Eine Schauspieler-Legende schon zu Lebzeiten: Mario Adorf Foto: SvenSimon/FrankHoermann/SVEN SIMON

Mario Adorf, der noch immer blendend aussieht, im Kopf topfit ist und oft den Schurken spielte, wird an diesem Dienstag neunzig Jahre alt. Das Porträt eines Weltstars aus dem Waisenhaus.

Stuttgart - München, Hotel Bayrischer Hof. Interview mit Mario Adorf. Das Gespräch dauert bereits eine Stunde, die Pressedame betritt zum wiederholten Male das Zimmer, zeigt auf die Uhr und mahnt das Gesprächsende an. Okay, dann machen wir jetzt Schluss. Allein: Adorf ist noch nicht fertig, die Antwort auf die Frage, worin das Geheimnis seiner Vitalität liege, will er noch präziser ausführen – und als sein Gesprächspartner, die Mahnung der Pressedame im Ohr, sich dann doch vom Stuhl erhebt, um das Zimmer zu verlassen, fasst Adorf ihn beim Arm und hält ihn zurück. Eines muss er noch loswerden.

 

„Hören Sie sich das an“, sagt der Schauspieler. Er greift zu einem Buch, schlägt die markierte Seite auf und trägt ein Mundartgedicht von Martin Suter vor. „Ist das nicht schön?“, fragt er zwischen den Strophen und lässt sein warmes, gaumiges Schwyzerdütsch weiter und weiter durch den Raum fließen. Wie Musik ergreift es die Pressedame, den Gesprächspartner und nicht zuletzt ihn selbst, den sanft entflammten Rezitator.

International begehrt

Die Szene ereignete sich vor einem Jahr, kurz vor der letzten Bühnentournee von Mario Adorf durch zehn deutsche Städte. Unter dem Titel „Zugabe“ zeigte er ein Best-of-Programm aus sieben Jahrzehnten und führte als Entertainer mit Charme erzählend, singend und lesend durch eine Karriere, die eine Weltkarriere war. Adorf arbeitete in Frankreich, Italien und Hollywood, drehte mit Sam Peckinpah, Claude Chabrol und Billy Wilder und spielte mit Brigitte Bardot, Sophia Loren und Claudia Cardinale. Kein anderer deutscher Schauspieler war international so begehrt wie er. Doch jetzt, im Münchner Hotelzimmer, berauschte sich der auf Namedropping pfeifende Weltstar an einem Liebesgedicht, dessen Schlichtheit ihn betörte, in einer Zugabe der anderen Art, die ihn auf jähe Weise privat, intim und jung machte: Während er las, leuchteten seine Augen, als würde in den Versen seine eigene Verzauberung besungen. Kaum zu glauben, dass dieser Jüngling an diesem Dienstag neunzig Jahre alt wird.

Silbergrauer Haarschopf, immer noch blendend aussehend und im Geist topfit – und wer wissen will, wie viel Theater und Kino, wie viele Tourneen und Preise, ja, wie viel Nachkriegsgeschichte überhaupt in ein Leben passen, muss die Biografie des vier Sprachen sprechenden, zwischen Paris, St. Tropez und München pendelnden Weltbürgers studieren.

Als Künstler hat Adorf alles erreicht, was man erreichen kann, mit seinen Filmrollen hat er sich ins kollektive Gedächtnis gleich mehrerer Generationen von Deutschen eingebrannt. Als Santer erschoss er 1963 Nscho-tschi, Winnetous Schwesters. Als Alfred Matzerath zeugte er 1979 Oskar, den Blechtrommler – und als Fabrikant Haffenloher drohte er 1986 in „Kir Royal“ dem Klatschreporter Baby Schimmerlos mit Worten, die zu Klassikern wurden: „Junge, ich scheiß dich zu mit mein’ Jeld! Ich bin dir einfach über!“ Mario Adorf, 1930 in Zürich geboren, in der Eifel aufgewachsen, beherrscht als Variante des Deutschen nicht nur Schwyzerdütsch, sondern auch Rheinisch auf köstlichste Art.

Sympathischer Schurkendarsteller

Santer ist ein Schurke, Matzerath ein Nazimitläufer und Haffenloher ein großmäuliger Sozialaufsteiger. Allesamt keine Sympathieträger, aber der größte Unsympath, den der Jubilar in seiner Laufbahn je spielte, war ein Monster: 1957 gelang Adorf, an den Münchner Kammerspielen bereits ein Jungstar, in Robert Siodmaks „Nachts, wenn der Teufel kam“ der Durchbruch im Kino. Der Teufel war er. Er in der Rolle von Bruno Lüdke, den die Nazis 1944 als Frauen- und Serienmörder hinrichten ließen. Für seine Darstellung der Bestie gewann er den Bundesfilmpreis, doch was ihn damals freute, macht ihm heute zu schaffen. Heute weiß man: Lüdke war unschuldig, ihm wurden die Morde von den Nazis untergeschoben, weil sie einen Fahndungserfolg brauchten. „Meine Darstellung der Figur war ein Irrtum“, bekannte Adorf im Münchner Interview, „ich hatte Erfolg damit, einen Unschuldigen als Täter abzustempeln.“ Und darunter leidet er, der nicht nur höflich und nachdenklich, sondern auch skrupulös ist, bis heute. Adorf ist der sympathischste Schurkendarsteller, den man sich vorstellen kann.

Dass sein Gerechtigkeitssinn stark ausgeprägt ist, liegt an seiner Herkunft. Ungerechtigkeit hat er selbst oft erfahren, damals in der Eifel als uneheliches Kind einer Näherin, die ihn ins Waisenhaus geben musste, weil sie ihn allein nicht durchbringen konnte. Zur Armut kam noch Angst in Bombenkellern und Hunger bis weit in die Nachkriegszeit, wo er sich erst zum Philosophiestudium in Mainz, dann zum Schauspielstudium in Zürich hoch boxte. Um etwas in den Magen zu bekommen, habe er geklaut wie ein Rabe, gesteht Adorf, der es in seinen Anfangsjahren nicht leicht hatte. Und als er seine junge Karriere in den Sechzigern in Italien und den USA fortsetzte, wurde er als Nazi verdächtigt und als Deutscher angefeindet, man schüttete ihm Rizinus ins Mineralwasser und zerkratzte sein Auto. Wie man sich fühlt, wenn man als Mensch auf Hass und Ablehnung stößt, weiß er – und er fühlt mit, sagt er, wenn heute Flüchtlinge durch Städte gejagtund deren Heime angezündet werden.

Meilensteine deutscher Fernsehgeschichte

Können paart Adorf mit Haltung, ein Ausnahmekünstler in jeglicher Hinsicht, der in den siebziger Jahren auch spielend seinen Platz im Neuen Deutschen Film fand. Der Weltstar verhalf ihm zum Weltruhm, ob in Schlöndorffs oscargekrönter „Blechtrommel“ oder in Fassbinders „Lola“, wo er mit gedrungener Statur den Baulöwen Schuckert verkörperte, den jovial-kriminellen Vorgänger des schmierigen Klebstofffabrikanten Haffenloher in Helmut Dietls „Kir Royal“. Der Schurke vom Dienst streifte sich allmählich den Zwirn des zwielichtigen Patriarchen über, den er mustergültig in den Mehrteilern von Dieter Wedel gab, im „Großen Bellheim“, im „Schattenmann“ und in der „Affäre Semmeling“. Meilensteine des deutschen Fernsehens, was nichts daran änderte, dass Adorf später mit dem von ihm als intrigant empfundenen Wedel brach. Haltung, wie gesagt, geht ihm über alles, auch über die Karriere, um die er sich nicht mehr sorgen muss: Mario Adorf, eine Legende zu Lebzeiten – aber halt, stopp, eines noch: „Worin liegt das Geheimnis Ihrer Altersvitalität?“

Glück und Gesundheit erfahre er als Geschenk, sagt er in München – und als Fügung im handfesten Sinn, denn er habe die sich bietenden Chancen immer erkannt, gepackt und passend ineinander geschoben. „Aber mein Alter“, ergänzt er, „hängt auch von den Genen ab: Meine Mutter ist 92 geworden. Das wäre auch für mich ein schönes Ziel.“ Die Chancen stehen bestens, dass er’s quicklebendig erreicht und noch weit hinter sich lässt: Alle Achtung, Herr Adorf, nicht nur dafür.