„Es ist sehr viel Glück dabei“, sagt Mario Adorf, wohl wissend, dass mehr dazugehört, über 60 Jahre hinweg ein erfolgreicher Schauspieler zu sein. An diesem Dienstag wird er 85 Jahre alt, was ihn nicht vom Rampenlicht fernhält: Im Herbst geht er mit seiner Autobiografie auf Tournee.

Die Bühne betritt er stets als Mann von Welt, mit einem Lächeln, dessen Wärme auch über weniger ruhmreiche Taten und Tage hinwegrettet. Mario Adorf weiß um seine Popularität, und er genießt sie bis heute auf äußerst charmante Weise. Eine „sehr frühe kindliche und eine bleibende Spielfreude“ habe ihn durch seine Karriere getragen, sagt er, „mein italienisches Erbteil“.

Adorf – 1930 in Zürich geboren als Sohn einer Elsässerin und eines Italieners, wächst in Mayen in der Eifel bei seiner Mutter auf. Von 1950 an studiert er in Mainz Philosophie und Theaterwissenschaften. 1953 geht er nach Zürich und arbeitet dort als Statist und Regieassistent bei einem Studententheater. Dem Schauspielstudium folgt ein Engagement an den Münchner Kammerspielen.

Der raubeinige Böse, das ist Adorf ­zunächst. Wer hat seinem mörderischen Santer in „Winnetou I“ (1963) nicht den Tod gewünscht? „Es kommt alles aus der Beobachtung“, sagt er. Auf Besuch beim italienischen Teil seiner Familie in Kalabrien habe er echte Mafiosi kennengelernt – „sehr beunruhigende Leute. Sie sprechen mit einer großen Sicherheit und drücken sich blumig aus. Es sind natürlich auch die Blicke, die Haltung, diese Undurchsichtigkeit – sehr verhalten und letztlich gefährlich.“

Doch Adorf will mehr, und es sind die ­Regisseure des jungen deutschen Kinos der 1970er, die einen anderen Adorf zeigen. Volker Schlöndorff dreht mit ihm 1975 „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ und besetzt mit ihm 1978 in der „Blechtrommel“-Verfilmung die Rolle von Oskars Vater Alfred Matzerath. 1981 ist er in Rainer Werner Fassbinders „Lola“ zu sehen.

Legendär ist Adorfs Auftritt in Helmut Dietls Mini-TV-Serie „Kir Royal“ (1985). „Ich scheiß dich so was von zu mit meinem Geld“, sagt er als Kleberfabrikant Heinrich Haffenloher im rheinischen Singsang, und tatsächlich kapituliert der Klatschkolumnist Baby Schimmerlos irgendwann vor der Macht des Mammons und führt den Geltungssüchtigen in die Münchner Schickeria ein. 1997 spielt Adorf noch einmal für Dietl in der Komödie „Rossini“.

Auch Claude Chabrol verpflichtet ihn, und sein Auftritt in „Stille Tage in Clichy“ berührt vielleicht noch heute derart, weil Dieter Wedel kurze Zeit später ein ganz ­anderes Adorf-Bild schafft. „Der große Bellheim“ (1992) beschwört nicht nur die Kraft eines Unternehmers alter Schule, das Projekt rückt den Schauspieler zudem in eigenwilliger Weise in eine unangreifbare Überzeitlichkeit. Adorf fühlt sich wohl in dieser neuen Situation, kommt, befreit von aller Beweislast, ins Plaudern – und macht auch daraus wieder eine neue Figur.

Zu seinem 75. Geburtstag ist er mit dem musikalischen Theaterabend „Da capo ­Mario“ durch die Republik gezogen, einer Persiflage auf deutsche Fernsehgalas. Nun geht er auf Lesereise mit der Autobiografie „Schauen Sie mal böse!“. Diesen Satz sagte 1957 der Regisseur Robert Siodmak zu ihm, als sie gemeinsam „Nachts, wenn der Teufel kam“ drehten. Adorf bekam dafür den Deutschen Filmpreis. „Da hat mir mein Studium schon sehr geholfen“, sagt er. „Ich hatte eine Zeit lang Kriminologie belegt. Da habe ich von den großen Mordfällen gehört und ­erfahren, wie Sexualmörder funktionieren.“

In seinem jüngsten Buch schildert Adorf, illustriert mit eigenen Zeichnungen, Begebenheiten aus seinem bewegten Schauspielerleben. An Abschied denkt er nicht. „Ich habe Freunde, die in vollem Saft aufhören mussten und in ein Loch fielen“, sagt er. „Ich empfinde großes Glück, weitermachen zu können, ohne Pause, ohne Krise. Man kann nur Danke sagen.“

Fühlt Mario Adorf sich altersweise? „Ich weiß überhaupt nicht, was das ist. Ich kann bei mir keine große Veränderung entdecken. Ich habe vermieden, mich zu wiederholen, Rollen genauso zu spielen, wie ich sie schon mal gespielt habe, mich auf meine Wirkung zu verlassen.“ Auch auf Lesereise wird er wieder ganz Mann von Welt sein – und seinen Besuchern sicher ein Lächeln schenken.

Am 26. Oktober ist Mario Adorf von 19.30 Uhr an zu Gast im Mozartsaal der Liederhalle. Karten gibt es telefonisch unter 07 11 / 55 06 60 77 oder im Netz unter: www.mruss-tickets.de.