1990 musste der Betriebshof dem Heslacher Tunnel Platz machen. Foto: SSB

Einst prägte der SSB-Betriebshof den Marienplatz ebenso wie der Kaiserbau. Vor 50 Jahren wurde dort jedoch der Depotbetrieb eingestellt. Bis es 1990 endgültig abgerissen wurde und Platz für den Heslacher Tunnel machte, diente es zeitweise auch als Brauereilager.

S-Süd - Vor 50 Jahren, am 2. September 1963, schloss der Betriebshof Marienplatz endgültig seine Tore. Das Gebäude stand einst im Dreieck zwischen Hauptstätter und Filderstraße, dort, wo heute das Geschäftsgebäude Südtor steht und die B 14 verläuft. Nach 68 Jahren entsprach der 1895 eröffnete Betriebshof nicht mehr den veränderten Anforderungen. Er war noch für pferdebetriebene Straßenbahnen gebaut worden und nicht für die elektrisch angetriebenen Stahlwagen, die von 1954 an eingesetzt wurden.

Der Betriebshof im Süden war das dritte Straßenbahndepot in Stuttgart, nach der Halle Berg beim Mineralbad und der Halle Westend zwischen Schwab-, Augusten- und Reuchlinstraße. Im Stil des Historismus erbaut, zeichnete sich das Gebäude am Marienplatz durch Türmchen, Zinnen und Erker aus. Wie schon im Westen machten sich die Architekten auch am Marienplatz den Höhenunterschied im Gelände zunutze: Das Bauwerk war doppelstöckig, zwei Wagenhallen lagen übereinander, eine dritte kleinere daneben. Darin befanden sich nicht nur die Bahnen, sondern auch Pferdeställe und ein 25 Meter tiefer Brunnen, um die Tiere zu tränken. Zu Hochzeiten waren dort 250 Mann – Fahrer, Schaffner, Schlosser und Hallenarbeiter – beschäftigt.

Wichtiger Verkehrsknotenpunkt Marienplatz

Das Marienplatz-Depot stand für eine neue Ära der Stuttgarter Straßenbahnen (SSB). Es war das erste Bauvorhaben, dass der SSB-Chef Ernst Lipken nach der Fusion der zwei ehemaligen Konkurrenten, der eher konservativen Stuttgarter Pferdeeisenbahngesellschaft und der dynamischeren Neuen Stuttgarter Straßenbahngesellschaft, angegangen war. Der Marienplatz wurde ausgewählt, weil er Ende des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt war. Dort kreuzten sich die Hauptlinie von Heslach durch die Stadt und die so genannte Rundbahn vom Westen über den Marienplatz. Nur wenige Meter entfernt, im heutigen Theater Rampe, unterhielt die Filderbahn den Filderbahnhof, die damalige Talstation der Zahnradbahn Zacke.

Nach dem Zweiten Weltkrieg diente das im Volksmund „Ritterburg“ genannte Gebäude am Marienplatz auch als Hauptverwaltung, weil das Verwaltungsgebäude an der Friedrichstraße 1944 zerbombt worden war. In den Nachkriegsjahren zeichnete sich jedoch ab, dass der Betriebshof zu klein geworden war. Rangiermanöver von Bussen und Stadtbahnlinien wurden durch den zunehmenden Autoverkehr schwierig. Doch erst 1963 bekamen die Straßenbahnen ein neues Depot, als die Gleise von Heslach in Richtung Vogelrain und Heideklinge verlängert worden waren. Dort entstand das neue Depot.

Türmchen und Flügelrad sind noch im Süden zu finden

Die Hauptverwaltung der SSB blieb bis Mitte der 1970-er Jahre am Marienplatz, dann zog sie ins neue SSB-Zentrum nach Möhringen. Die alten Wagenhallen nutzte die Brauerei Dinkelacker zwischenzeitlich als Lagerraum. Um 1990 wurden dann alle SSB-Gebäude am Marienplatz abgerissen, um der Zufahrt für den geplanten Heslacher Tunnel Platz zu machen.

Von der alten Ritterburg hat nur wenig überlebt. Einer der Ziegelsteintürme steht in der Nähe der Zackelinie an der Liststraße. Am Treppenabgang zum Marienplatz findet sich eines von drei erhaltenen steinernen Ornamenten: das Flügelrad, Symbol der Straßenbahner. Die Drehscheibe aus der unteren Wagenhalle, Relikt aus der Pferdebahnzeit, wurde zwar zwischenzeitlich im Straßenbahnmuseum ausgestellt, ist aber inzwischen verschrottet worden.

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