt er, „da bin ich flexibler und kann auch in etwas kleinerem Rahmen auftreten.“ Von Herbst an will er seine Auftritte wieder intensivieren.

Darauf kann man sich freuen: Für eine Auszeit aus Schnelllebigkeit und Reizüberflutung ist wenig Zauberhafteres vorstellbar, als im Bann von Manfred Peters’ Marionetten den Alltag einfach mal auszublenden.

www.variete-der-marionetten.de