Die Filmemacherin Margarethe von Trotta hat im Alter von 75 Jahren ihre erste Komödie, „Forget about Nick“, gedreht. Foto: dpa

Woody Allens Komödien haben ihr als Inspiration gedient: Mit „Forget about Nick“ hat Margarethe von Trotta ihre erste Komödie gedreht. Im Interview spricht die 75-Jährige über deutschen und amerikanischen Humor, sexuelle Erpessungen im Filmgeschäft und den Streit um die Berlinale.

Stuttgart - Als der junge deutsche Film in den Sechzigern und Siebzigern politisch, biestig und streitlustig wurde, war Margarethe von Trotta schon mit dabei: erst als Schauspielerin, dann als Regisseurin. An einen Komödie hat sich die von 1971 bis 1991 mit Volker Schlöndorff verheiratete Filmemacherin aber erst jetzt, im Alter von 75 Jahren, gewagt. Zum Start von „Forget about Nick“ haben wir im Stuttgarter Kino Atelier am Bollwerk mit ihr gesprochen.

Frau von Trotta, Sie sind bekannt für Ihre Porträts unabhängiger, politisch engagierter Frauen wie Rosa Luxemburg oder Hannah Arendt. In Ihrem neuen Film „Forget about Nick“ zanken sich zwei Frauen um eine Wohnung und einen Mann. Wo bleibt denn da das Politische?
Ich habe ja nicht nur politische Filme gemacht. Ich habe drei Filme in Italien gemacht, bevor ich nach Deutschland zurück gekommen bin, darunter „Drei Schwestern“ („Fürchten und Lieben“, 1988, Anm. d. Red.) nach Tschechow, auf eine moderne Art. Für „Hannah Arendt“ haben ich und meine Drehbuchautorin Pam Katz acht Jahre gebraucht – für die Recherche, und weil niemand den Film haben wollte. Für eine Liebesgeschichte zwischen Hannah Arendt und Martin Heidegger hätten wir sicher eher Geld bekommen, aber so war es schwierig. Und deshalb wollten wir jetzt etwas anderes machen.
Ihr Film wurde zwar hauptsächlich in Deutschland gedreht, spielt aber in New York. Warum?
Pam Katz ist New Yorker Jüdin, und sie hat gesagt, wir könnten doch eine Komödie machen, eine „sophisticated Comedy“, im Stil von Woody Allen.
Zugespitzt gesagt, bewegt sich der deutsche Film gegenwärtig zwischen zwei Sphären: Es gibt düstere Dramenstoffe oder massentaugliche Komödien wie „Fack ju Göhte“. Sehen Sie das ähnlich?
In Deutschland gibt es eben keine „sophisticated Comedy“. Das gab es früher, bevor Hitler die Juden vertrieben hat. Jüdische Filmemacher wie Billy Wilder konnten das. Es gibt sicherlich gute Komödien in Deutschland, aber die haben etwas anderes. Deswegen tun sich die Leute hier vielleicht schwer damit; „Komisch, ich lache ja gar nicht, also ist es keine Komödie!“
Die Arbeit von Pam Katz liegt zwischen Komödie und Drama, wie Woody Allens „Stadtneurotiker“. Bräuchte das deutsche Kino mehr Leichtigkeit?
Naja, Woody Allen zeigt im „Stadtneurotiker“ Großstadtmenschen, die einen intellektuellen Standard haben und sich darüber lustig machen, sich selbstironisch betrachten. Die New Yorker sehen das Leben völlig anders als wir. Ich möchte mich nicht aufspielen und anderen eine Lektion erteilen. Ich finde es aber erstaunlich, was die anderen Nationen schaffen, was da für gewaltige Filme entstehen. Und das fehlt bei uns ein bisschen.
Woran liegt das denn?
Ich denke da schon an unsere Förderungspolitik. Wir können kaum Filme machen, ohne dass das Fernsehen dabei ist. Und das Fernsehen bremst, im intellektuellen Sinn. Richtig rabiat, wild und radikal kann man im Fernsehen nicht sein.
Private Dienste aus den USA wie Netflix schaffen das aber.
Das habe ich persönlich noch nicht so verfolgt, aber ich weiß schon, dass die dem Kino den Rang abgelaufen haben. Um 1968 gab es ein anderes Klima in Deutschland, ein Aufbegehren gegen die ältere Generation, die uns alles verschwiegen hat. In Amerika ist bis heute vielleicht noch mehr über die soziale und politische Wirklichkeit zu berichten. Bei uns ist irgendwie immer diese Bremse drin, als ob man besonders wohlerzogen sein will.
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