Die Pariser Tänzer Marion Barbeau, Arthus Raveau, Stéphane Bullion und Marc Moreau (von links) in Marco Goeckes neuem Ballett „Dogs sleep“ Foto: Ann Ray

Marco Goecke ist zum ersten Mal an die Pariser Oper eingeladen. „Dogs sleep“ heißt das neue Ballett des ehemaligen Stuttgarter Haus-Choreografen, zu dem er sich vom Hund an seiner Seite anregen ließ.

Paris - Als Gustav vor rund zehn Jahren in Marco Goeckes Leben auftauchte, führte der Dackel des Choreografen im Stuttgarter Opernhaus ein Leben im Geheimen. „Bitte erwähnen Sie den Hund nicht, er darf eigentlich gar nicht hier sein“, wurden Journalisten nach Gesprächen mit dem Choreografen des Stuttgarter Balletts gebeten. Und es war ganz leicht, den Illegalen zu ignorieren. Denn der kleine Hund liegt in der Regel friedlich in einer Tasche und verfolgt von dort aus Interviewpartner und Tänzer bei Proben mit sanftem Dackelblick - oder verschläft alles.

Nun kommt Gustav, der in Monaco schon mit Prinzessin Caroline speiste, in Paris groß heraus. „Dogs sleep“ heißt das neue Ballett von Marco Goecke, der sich bei seinem ersten Auftrag für das Ballettensemble im Palais Garnier vom Hund an seiner Seite inspirieren ließ. „Gustav ist immer dabei, wenn ich arbeite“, sagt sein Herrchen. „Ich habe mir überlegt, was er während der Proben und von den vielen Stücken, deren Entstehen er miterlebt hat, alles wahrnimmt, was er träumt, wie sein Schlaf aussieht.“

Wie belastbar ist die Erinnerung?

Geprägt ist das Stück für sieben Tänzer, das am Dienstag im Rahmen eines neuen, dreiteiligen Abends in der Pariser Oper Premiere hatte, von einer anrührenden Melancholie. Immer wieder verschlingt der über den Boden wabernde Nebel die Figuren, nur ein transparenter Vorhang hindert ihn am Vordringen in Orchestergraben und Parkett. Immer wieder lösen sich die kleinen Gruppen, zu denen sich die Tänzer wie Schemen im für Goecke typischen, mondkalten Halbdunkel finden, genauso spukhaft wieder auf. Dann lassen sie einen einsam Agierenden zurück, der sich mit schnellen Gesten der Belastbarkeit seiner Erinnerungen zu vergewissern scheint.

Im Nebel verschwinden nicht nur die dunkel gekleideten Beine der Tänzer, er schluckt auch die Tiefe des Raums, scheint die sonst angespannte Nervosität in Goeckes Bewegungen zu mildern. Verlustängste werden sichtbar, die den Choreografen vielleicht auch privat umtreiben. Nach dem schweren Abschied vom Stuttgarter Ballett muss sich dessen langjähriger Hauschoreograf in sein neues Leben als Ballettdirektor in Hannover, das im Herbst beginnt, einfinden. „Dogs sleep“ erzählt aber auch vom Schicksal des Alterns, das Einsamkeit und Einschränkungen – wie im Fall von Hund Gustav das langsame Erblinden – mit sich bringt.

Goecke arbeitet mit den Etoiles

In Paris hat Marco Goecke auf Wunsch von Aurélie Dupont mit den erfahrenen Tänzern der Kompanie gearbeitet. Die Direktorin des Pariser Opernballetts hat das Werk Goeckes in Den Haag kennen gelernt, wo der Choreograf regelmäßig für das Nederlands Dans Theater arbeitet. „Sie hatte mich gleich nach ihrer Ernennung 2016 angesprochen, hatte aber damals Bedenken, dass ihre Tänzer die Arbeit mit mir konditionell nicht schaffen“, erzählt Goecke vor der Premiere. Inzwischen sind die Pariser Tänzer fit, Goecke arbeitete für „Dogs sleep“ nur mit Etoiles und Premiers danseurs. Mit sieben Solisten ist die Besetzung klein, sie wurde dem Choreografen vorgeschlagen. „Bei insgesamt 154 Tänzern hätte ich Wochen gebraucht, um eine Besetzung zusammenzustellen“, sagt Marco Goecke. Neu war für den Choreografen auch, dass die Tänzer in Frankreich stark gewerkschaftlich organisiert sind. „Da trifft man sich, wenn kurz vor der Premiere die Zeit knapp wird, nicht so einfach mal an einem Sonntagvormittag zu Proben wie in Stuttgart.“

Vielleicht liegt es am Fehlen der Extrazeit, dass „Dogs sleep“ nicht die Dringlichkeit entwickelt, die man von Goecke gewohnt ist. Vielleicht liegt es auch am schwierigen Raum im Pariser Opernhaus, wo ein breiter Orchestergraben den Tanz auf Distanz hält. Goecke überbrückt sie, indem er plötzlich den transparenten Vorhang hebt und der Nebel den Orchestergraben flutet; von dort erklingt statt Sentimentalem von Ravel nun Debussys „Fêtes“. Unabhängig von der Musik bleibt Goeckes tänzerische Analyse kühl, und doch gibt es Albtraumhaftes wie ein Wesen, das sich gleich Füsslis Nachtmahr auf einem Sofa krümmt.

Musikalische Verbeugung vor Paris

Am Ende hat mit einem Song von Sarah Vaughan in „Dogs sleep“ die Hoffnung das letzte Wort. „April in Paris“ ist wie die komplette Musikwahl an diesem Abend auch eine Hommage an die französische Hauptstadt. Zu Debussys „Faun“ lässt Sidi Larbi Cherkaoui am Anfang tanzen; seinen Pas de deux kennt man auch in Stuttgart. In Paris geben die Tänzer Juliette Hilaire und Marc Moreau der animalisch gefärbten Flirtakrobatik Würde. Der Schwede Pontus Lidberg füllt am Ende für seine Uraufführung „Les Noces“ Orchestergraben und Bühne: 44 Sänger und vier Pianisten kommen unten hinzu, 18 Tänzer stürzen sich oben in Strawinskys Hochzeits-Ritual. Riesige Rosenknospen und –blüten veranschaulichen fast zu deutlich die Symbolik des Spektakels, das Paare in kreiselnde Tumulte stürzt. Deren emotionale Motivation lässt Lidberg jedoch im Unklaren, auch wenn er sein Ballett als buntes Tanztheater inszeniert.

Das Pariser Publikum spendet allen drei Stücken freundlichen, aber kurzen Applaus. 350. Geburtstag feiert die Opéra de Paris in diesem Jahr. Als hemmende Bürde hat Goecke die große Tradition des Hauses bei seiner Arbeit nicht empfunden, vielmehr freut er sich darüber, dass er nun dort angekommen ist, wo er sich als junger Tänzer hinträumte. Die Arbeit von Aurélie Dupont verfolgt er aufmerksam: „Ich finde gut, wie sie das Haus zu öffnen versucht. Als zukünftiger Ballettdirektor weiß ich inzwischen auch, wie schwer es ist, gute Choreografen zu finden. Und mein erklärter Wunsch für Hannover ist ja, möglichst viele verschiedene Stile zu zeigen.“

Im April wird Goecke in Hannover seine erste Spielzeit vorstellen: Davor gibt es am 16. März in Stuttgart Neues von ihm, wenn er für Gauthier Dance ein Stück zum Duo-Abend „Deuces“ beisteuert. Dackel Gustav wird sich hier wie dort auf den Frühling freuen und auf mehr Grün, das in Paris selbst mit guten Augen schwer zu finden ist.

Weitere Vorstellungen von „Cherkaoui/Goecke/Lidberg“ im Palais Garnier an 17 Abenden bis einschließlich 2. März

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