Marilyn Manson in der Stuttgarter Porsche Arena Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der US-Schockrocker Marilyn Manson, Kronprinz der Dunkelheit, holt am Donnerstag Abend in der Porsche Arena seine Kernkompetenzen aus der Trickkiste: Lautstärke und Entertainment. 4500 Zuschauer fühlen sich ein bisschen unterhalten und ziemlich verarscht

Stuttgart - Die Rebellion und der „Shock Rock“ sind vorbei. In der Einlassschlange vor der Porsche-Arena rollt eine halbvolle Flasche Sekt-Mixgetränk durch die Beine der Wartenden, eine junge Frau surft auf dem Smartphone ihr Online-Banking-Portal an, und eine andere mutmaßt, sie werde ihre Jacke am nächsten Tag lieber nicht zur Arbeit tragen: „Stinkt jetzt schon nach Rauch.“ Selbst die religiösen Missionare verteilen keine ­Broschüren mehr vor den Hallentoren oder versuchen Seelen zu retten, wenn Marilyn Manson in der Stadt ist. Da sind Fans und Pfandsammler.

Auch Mansons Kunstverständnis hat sich längst selbst überholt. Der 46-Jährige, von den Eltern einst Brian Warner getauft, ­schockiert längst nicht mehr – und er weiß das. Marilyn Manson ist eine hässliche Grußkarte aus den USA der späten 1990er Jahre. Damals krächzte er finstere Lieder über die Außenseiter und den Hass der anderen. Doch Homophobie, religiöser Übereifer, Schönheitswahn, Hass – die miese Welt, die Manson einst karikierte, gehört mittlerweile flächendeckend zum schlechten Ton.

Zwischen Lichtkegeln und Selbstzerstörung

Manson wiederum fängt sein Konzert mit einem schlichten Gruß vom Band an: „Satan Is Real“, einer Country-Gospel-Nummer der Louvin Brothers, kunstvoll überblendet in „The Devil Is A Lie“ von US-Rapper Rick Ross – möge jeder seine eigenen Schlüsse aus diesen Botschaften ziehen.

Er selbst zieht sein Ding sowieso durch, ­irgendwo zwischen Lichtkegeln, anstän­diger Lautstärke und etwas zur Schau ­gestellter Selbstzerstörung feuert er „Deep Six“, „Disposable Teens“ und „mObscene“ in die volle Halle – druckvoll wie eine unfreiwillige Begegnung mit einem sehr großen Lastkraftfahrzeug, allerdings auch ähnlich filigran. Die Magie der Musik Mansons liegt seit je in der immensen Wucht seines stumpfen Haudrauf-Elektrorocks. Die ­feineren Momente finden sich in seinen durchaus pointierten Texten. „Sweet ­Dreams“, den alten Eurythmics-Gassen­hauer, hat sich Warner längst zu eigen gemacht. Er singt auf hohen Stelzen und langen Krücken, die wie Prothesen anmuten, und torkelt dabei ungelenk über die Bühne. Es sieht gleichermaßen grotesk wie beeindruckend aus. Ganz zu schweigen von anderen Bühnenutensilien wie Messer, Gewehr und Co.

Doch die langen Pausen zwischen den Stücken sind der Stimmung in der Halle kaum zuträglich. Nach ein paar Liedern schon wirkt Manson wie ein Fußballer, der auf Zeit spielt, bisher aber vergessen hat, sich einen formidablen Vorsprung herauszuspielen. Um bei Fußball zu bleiben: der Mann und seine Band spielen einen Zuckerpass und rennen zur Seitenlinie – erst mal Wasser trinken – anstatt das Tor zu machen.

„Stuttgart ist ein mieser Ort zum Sterben“

„Eigentlich hatte ich geplant, mir hier auf der Bühne den Schädel wegzublasen“, sagt Manson. „aber Stuttgart ist ein mieser Ort zum Sterben.“ Letzteres wiederum ist Auslegungssache, nur muss sich Manson aber trotzdem fragen lassen, weshalb er kaum ­etwas unternommen hat, zur Besserung des Umstands beizutragen.

Mit dem Stampfer „Dopeshow“ reißt Manson das Ruder herum. Nur um das beim folgenden „Antichrist Superstar“ noch zu toppen: Er steht am erhöhten Rednerpult, das ob seiner Optik stark an dunkle deutsche Kapitel erinnert. Dabei verbrennt er eine ­Bibel. Noch vor zehn Jahren hätte das ­geschockt. Mittlerweile ist das Enter­tainment, mehr nicht. Auch etwas plump, gehört der Bühnenstunt doch schon seit ­Jahren zu seinem Repertoire.

Nach gerade mal elf Liedern ist Schluss

Dann ist plötzlich Schluss, nach gerade mal elf Liedern, die allesamt nicht so lange sind, um circa 80 Minuten auszulasten. „Fuck You“, schreit einer durch die Halle. Niemand widerspricht. Ein junger Mann sagt: „Manson hat es den dummen Langweilern hier gezeigt.“ Irgendwo dazwischen muss die gefühlte Wahrheit liegen.

Dieses Mal hat Manson seine Freunde ­geschockt, die ihm auch durch den Karriereknick die Treue hielten. Die Kunstfigur ­Marilyn Manson ist ein Auslaufmodell. ­Brian Warner selbst scheint sich durch seine Malerei und Schauspielrollen, etwa als ekelhafter Neonazi in der Serie „Sons of Anarchy“ weit treffender ausdrücken zu können. Das ist der größte Schock des Abends.

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