„Ich legte das Ohr an den Boden und es schien mir, als seien die Pflanzen froh, etwas über die Geheimnisse ihres Wachstum erzählen zu können“, schrieb Margarete von Wrangell. Foto: Universität Hohenheim

Sie ging allein ins Theater, lauschte den Pflanzen und machte ihre Mitarbeiter zu Chauffeuren – vor 100 Jahren wurde Margarete von Wrangell an der Universität Hohenheim als erste Frau auf einen Lehrstuhl berufen. Wer war sie? Was kann man von ihr lernen?

Ohne ihre Mutter hätte Margarete von Wrangell vielleicht weiter jenes „stumpfe, ignorante, sinnlose“ Leben geführt, als das sie das ihre empfand. „Kommt den wirklich gar nichts Packendes, Lebendes, Lebenslohnendes?“, fragt die junge Frau in ihren Aufzeichnungen. Es ist das ausgehende 19. Jahrhundert. Margarete, genannt Daisy, geboren 1877 in das Deutschordensgeschlecht der von Wrangell, lebt im estnischen Reval. Sie besuchte die Mädchenschule, schließt mit Lehrerinnendiplom ab, tut Dinge, die einer höheren Tochter nicht entsprechen: Sie spielt Tennis, geht allein ins Theater oder zum Tanz, schreibt und plant, einen Revaler Frauenclub zu gründen.

 

Ihren Wunsch, Naturwissenschaften zu studieren, befindet der Familienrat als „unnütz und emanzipiert und nicht standesgemäß“. – „Und so führte ich ein scheinbar ausgefülltes, aber innerlich unbefriedigendes Leben mit geselligen Verpflichtungen, Reisen.“ Es ist Ida Marie von Wrangell, die den Bildungshunger der Tochter, ihres einzigen Kindes, das nicht früh stirbt, versteht. Sie selbst war als junge Frau begeistert Gouvernante, hatte das Unterrichten aber aufgegeben, als sie den russischen Offizier Baron Karl Fabian von Wrangell heiratete.

Nun, bereits Witwe, zieht sie 1904 mit Tochter Daisy und Tante Amalie in eine geräumige Wohnung in der Melanchthonstraße in Tübingen um, wo damals die ersten Frauen zum Studium zugelassen werden. Der Tübinger Rektor nennt es „die Straßenwalze der Frauenbewegung“ – dabei kommt Margarete eher auf dem Fahrrad daher. Als einzige Frau radelt sie mit einer Gruppe von Studenten und Professoren bis nach Venedig. Margarete von Wrangell studiert Botanik und Chemie und beschreibt ihre 1400 Kommilitonen als „verstümmelte Korpsburschen mit Hunden. Damen sind es bis jetzt nur drei, hoffentlich Antiduellantinnen.“ Und später dann: „Meine Konkneipanten in den Hörsälen haben sich an mein Gesicht gewöhnt.“

„Verstümmelte Korpsburschen“

Es ist diese Beobachtungsgabe, ein gnadenloses Urteilsvermögen und eine feine Ironie, die in ihrer Biografie aufscheinen. Dazu kommt ihr blaublütiges Selbstbewusstsein. Die junge Frau ist diszipliniert, weltgewandt und selbstgewiss. Anderen gegenüber beschreibt sie sich in einer Generationenreihe mit Generälen, Polarforschern und Entdeckern. Feldherr Carolus von Wrangel kämpfte im 30-jährigen Krieg. Nach Admiral Wilhelm Wrangel sind die Wrangel-Inseln benannt. „Meine ersten Kindheitserinnerungen sind erfüllt von Bildern des russischen Militärlebens: Reitübungen im Kasernenhof, glänzenden Paraden und jene Güte und Sorgfalt, die der unverdorbene russische Soldat im Verkehr mit Kindern an den Tag legt“, schreibt sie in ihren Erinnerungen.

Für die Historikerin Katja Patzel-Mattern ist es auch die privilegierte Herkunft, diese selbstverständliche Dominanz, die ihr den Weg zur ersten Professur für eine Frau in Deutschlands ebnet. Dass Bildungserfolg vom Elternhaus abhängt, sei noch immer so: Von 100 Akademikerkindern machen zehn einen Doktortitel, von 100 Nichtakademikerkindern eines, sagt Patzel-Mattern beim Festakt für von Wrangell in Hohenheim.

Forschen mit Marie Curie

1909 promoviert die Chemikerin in Tübingen. Ihre Thema: die „Isomerieerscheinungen beim Formglutaconsäureester und seinen Bromderivaten“. Sie forscht nun unter anderem in London und Paris bei Madame Marie Curie. Als diese 1912 schwer erkrankt schreibt sie: „Ich hätte so gern noch viel von dieser genialen Frau gelernt.“ Sie kehrt in die alte Heimat zurück, leitet die Versuchsstation des Estländischen Landwirtschaftlichen Vereins. Als sie sich nach der Oktoberrevolution weigert, ihre Station den Revolutionären zu übergeben, wird diese geschlossen, die Leiterin verhaftet.

Stummer Austausch mit den Pflanzen

Nach dem Ersten Weltkrieg aber ist die Forscherin die richtige Frau zur richtigen Zeit. Sie beschäftigt sich nun an der Universität Hohenheim mit Phosphor, jenem chemischen Element, das künstlichen Dünger so wirkungsvoll macht. Deutschland muss Phosphor teuer aus Amerika und Peru importieren. Von Wrangell will wissen, wie man mit weniger Phosphor gleich viel und noch mehr Ernte einfahren kann. Sie will wissen, wie man Hunger verhindert. Es ist eine zurückgezogene Zeit: „Ich wollte so wenig wie möglich mit Menschen zu tun haben, die sic h missverstehen und verfolgen, ich lebte mit den Pflanzen, ich legte das Ohr an den Boden und es schien mir, als seien die Pflanzen froh, etwas über die Geheimnisse ihres Wachstums erzählen zu können.“

Dieser stumme Austausch von Mensch und Botanik macht andere hellhörig. Das Reichsernährungsministerium der Weimarer Republik und die Düngemittel-Industrie interessieren sich sehr für von Wrangells Forschung. Dass sie 1923 zur Professorin eines neuen Instituts für Pflanzenernährung in Stuttgart-Hohenheim berufen wird, hat deshalb nicht nur mit ihrem Wissen und Forschergeist zu tun. Industrie und Politik knüpfen eine Förderung von 75 Millionen Mark an ihre Person. „Margarete von Wrangell war schon damals stark im Einwerben von Drittmitteln“, sagt Torsten Müller, einer der Leiter des Nachfolgeinstituts. Gelder aus der Wirtschaft einzutreiben ist eine Fähigkeit, die noch heute wissenschaftliche Karrieren beflügeln kann.

Männer versuchen sie zu stoppen

Im Berufungsverfahren erlebt die damals Mitte Vierzigjährige, was ihren Weg immer begleitet hat: Männer begegnen ihr entweder als Förderer oder Widersacher. Sie fragen, ob eine Frau überhaupt in der Lage sei, ein solches Institut zu leiten. Einige werfen ihr Plagiate vor und versuchen sie zu stoppen. „Ich habe viele Kämpfe in meinem Berufe“, so nüchtern beschreibt die Wissenschaftlerin selbst das. Aber sie setzt sich durch, auch weil sie längst schlau ein Netz aus Unterstützern um sich geknüpft hat.

Ihr Durchsetzungswille ist etwas, das von Zeitgenossen als Stärke wie als Schwäche beschrieben wird. Ihr Institut führt sie feldherrenhaft, ihre Mitarbeiter müssen jederzeit verfügbar sein, kutschieren die Chefin als Chauffeure umher. Wenn eine Arbeit drängt, darf es keinen Feierabend und keine Familie geben. Aber Margarete von Wrangell wird auch als fürsorglich und mütterlich beschrieben. Sie ist Patriarchin im Wortsinn.

Heirat mit 51 Jahren

Ob sie ihren Mann nur aus Mitgefühl heiratet, als sie schon 51 Jahre alt ist, bleibt unklar. Über ihr Verhältnis zu Männern ist kaum etwas bekannt. Als Mädchen ist sie eng mit den wilden „kaukasischen Vettern“, den Brüdern Andronikow. Als einer von ihnen, der verschollen geglaubte Wladimir, 1926 in Belgrad entdeckt wird, wo er ein elendes Leben fristet, heiratet sie ihn und bringt ihn „endlich, gleich mir, in die stillen gastlichen Täler des lieben Schwabens“.

Ab 1931 wird sie immer kränker. Seit sie als Kind Scharlach hatte, plagen sie Nierenentzündungen und Lungenkrankheiten. 1932 hält sie noch einmal Vorlesungen. Man hat ihr dafür einen Saal im Institut eingerichtet, der Weg zum Schloss ist zu beschwerlich. Am 31. März 1932 stirbt die erste Professorin Deutschlands.

Sie war keine Feministin

Was bleibt von ihr? „Sie erkannte, dass schwer lösliche Phosphate im Boden in pflanzenverfügbare Formen umgewandelt werden können“, sagt Torsten Müller, der das Fachgebiet Düngung und Bodenstoffhaushalte in Hohenheim leitet. Wie man Phosphat aus nachhaltigen Quellen gewinnen kann, wird noch heute an der Universität erforscht. Der Rohstoff ist endlich.

Und für die Frauen? Margarete von Wrangell war keine Feministin, ist sich die Forschung einig. Sie vernetzte sich mit anderen Professorinnen, stand der Frauenbewegung aber eher ablehnend gegenüber. Sie ging vielmehr anderen Frauen voraus, indem sie in merkelhafter Weise ihren Weg an die Spitze verfolgte – lange Zeit recht einsam. Erst in den 70er Jahren wurde in Hohenheim die zweite Professorin berufen. 1997 besetzten Frauen nur 5,5 Prozent der Lehrstühle in Baden-Württemberg. Heute ist es jeder vierte.

Quellen: Ulrich Fellmeth (Hg.):
Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg. Maja Riepl-Schmidt:
Die blaublütige Professorin. In: Wider das verkochte und verbügelte Leben. Frauen-Emanzipation in Stuttgart seit 1800.

Quellen für diesen Text

Ulrich Fellmeth (Hg.)
Margarete von Wrangell und andere Pionierinnen. Die ersten Frauen an den Hochschulen in Baden und Württemberg.

Maja Riepl-Schmidt
Die blaublütige Professorin. In: Wider das verkochte und verbügelte Leben. Frauen-Emanzipation in Stuttgart seit 1800.