Unsere Kolumnistin Elisabeth Kabatek empfiehlt: Schauen Sie mal beim Marienplatz in Stuttgart vorbei! Es lohnt sich, verspricht sie.
Vier Herren sitzen sehr entspannt auf der Terrasse des Café Kaiserbau am Marienplatz im Stuttgarter Süden. Sie sehen aus, als ob die Zeit im Leben, als sie sich beeilen mussten, schon eine Weile hinter ihnen liegt. Die lebhafte Unterhaltung wird auf Schwäbisch geführt.
Stammgäste seien sie, erklären sie auf Nachfrage, und dass der Marienplatz in Ordnung sei, unter schwäbischen Kriterien ein geradezu überschwängliches Lob. Ja, er ist schwer in Ordnung, der Marienplatz. Wie hat er sich in den letzten 25 Jahren verändert! Ende der neunziger Jahre Dschungel und Treffpunkt der Drogenszene, zu Beginn des Jahrtausends Umbau zur baumlosen Betonwüste, die zunächst allergrößte Skepsis und Ablehnung auslöste.
Das erweiterte Wohnzimmer
Doch dann kam das Marienplatzfest und der Wochenmarkt, und aus den mickrigen Baumsetzlingen wurden echte Kastanien, ein Eiscafé verhalf dem Platz zu einer Mitte und schlägt gleichzeitig den Bogen zum Zirkus, der hier einmal stand. Vor allem aber kamen die Menschen und machten den Marienplatz zu ihrem erweiterten Wohnzimmer.
1937 von den Nazis in Beschlag genommen, die ihn zum „Platz der SA“ deklarierten und Aufmärsche veranstalteten, gehört er heute wieder allen: den Handwerkern, die im Café Frühstückspause machen und deren Arme so mit Tätowierungen überzogen sind, dass die Haut kaum mehr sichtbar ist, den Freundinnen, die sich zum Ratschen treffen, der Mutter mit dem Kinderwagen, dem Hipster mit Bart und Mützchen und den älteren Semestern in Wanderklamotten, die über eine Karte gebeugt auf die Zacke warten, und allen, die kein Schwäbisch, sondern Türkisch, Griechisch oder Arabisch sprechen.
Es ist diese Mischung aus Alt und Jung, aus Laugenbrezel und Avocadobagel, aus Schwäbisch und Rei’gschmeckt, die den Marienplatz ausmacht. Dieses Feeling von leben und leben lassen. Man würde sich beinahe wünschen, dass Herr Höcke einmal hier im Café Platz nehmen und die Atmosphäre auf sich wirken lassen würde. Mit im Schnitt 18,5 Prozent ist der Ausländeranteil in Baden-Württemberg mehr als doppelt so hoch als in Sachsen, Thüringen oder Brandenburg, was zeigt, dass die Angst vor dem Fremden geschürt und angeheizt wird von einer Partei, die in ihren gruseligen Wahlspots stramme blonde Männer mit einer computergenerierten Armee aus Frauen kontrastiert, die Burkas tragen.
185 Nationen leben hier zusammen
Nein, Stuttgart ist keine Stadt, in der alles gut ist, aber sehr vieles ist gut. Menschen aus 185 Nationen prägen sie, sie tanzen beim Ballett, stehen bei Porsche am Band, führen Unternehmen oder backen die Pizza beim Italiener. Die Gesellschaft, die sich Höcke & Co. wünschen, ist nicht nur rassistisch, sie ist auch gähnend langweilig. In ihr ist kein Platz für Migrantenvereine, interkulturelle Einrichtungen oder thailändische Restaurants. Stuttgart und Württemberg allein den Schwaben? Nein, danke!