Frauenbewegte Küchenflucht: Maria Furtwängler in „Alles muss glänzen“ Foto: Theater

Maria Furtwängler gibt ihr Debüt als Hauptdarstellerin im Theater in Berlin. In der schwarzen Untergangskomödie „Alles muss glänzen“ spielt sie die Hausfrau und Mutter Rebecca, die so ganz anders ist als ihre berühmte Fernsehkommissarin Charlotte Lindholm. Wo aber ist sie besser?

Berlin - Die Maria-Furtwängler-Exegese, eine Wissenschaft für sich, hat festgestellt: Frau Furtwängler will es noch mal wissen. Ihre Kleider auf dem roten Teppich werden gewagter, ebenso ihre Filme – zuletzt zeigte sie in der Arthouse-Produktion „Das Wetter in geschlossenen Räumen“ viel nackte Haut als auch im Bett engagierte Charity-Lady. Und nun stürzt sie sich ins Theater! Die in ihrem 50. Lebensjahr angekommene Schauspielerin gibt zum ersten Mal eine Hauptrolle!

Zwar ist sie in der Komödie am Kurfürstendamm schon einmal aufgetreten, vor vier Jahren in „Gerüchte, Gerüchte“, aber da verdingte sie sich als Gleiche unter Gleichen. Jetzt möchte sie das von Sonden umkreiste, alles überstrahlende Zentralgestirn sein, das in jeder Sekunde der 90 Bühnenminuten leuchtet – in der mit grimmigem Humor gesegneten Untergangskomödie „Alles muss glänzen“ von Noah Haidle.

Zunächst glänzt in Berlin aber wieder der rote Teppich. Maria Furtwängler muss ihn aus naheliegenden Gründen schwänzen, aber alle, die ihr Debüt als Hauptdarstellerin sehen wollen – das sind viele –, passieren vor der Premiere ein Blitzlichtgewitter. Es geht über Ursula von der Leyen nieder, über Bibiana Beglau, Dominic Raacke, Nico Hofmann und einer Reihe anderer Zelebritäten, die man kennen kann, wenn man Vorabendserien guckt. Und es geht nicht zuletzt auch über Hubert Burda nieder, den Ehemann von Frau Furtwängler, der als erfolgreicher Zeitschriftenverleger gut im Geschäft ist.

Die Übermutter glaubt an die heile Welt drinnen und draußen

Geld kann es nicht sein, das seine Ehefrau zum Theater treibt. Ruhm auch nicht, denn selbst in tausend Theaterjahren könnte sie nie die Berühmtheit erlangen, die sie sich in 15 „Tatort“-Jahren erarbeitet hat: Ihre in Hannover ermittelnde Charlotte Lindholm ist eine zeitgemäß untergekühlte Kommissarin, die den Beruf wichtiger nimmt als die Familie. Rebecca aber, in „Alles muss glänzen“, hat keinen Beruf, es sei denn jenen der Hausfrau und Mutter: Familie geht ihr über alles! Eine altmodische Anti-Charlotte ist das und für Furtwängler die Gelegenheit, sich dem Publikum von einer ganz anderen, warmen Seite zu zeigen: Als fürsorglich aufgedrehte Übermutter glaubt sie an die heile Welt drinnen und draußen.

Dieser Glaube ist ein Irrglaube. Denn die Welt geht unter in der Komödie des 1978 in Michigan geborenen Noah Haidle, der an Rebeccas Küche die Sintflut klopfen lässt. Im Wortsinne, weshalb Rebecca nur die Tür öffnen muss, um eine hereinspringende Flunder fürs Abendessen zu fangen. Wie gerne würde sie jetzt mit ihrer Familie das Dinner einnehmen! Das Tischgebet sprechen! Das Geschirr spülen! Aber es ist niemand da. Ihre Tochter ­Rachel verschwindet zum Abschlussball, was noch das kleinste Problem ist. Ganz verschwunden, wie von Wassermassen verschluckt, sind zuerst ihr Ehemann, dann ihr Sohn, der vor einem Jahr den Vater suchen ging.

Statt ihrer werden nun andere Menschen in das Reich zwischen Herd und Bügelbrett geschwemmt: Gary, der Rachel zum ­Abschlussball ausführt; die Nachbarin Gladys, die sich aus sexueller Frustration in der Toilette die Kugel gibt; der Lateinlehrer Mr. Chalmers, der als erfolgloser Vergewaltiger die Nachbarschaft unsicher macht – und ein Zeuge Jehovas, der die Apokalypse predigt, in Ekstase gerät und Rebeccas Küche zerlegt. Verrückte Welt, verrückte Gäste. Und was macht die verrückte Gastgeberin?

Eine auf flinke Soap-Dialoge setzende Farce

Rebecca öffnet allen ihr Herz. Sie geht freundlich mit den Menschen um, bringt Verständnis für alle Gescheiterten auf, vorurteilslos, ein Fels in der Martini-Brandung, in der sie leicht angeheitert planscht, umkost von Hits aus ihren Jugendjahren, die aus dem Röhrenradio kommen. Eine bedingungslose Idealistin, die fast ebenso bedingungslos die Realität ihrer kaputten Familie verdrängt – in einer mit alttestamentarischen Motiven spielenden, mit Splatter-Elementen angereicherten, auf flinke Soap-Dialoge setzenden Farce, der Haidle eine vielsagende Widmung vorangestellt hat: „Für meine Mutter Andrea Haidle, die uns beschützte, und für jede Mutter, die diejenigen, die sie liebt, beschützt. Also für alle“, schreibt der Dramatiker. Und meint es ernst.

Denn so sehr er „Alles muss glänzen“ zwischen American Dream und Universal Nightmare schillern lässt, wie es im Programmheft heißt, so sehr singt er das Lob der Frauen, die sich für ihre Familie aufopfern, tiefschwarz grundiert, aber im Kern unironisch. Das verdient alle Sympathie der Welt.

Ernst mit dem Mutterlob meint es am ­Ku’damm auch die bekennende Feministin Maria Furtwängler. Die Bühne zeigt eine im 50er-Jahre-Stil eingerichtete Küche mit blauen Schränken und roten Resopalplatten, zu denen Rebecca die passende Kleidung trägt, rotes Kleid mit neckischer weißer Schürze, dazu abermals rote High Heels zur Krönung der langen, makellosen Beine.

Unbeholfen deklamieren vernichtet sie Pointen

Erotisch top und kämpferisch auch, denn nachdem ihr der Zeuge Jehovas einzureden versucht hat, dass das Armageddon komme, weil Gott die Menschen für ihre Schuld verdamme, verlässt Furtwänglers Rebecca zum ersten und einzigen Mal ihre Küche. „Verdammt? Ich?“, fragt sie sinngemäß, schnappt sich entschlossen ein Mikro und schreitet auf einer Rampe dem Publikum entgegen. Dann zählt sie stolz ihre Leistungen auf, einen Katalog alltäglicher Verrichtungen wie Kochen und Waschen, Putzen und Trösten, einzig der Hege und Pflege der Familie dienend und im Grunde nichts anderes als: Liebe. Tätige Liebe. Tag für Tag. Im Theater brandet für Furtwängler jetzt Szenenapplaus auf.

Dass das Manifest der Hausfrau und Mutter gefeiert wird, geht inhaltlich in Ordnung. Schauspielerisch aber – jetzt muss es raus – eher nicht. Furtwängler erreicht bei ihrer frauenbewegten Küchenflucht nämlich einen Höhepunkt an Steifheit und Hölzernheit, an unbeholfener Textdeklamation, ­deren Fadheit fast ihr gesamtes Spiel durchzieht. Ihre Stimme trägt nicht und ist zu ­Nuancen kaum fähig, sie bleibt trocken und tonlos auch da, wo sie vor Impulsivität beben müsste. Und als müsste Furtwängler diesen Mangel gestisch ausgleichen, holt sie zu großem, opernhaftem Gerudere aus und vernichtet damit vollends die Pointen der hübsch durchgeknallten Haidle-Groteske.

Das Publikum will seinen Star hautnah sehen

Dass es in der Aufführung trotzdem etwas zu lachen gibt, ist den Nebendarstellern zu verdanken, die mit ihren Auftritten die Hauptdarstellerin in den Schatten stellen – und der Regie von Ilan Ronen, Vater der in Berlin und andernorts gefragten Bühnenfrau Yael Ronen, der mehr als ein Jahrzehnt das Habima-Theater in Tel Aviv geleitet hat. Weil er in Israel weitgehend ohne Subventionen auskommen musste, weiß er, wie man mit witzigen Einfällen Zuschauer fängt: Am Ku’damm kommt die Sintflut aus dem Duschkopf.

Trotz aller Mäkeleien wird die Furtwängler-Show natürlich ein Erfolg werden. Das Publikum will seinen Star hautnah auf der Bühne sehen, was auch der hinter der Produktion stehenden Theaterfirma Santinis von Herzen gegönnt sei. Auch Santinis kommt ohne Subventionen aus und muss als Privatveranstalter ums Überleben kämpfen, kaum anders als die Bühne, die sich die Produktionsfirma für „Alles muss glänzen“ angemietet hat. Lange Zeit drohte die ebenfalls private, auf Boulevard spezialisierte Ku’damm-Komödie von Investoren zermalmt zu werden. Mit viel Verhandlungsgeschick hat sie der Berliner Kultursenator vor dem Untergang gerettet.

Und dass nun auch Maria Furtwängler zu diesem Theater-Happy-End beiträgt, versöhnt uns sogar mit ihrer vor Fürsorge überfließenden Rebecca: Mutterliebe kennt keine Grenzen. Jetzt lässt sie sogar die Kassen klingeln. Und das ist gut so.

Bis 26. März, täglich außer montags. Infos im Netz: www.komoedie-berlin.de
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