Marco Grüttner hat den Übergang vom Spieler zum Sportlichen Leiter gut gemeistert. Foto: Baumann/Hansjürgen Britsch

Der SGV Freiberg muss sein Regionalliga-Heimspiel an diesem Samstag gegen Kickers Offenbach in Nöttingen austragen. Der Sportliche Leiter Marco Grüttner spricht über die Stadionproblematik, den Saisonstart des Aufsteigers und seine eigene Rolle.

Es ist ein Heimspiel, das auswärts über die Bühne geht: Regionalliga-Aufsteiger SGV Freiberg muss an diesem Samstag (14 Uhr) gegen Kickers Offenbach aus Sicherheitsgründen ins 70 Kilometer entfernte Nöttingen ausweichen. Der Sportliche Leiter Marco Grüttner (36) nimmt dazu Stellung und äußert sich über sportliche Themen.

 

Herr Grüttner, wie fällt Ihr kleines Zwischenfazit seit Saisonbeginn aus?

Klar sind wir nicht freiwillig im WFV-Pokal in Bissingen ausgeschieden, in diesem Wettbewerb wären wir schon gerne noch im Rennen. In der Liga haben wir uns nach zwei unglücklichen Auftaktniederlagen jedoch gefangen und sind froh, gepunktet zu haben.

Beim 2:0 gegen den FC 08 Homburg und dem 0:0 bei Hessen Kassel spielte Ihr Team zudem zu Null.

Wir hatten das Defensivverhalten nach den fünf Gegentoren in der ersten beiden Regionalligaspielen thematisiert. Wir haben zu viele einfache, vermeidbare Gegentore kassiert. Mal lag es an individuellen Fehlern, mal haben wir nicht mit letzter Mentalität verteidigt.

Die Philosophie Ihres Trainers Ramon Gehrmann ist grundsätzlich offensiv ausgerichtet. Er gewinnt lieber 6:3 als 3:0.

Das mag so sein. Aber wir mussten einfach mehr Kompaktheit in unser Spiel bringen. Gegen Homburg haben wir Ruben Reisig als stabilisierenden Faktor ins Mittelfeld eingebaut – an der Seite von Marco Kehl-Gomez und Christian Mistl. Das wirkte sich schon mal positiv aus.

Vier der fünf Punktspieltore des SGV hat Ihr 31 Jahre alter Neuzugang Ouadie Barini erzielt. Es war nicht unbedingt zu erwarten, dass er die Regionalliga rockt.

Dass er Tore machen kann, hat er schon bewiesen. Früher schon mal bei uns in Freiberg, aber auch beim VfR Aalen, und auch beim KFC Uerdingen hat er Regionalligaerfahrung gesammelt. Dass es so gut bei ihm läuft, freut uns natürlich sehr. Seine Abschlussqualitäten brauchen wir.

Zumal Marcel Sökler, vergangene Runde 30 mal erfolgreich, noch auf seinen ersten Saisontreffer wartet. Was ist los mit dem Torjäger außer Dienst?

Auch in Kassel hatte er eine dicke Chance, aber der Ball will einfach nicht über die Linie. Er arbeitet weiter hart im Training. Ich bin ganz sicher, der Knoten wird bald platzen. Wenn er einmal trifft, ist das wie eine Befreiung. Ich kenne das aus meiner Zeit als Stürmer.

„Ich kann nicht in Marcel hineinschauen“

Ramon Gehrmann mutmaßte, dass das Angebot der Stuttgarter Kickers nicht spurlos an ihm vorüber ging. Glauben Sie das auch?

Ich kann nicht in Marcel hineinschauen. Aber ich kann mir nur schwer vorstellen, dass dies damit zu tun hat, dass er in der Liga noch nicht getroffen hat. Ich weiß nur, dass er ein sehr wichtiger Spieler für uns ist.

Dessen Abgang für Sie ein Thema war?

Nein, nie.

Wird sich bis zum Ende der Transferperiode noch in irgendeine Richtung beim SGV etwas tun?

Grundsätzlich ist das möglich, es sieht aber so aus, als dass wir nichts mehr machen werden. Wenn, dann eventuell im Torwartbereich.

Maximilian Otto von den Kickers wurde schon beim SGV gehandelt.

Er ist derzeit kein Thema.

Wie haben sich die drei Spieler entwickelt, die Sie von den Kickers verpflichtet haben?

Ruben Reisig fehlte zunächst angeschlagen, er hat – wie gesagt – zuletzt wesentlich zur Stabilität beigetragen. Mohamed Baroudi hat bei den Blauen bewiesen, was er kann. Nachdem er körperlich nun besser in Schuss ist, erwarten wir, dass er bei uns den nächsten Schritt macht. Lirim Hoxha zeigt im Training, was er drauf hat. Nach dem Pokal-Aus und den null Punkten aus den ersten beiden Spielen, setzte der Coach mehr auf erfahrene Spieler. Er wird seine Chance noch bekommen.

„Ich vermisse nichts“

Wie haben Sie selbst den Übergang vom Profi zum Sportlichen Leiter gemeistert? Kribbelt es nicht manchmal noch?

Ganz ehrlich: Ich vermisse nichts. Ich genieße es, nicht mehr selbst auf dem Platz zu stehen und ein bisschen mehr Zeit für die Familie zu haben.

Wie oft machen Sie Sport?

Nach der vergangenen Saison und dem hochemotionalen Ende in Nöttingen habe ich sechs Wochen nullkommanull gemacht. Jetzt gehe ich regelmäßig joggen und mache Kräftigungsübungen. Man soll ja wegen des Herzens nicht abrupt aufhören, außerdem bin ich nicht der Typ, der gerne mit einem Kessel durch die Gegend läuft (lacht).

Erst hieß es, Ex-Sportdirektor Christian Werner würde dem SGV in beratender Funktion erhalten bleiben. Nun ist er komplett als Chefscout für Waldhof Mannheim unterwegs.

Ja, er ist komplett weg und hat sich von der Mannschaft verabschiedet. Ich denke, es ist gut, wenn jeder weiß, woran er ist.

Am kommenden Samstag müssen Sie aus Sicherheitsgründen Ihr Heimspiel gegen Kickers Offenbach im 70 Kilometer entfernten Nöttingen austragen. Wie ärgerlich ist das?

Es ist sehr schade, dass wir gegen den OFC nicht daheim spielen können, sondern gegen den wohl attraktivsten Gegner der Liga ausweichen müssen. Aber es geht nun mal nicht anders, und deshalb sind wir froh, dass wir mit dem FC Nöttingen einen tollen Gastgeber gefunden haben.

Wie viele weitere Spiele werden Sie im Laufe der Saison in Nöttingen austragen müssen?

Die Lage wird immer wieder neu bewertet. Derzeit sieht es so aus, als dass wir in der Vorrunde alle weiteren Heimspiele in Freiberg austragen können. Danach müssen wir wahrscheinlich gegen den SSV Ulm 1846 ausweichen. Wir haben ja keine Fans, die Radau machen, deshalb besteht kein allzu hohes Risiko.

Mit der fehlenden Fan-Kultur haben Sie sich abgefunden?

Wir hatten gegen den VfR Aalen 800 und gegen den FC 08 Homburg 700 Zuschauer im Stadion, das ist schon mal eine Steigerung gegenüber früher. Wenn ich an meine Zeit als Spieler in Aalen zurückdenke, dann waren damals vielleicht 20 fähnchenschwenkende Fans auf der Gegentribüne. Jetzt waren 250 VfR-Anhänger auswärts bei uns dabei. Es kann sich also schon etwas entwickeln, wenn man ein paar Jahre in der Liga spielt, aber nicht auf die Schnelle. Wir setzen auf fußballbegeisterte Menschen in unserer Region.

„Wir wollen uns etablieren“

Wo sehen Sie die mittelfristigen Perspektiven des SGV?

Wir wollen uns in der Regionalliga etablieren. Dann muss man schauen, wie sich alles entwickelt, was in der Stadt und in dem Verein möglich ist. Derzeit wird mit wenig Manpower viel geleistet.

Hat der SGV nicht zu wenig Eigengewächse und Spieler aus der Region im Kader?

Ich bin der Erste, der gerne Spieler aus der Region im Kader hat. Aber nur mit Jungen geht es nicht, wir brauchen die erfahrenen Kräfte. Mit Philip Markovic haben wir einen A-Jugendlichen hochgezogen. Zudem steht unser Co-Trainer Walid Khaled, der gleichzeitig unser U-19-Coach ist, für eine gewisse Durchlässigkeit.

Noch ein Blick in die Oberliga. Wie schätzen Sie Ihre Ex-Clubs Stuttgarter Kickers und SG Sonnenhof Großaspach ein?

Die Kickers haben eine brutal starke Mannschaft. Es wird schwer für die Konkurrenz, ihnen den Direktaufstieg streitig zu machen. Andererseits ist die Oberliga eine Überraschungsliga, in der die SG Sonnenhof nach ihrem WFV-Pokal-Aus optimal aus den Startlöchern gekommen ist. Ich würde beiden den Aufstieg gönnen, wobei die Kickers ja eigentlich in die dritte Liga gehören.