Die Stuttgarter Kickers laufen Gefahr, den Anschluss zur Spitze zu verlieren. Wo sieht Trainer Marco Wildersinn vor dem Spiel gegen seinen Ex-Club TSG Hoffenheim II Luft nach oben? Warum verliert sein Team regelmäßig die Spielkontrolle?
Nach drei sieglosen Regionalligaspielen in Serie wollen die Stuttgarter Kickers an diesem Freitag (19 Uhr/Gazi-Stadion) gegen die TSG Hoffenheim II wieder zurück in die Erfolgsspur. Für Trainer Marco Wildersinn ist es ein besonderes Spiel.
Herr Wildersinn, fast ein Drittel der Saison ist vorbei. Haben Sie sich die Aufgabe leichter vorgestellt?
Leicht ist es nie. Es ist immer Arbeit, gerade wenn du in einem neuen Verein die Spielidee verändern willst. Das ist immer ein Prozess – mit Fortschritten, aber auch immer wieder mit Rückschritten. Für mich war klar, dass die Regionalliga Südwest eine anspruchsvolle Liga ist, die viele enge Spiele mit sich bringen wird.
Anders als in Bayern, deren Regionalliga Sie aus Würzburger Zeiten kennen?
Definitiv. Wenn ich mir etwa anschaue, dass der FSV Frankfurt auf Platz zwei liegt, der SGV Freiberg auf Platz 13 – dann kann ich da wenig Unterschiede in der Qualität feststellen. Momentum, Eingespieltheit, Selbstvertrauen machen viel aus, genauso die Dynamik in gewissen Saisonphasen.
Dynamik, die die Blauen nach dem Aufstieg vergangene Saison von Anfang an hatten.
Ja, die Euphorie, die guten Ergebnisse brachten ein gewisses Selbstverständnis. Das suchen wir aktuell noch, das müssen wir uns noch holen. Von daher war mir klar, dass es nicht ganz einfach sein wird, aber wir haben es uns im bisherigen Saisonverlauf auch oft selbst schwer gemacht.
Warum verliert die Mannschaft in Spielen, die sie eigentlich komplett im Griff hat, so häufig ihre Linie, ihre Ordnung, ihre Stabilität?
Ich glaube, dass wir als Team – was gewisse Abläufe betrifft – einfach noch nicht so gefestigt sind. Wir machen Dinge phasenweise richtig gut, dann machen wir Dinge im Kollektiv wieder schlechter und eben nicht so, wie wir sie besprochen haben. Dann kommen individuelle Fehler hinzu, die den Gegner zu Chancen und Toren kommen lassen. Die Jungs sind gewillt, schaffen es aber noch nicht, es konstant über 90 Minuten auf die Platte zu bringen.
Liegt’s womöglich an mangelnder Fitness?
Wir haben gut gearbeitet im Sommer und haben generell die Anzahl der Trainingseinheiten erhöht, auch mit solchen Umstellungen muss die Mannschaft erst einmal klarkommen. Vielleich kostet unsere Spielweise ein paar Körner mehr, aber es liegt nicht an der Fitness, in Freiberg konnten wir hintenraus auch zulegen.
Bleibt das Kernproblem die fehlende Durchschlagskraft im letzten Drittel?
Dies ist ein Thema, an dem wir dran sind, aber genauso wie an den Themen Standardsituationen, mehr Ruhe am Ball, Box-Verteidigung und so weiter. Es ist immer die Summe aus allem. Aber klar wollen wir natürlich vorne viele Situationen besser zu Ende bringen.
Die Nachverpflichtung Meris Skenderovic hat noch nicht wie gewünscht gezündet.
Er blieb bisher deutlich unter seinen Möglichkeiten und spielt unglücklich. Er bringt noch nicht das, was wir uns von ihm erhofft haben. Es ist bei Meris noch deutlich Luft nach oben, wie bei vielen anderen auch.
„Jeder muss eine Schippe draulegen“
Das trifft auch auf die Defensive zu, die zu viele Chancen des Gegners zulässt?
In Freiberg lassen wir in der ersten halben Stunde gar nichts zu. Dann schleichen sich die ersten Fehler ein. Der Gegner macht es aber auch in einigen Situationen gut. Da müssen junge Spieler wie etwa Nyamekye Awortwie-Grant dann noch etwas Lehrgeld zahlen. Aber auch ein erfahrener Mann wie David Kammerbauer war vor dem 1:1 nicht gut gestanden. Da muss jeder einzelne Spieler eine Schippe drauflegen, wir müssen 90 Minuten lang auf der Höhe sein.
Fehlt es dem Team an Körpergröße, körperlicher Robustheit, wie sie etwa am Freitag Ex-Kickers-Spieler Ruben Reisig im Hoffenheimer Dress mitbringt?
Du musst dich immer körperlich durchsetzen, das nehmen meine Jungs auch an. In Freiberg hat Lukas Kiefer den einiges größeren Yannick Osee bei Standards extrem gut verteidigt. Wir können uns keine größeren Spieler backen.
„Wenig Emotionalität wird hochkommen“
Aber verpflichten.
Ja, es geht aber häufig zu Lasten von anderen Dingen. Ich wünsche mir eben auch schnelle, bewegliche, dynamische Spieler – die Mischung muss stimmen.
Sie waren von 2013 bis 2020 bei der TSG Hoffenheim II. Wie besonders ist das Spiel für Sie?
Ich kenne die Betreuer noch, den Manager, ansonsten sind alle neu. Es war eine lange, schöne und lehrreiche Zeit, aber mit den aktuellen Spielern auf dem Feld hatte ich nichts zu tun. Im Rückspiel in Hoffenheim wird es dann im Dietmar-Hopp-Stadion vielleicht etwas anders sein. Aber am Freitag wird wenig Emotionalität hochkommen bei mir.
Wie wichtig wäre ein dreifacher Punktgewinn nach drei sieglosen Spielen, um den Kontakt nach oben nicht abreißen zu lassen.?
Jedes Spiel, jeder Sieg ist wichtig, unabhängig von der Tabellenkonstellation. Die Liga wird eng bleiben, ich glaube nicht, dass ein Team wegmarschiert. Aber natürlich wollen wir gewinnen, auch für unser Gefühl, dass wir uns für unseren Aufwand belohnen.
Es gibt Stimmen, die behaupten, für mehr als einen Platz zwischen vier und acht reicht es in dieser Saison für die Kicker nicht. Was halten Sie dagegen?
Dass wir uns jetzt auf Hoffenheim konzentrieren. Wir müssen uns in gewissen Bereichen steigern, dann kann es auch mehr werden. Wenn wir das nicht schaffen, dann kommt diese Einschätzung vielleicht hin. Am Ende liegt es an uns. Wir haben noch genügend Spiele vor uns.
Wie schwierig ist es eigentlich, bei 27 Spielern im Kader, inklusive den U-19-Spielern David Mitrovic und Nevio Schembri sowie dem noch verletzten Marian Riedinger, die Stimmung in der Mannschaft hochzuhalten?
Wir müssen Spiele gewinnen, damit die Stimmung positiv ist. Für die Spieler, die es nicht in den Kader schaffen, gilt es, hart zu arbeiten. Jeder hat die Chance, sich zu zeigen und auf sich aufmerksam zu machen. Jeder ist seines Glückes Schmid. Ich sehe keinen Stinkstiefel, keinen, der sich hängen lässt.
Wie geht es aus am Freitag?
Wir gewinnen. Ob mit 1:0, 4:3, 4:0 oder 5:4, ist mir egal.
Zur Person
Karriere
Marco Wildersinn wurde am 29. September 1980 in Baden-Baden geboren. Seine Jugendzeit verbrachte er beim FC 04 Rastatt. Dann wechselte er zum Karlsruher SC. Von 2005 bis 2008 spielte der Innenverteidiger für die Stuttgarter Kickers. Als Trainer arbeitete er am längsten bei der TSG 1899 Hoffenheim (2013 bis 2020). 2018 erwarb er die Uefa-Pro-Lizenz, die höchste deutsche Trainerlizenz. Von 2022 bis 2024 trainierte er die Würzburger Kickers in der Bayern-Regionalliga. Seit 18. Juni 2024 ist Wildersinn Chefcoach der Stuttgarter Kickers.
Persönliches
Er ist verheiratet mit Annabelle. Sie haben einen Sohn (Theo/4). Hauptwohnsitz ist Wössingen in der Nähe von Bretten. (jüf)