Die Lage an den Stuttgarter sonderpädagogischen Bildungszentren ist prekär. Davon ist nun auch die Margarete-Steiff-Schule betroffen. Wie wirkt sich auf den Schulalltag aus, dass 500 Lehrerwochenstunden fehlen? Zwei Schüler und die Schulleiterin berichten.
Marvin und Julian finden, dass sie an ihrer Schule „die besten Lehrer“ haben, „die es gibt“. Aber seit einigen Monaten könnten diese nicht mehr so für sie da sein wie gewohnt, berichten die 16-jährigen Schülervertreter aus der Margarete-Steiff-Schule. Das setze ihren Lehrkräften spürbar zu. „Man sieht es an ihren Gesichtsausdrücken“, sagt Marvin. Wenn diese ihnen zum Beispiel mal wieder sagen müssten, dass sie ein Unterrichtsthema schieben müssten, merke man, wie weh ihnen das tue. „Sie wollen uns etwas beibringen, aber sie haben nicht die Chance“, meint Julian.
In diesem Schuljahr habe sich die Lage tatsächlich „massiv verschlechtert“, berichtet auch die Leiterin der Margarete-Steiff-Schule, Marita Lang. Der Lehrermangel, von dem bisher vor allem die sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) mit den Förderschwerpunkten geistige Entwicklung und Lernen betroffen waren, betreffe nun auch verstärkt ihre Schule. Diese ist das einzige SBBZ in Stuttgart mit dem Förderschwerpunkt körperliche und motorische Entwicklung. Erstmals musste Marita Lang „Schulangebotsstunden“ streichen. Die Folge der Reduzierung um fünf Stunden: „Wir können das Recht auf Bildung nicht mehr voll einlösen.“
500 Lehrerwochenstunden fehlen
Der Schritt sei jedoch unumgänglich gewesen. Die Schule sei in diesem Schuljahr nur noch zu 70 Prozent mit Lehrerwochenstunden versorgt, umgerechnet fehlten um die 500 Lehrerwochenstunden. Das liegt auch an der wachsenden Schülerzahl – in Kürze knacken sie die 190er-Marke. Vor fünf Jahren seien es 160 gewesen. „Bisher ging es immer irgendwie, aber irgendwann geht’s nicht mehr“, sagt die Schulleiterin.
Sie weist auf die Herausforderungen ihrer Schule hin, die verschiedene Bildungsgänge parallel anbietet. Viele Kinder haben neben der körperlichen eine geistige Beeinträchtigung, werden also auch nach diesem Bildungsplan unterrichtet, dazu kommen die schwerstmehrfachbehinderten Kinder, die noch einmal ganz anders gefördert werden müssen – und schließlich die Kinder und Jugendlichen, die den Haupt- oder Werkrealschulabschluss anstreben. Die Bedarfe seien komplett unterschiedlich – und alle hätten das „gleiche Recht auf Bildung“.
Die Klassen sind überbelegt
Die Schule hat weniger beim Unterricht selbst als beim Nachmittagsangebot gestrichen, es gibt auch keine Arbeitsgemeinschaften mehr. Ein „großer Verlust“ sei das. Auch eine große gemeinsame Pause fiel der Situation zum Opfer genauso wie Fahrten ins Schullandheim.
Viele Klassen an der Schule sind zudem größer, als es der Klassenteiler vorsieht. Statt sechs sitzen meist acht Kinder im Unterricht. Wegen der Rollstühle, Hilfsmittel sowie der Assistenzkräfte wird es immer enger. 32 Klassen könnten oder sollten sie eigentlich bilden, stattdessen seien es wegen der Überbelegung 28 Klassen. „Darunter leidet die Förderung“, sagt Marita Lang. Marvin zum Beispiel hat erst nach seinem Wechsel auf die Margarete-Steiff-Schule gelernt, mit der Hand zu schreiben, weil sich eine Lehrerin dafür mit dem damaligen Fünftklässler die Zeit nahm. Solche Einzelförderungen wären aktuell nicht mehr möglich.
Der Wegfall der Arbeitsgemeinschaften und der begleiteten Pause sei hart für viele Schüler. „Die AGs sind eine Möglichkeit, etwas zu erleben, was Spaß macht“, sagt auch Marvin in seiner Funktion als Schulsprecher. Die fehlende Pause führe dazu, dass Kontakte wegbrechen. Viele Schüler hätten außerhalb der Schule keine Möglichkeit, andere zu treffen und soziale Kontakte zu pflegen – umso wichtiger sei die Begegnung in der Pause. „Mir fehlt die Pause. Jetzt ist man immer im gleichen Raum“, sagt der 16-Jährige. Manche seien richtig traurig geworden,weil sie ihre ehemaligen Klassenkameraden nun nicht mehr sehen könnten. „Das geht auf die Psyche“, sagt er.
Eltern spüren, dass Kinder fünf Stunden weniger in der Schule sind
Aber auch für die Eltern ist es natürlich eine Herausforderung, wenn ihre Kinder kürzer an der Schule sind als gewohnt. Das bedeute einen Wegfall an Entlastung, sagt Lang. Wegen der Einschränkungen ihrer Kinder kämen alternative Betreuungsangebote nicht infrage, da könnten auch die Großeltern nicht einspringen. Entsprechend verzweifelte Mütter und Väter haben sich bei ihr bereits gemeldet.
Vor wenigen Tagen hat ein Krisengespräch beim Staatlichen Schulamt stattgefunden. Da hat Marita Lang erfahren, dass sie nächstes Schuljahr Stand jetzt mit zwei neuen Sonderschullehrern planen kann, außerdem interessierten sich vier Personen für den Direkteinstieg. Die Lücke bleibt also groß. Marita Lang ist froh über jede Kraft, aber Direkteinsteiger bräuchten – wie Quereinsteiger – eine gute Begleitung durch einen Mentor oder eine Mentorin, weil sie ihre Qualifikation parallel absolvieren. Das binde zunächst Kapazitäten. Sie hofft entsprechend, dass sie auch weitere Sonderpädagogen finden, die in ihrer Schule arbeiten wollen. „Sie wissen gar nicht, wie gut sie es haben könnten“, wirbt Julian für seine Schule. Die Lehrer hätten eine „enge Bindung“ zu den Schülern – und umgekehrt.
Umfrage zeigt hohe Arbeitsbelastung
Umfrage
Auch der Verband Bildung und Erziehung sieht das Recht auf Bildung an den sonderpädagogischen Schulen im Land als gefährdet an. Eine Umfrage des Verbands, die im Frühjahr 2024 vorgestellt wurde, ermittelte eine enorm hohe Arbeitsbelastung. Fast alle der 452 Befragten (98 Prozent) schätzen ihre aktuelle Arbeitsbelastung als hoch (38 Prozent) bis sehr hoch (60 Prozent) ein. „Fehlendes Fachpersonal in Lehre und Pflege, hohe Krankenstände infolge permanenter Überlastung, zu viel Bürokratie und eine missglückte Umsetzung der Inklusion gefährden die Beschulung von körperlich und geistig beeinträchtigten Kindern“, so der VBE-Landesvorsitzende Gerhard Brand in einer Mitteilung. Allerdings würden auch sechs von zehn der befragten Lehrkräfte (63 Prozent) ihren Beruf weiterempfehlen.
Förderschwerpunkte
Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren gibt es in Baden-Württemberg mit folgenden Schwerpunkten: Lernen, Sprache, emotionale und soziale Entwicklung, geistige Entwicklung, Sehen, Hören, körperliche und motorische Entwicklung sowie für Schülerinnen und Schüler mit längeren Krankenhausaufenthalten.